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Norddeutschland Heute sollten die Flüchtlinge einziehen
Nachrichten Norddeutschland Heute sollten die Flüchtlinge einziehen
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11:15 10.02.2015
Am helllichten Tag wurde das als Flüchtlingsunterkunft hergerichtete Holzhaus angezündet.
Am helllichten Tag wurde das als Flüchtlingsunterkunft hergerichtete Holzhaus angezündet. Quelle: Fotos: Timo Jann
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Escheburg

Das rote Zweifamilienhaus aus Holz, in das heute sechs Flüchtlinge aus dem Irak einziehen sollten, ist durch Ruß und Löschwasser völlig unbewohnbar. Gestern gegen 13.15 Uhr, vermutet die Polizei, haben Unbekannte durch ein eingeschlagenes Fenster einen Brandsatz geworfen. „Wir waren zum Glück schnell am Einsatzort und konnten Schlimmeres verhindern“, sagte Escheburgs Wehrführer Ingo Arndt vor Ort. „Das hätte hier auch ganz anders ausgehen können.“

Der oder die Täter hatten offenbar vorgehabt, das erst vor wenigen Wochen von der Gemeinde für 300 000 Euro als Flüchtlingsunterkunft angekaufte Haus völlig niederzubrennen. Als Brandsatz verwendeten sie einen Kanister, der mit hochentzündlicher Lösungsflüssigkeit gefüllt und mit brennenden Lappen präpariert war. Laut Staatsanwaltschaft hatte ein Bauarbeiter, der in der Nähe zu tun hatte, rechtzeitig den Rauch bemerkt und die Feuerwehr verständigt. So gerieten nur Holzfußboden und Möbel des für die Bewohner hergerichteten Essplatzes in Brand.

Eine Anwohnerin aus der gepflegten Siedlung beobachtete den Einsatz und war schockiert. „Das ist eine abscheuliche Tat, wer macht denn so etwas?“, fragt die 46-Jährige. Auch Bürgermeister Rainer Bork war sofort zum Ort des Geschehens geeilt. „Wir haben hier im Dorf zwar schon längere Zeit Diskussionen über die Unterbringung von Asylbewerbern, aber dass das Thema so eskaliert, hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Die Anwohner waren am Freitag persönlich über den bevorstehenden Einzug der irakischen Flüchtlinge informiert worden. Seitdem war bei einigen der Unmut groß gewesen. Die Staatsanwaltschaft macht keine Angaben dazu, ob der Täter in ihren Reihen zu suchen ist.

Nach Angaben der Amtsverwaltung Hohe Elbgeest war das Gebäude ursprünglich für Familien vorgesehen gewesen. „Wir haben aber keinen Einfluss darauf, wer uns zugewiesen wird“, sagt Verwaltungschefin Brigitte Mirow. Erst kurzfristig sei bekannt geworden, dass ausschließlich Männer in das Haus einziehen würden. Möglicherweise habe das die Ängste unter den Anwohner verstärkt. „Für uns spielt es aber letztlich keine Rolle, wer kommt oder woher jemand kommt. Wer Schutz und Unterkunft sucht, soll sie bei uns auch finden“, betont Mirow. Daher sei der Brandanschlag auch eine so eine verachtenswerte Tat.

Die Politik fand gestern ebenfalls deutliche Worte. „Wir werden es nicht zulassen, dass von Fremdenhass gesteuerte Täter die Unterbringung von Flüchtlingen verhindern“, erklärte SPD-Fraktionschef Ralf Stegner. Schleswig-Holstein sei ein weltoffenes Land. „Heimtückisch“ nannte Eka von Kalben, Fraktionschefin der Grünen, den Anschlag. „Mich entsetzen dieser unergründliche Hass und diese Verantwortungslosigkeit.“ Der Lauenburger Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz (Grüne) erinnerte jedoch, „dass es auch bei uns im Kreis inzwischen ein großes ehrenamtliches Engagement und sehr viel Solidarität mit Flüchtlingen gibt“. Bei allem Entsetzen über den Anschlag sei das gleichwohl sehr ermutigend.

Timo Jann und Oliver Vogt