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06:00 09.03.2019
Beim Arzt gibt es kostenpflichtige „Igel“-Angebote. „Igel“ steht für „Individuelle Gesundheitsleistungen“. Quelle: Fotolia
Kiel/Berlin

Mehr als jedem vierten Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen haben Mediziner im vergangenen Jahr in Deutschland „Igel“-Leistungen angeboten. „Und das hängt weniger vom Alter und dem Gesundheitszustand ab als von seinem Portemonnaie“, sagt Klaus Zok, Leiter der Studie „Private Zusatzleistungen in der Arztpraxis“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Bei den Befragten mit einem Einkommen unter 2000 Euro wurden 21,6 Prozent von ihrem Arzt auf „Igel“ angesprochen, bei Personen mit über 4000 Euro Einkommen waren es 35,4 Prozent. „Das lässt am medizinischen Nutzen vieler dieser Leistungen zweifeln“, meint Zok. Befragt wurden etwa 2000 Versicherte.

Nutzen wissenschaftlich nicht erwiesen

„Patienten sollten kritisch bleiben und sich von ihrem Arzt ausführlich erklären lassen, warum sie zusätzliche Untersuchungsmethoden in Anspruch nehmen sollten“, empfiehlt AOK-Vorstandsvorsitzender Tom Ackermann. Es habe einen „guten Grund“, dass eine ärztliche Leistung nur als „Igel“ angeboten werden dürfe. In der Regel sei der Nutzen wissenschaftlich nicht nachgewiesen. „Wenn wissenschaftlich belegt ist, dass eine Leistung sinnvoll ist, wird sie als Kassenleistung angeboten“, sagt auch Volker Clasen, Sprecher der Techniker Krankenkasse (TK) in Kiel.

Frauenärzte bieten am häufigsten „Igel“ an

Mit Abstand am häufigsten werden von Medizinern laut Studie Ultraschalluntersuchungen (26,9 Prozent) – vor allem zur Krebsfrüherkennung bei Frauen – gefolgt von Glaukomfrüherkennung (18,1 Prozent) angeboten. Blutuntersuchungen und Laborleistungen machen weitere elf Prozent der Angebote aus. Die meisten „Igel“-Angebote gibt es bei den Frauenärzten, auf sie entfallen rund 28 Prozent der privatärztlichen Leistungen. Danach folgen Augenärzte mit einem Anteil von 22 Prozent, Orthopäden (13 Prozent), Hautärzte (sechs Prozent) und Urologen (drei Prozent). Dabei geht die Initiative in der Mehrzahl der Fälle (74,7 Prozent) vom Arzt aus. Etwa drei Viertel der Patienten, die eine eine „Igel“-Leistung angeboten bekommen, nehmen sie auch in Anspruch.

Mehrere hundert Angebote

Hinter der Kurzform „Igel“ verbergen sich verschiedenste Untersuchungs- und Therapieverfahren. Schätzungen gehen von mehreren hundert Angeboten aus. Eine komplette Liste gibt es nicht, lediglich eine Zusammenstellung für Ärzte aus dem Jahr 2011. Doch jeder Mediziner darf Zusatzleistungen anbieten, die er entweder selbst entwickelt oder von Firmen übernommen hat, die sich auf „Igel“ spezialisiert haben.

„Das ist ein Geschäft mit der Angst“, kritisiert Vivien Rehder, Sprecherin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, bei der die Selbstzahlerleistungen ein Dauerthema sind. Viele Menschen hätten Angst vor schweren Erkrankungen und wollten dem vorbeugen. „Für den Patienten ist es aber schwer zu beurteilen, welche Untersuchungen sinnvoll und nötig sind.“

Tatsächlich beurteilen Experten einige „Igel“-Leistungen als nützlich. Dazu gehören etwa Reiseimpfungen, die nicht immer von den Krankenkassen bezahlt werden. Einen Überblick über die verschiedenen Angebote, Methoden und ihre Bewertungen gibt der „Igel“-Monitor, den der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen eingerichtet hat. „Wir möchten, dass unsere Versicherten eine informierte Entscheidung treffen können“, sagt TK-Sprecher Clasen.

Markt für Individuelle Gesundheitsleistungen lukrativ

Die durchschnittlichen Kosten für eine „Igel“-Leistung werden mit 74 Euro angegeben. Allerdings gibt es große Preisunterschiede: Während die Hälfte der Leistungen maximal 48 Euro kosten, werden für andere teils hohe dreistellige oder gar vierstellige Beträge verlangt. Das Wissenschaftliche Institut der AOK schätzt den Markt für Individuelle Gesundheitsleistungen als lukrativ ein. Auf Basis einer Hochrechnung der Versichertenangaben ergibt sich ein Volumen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr.

Vereinbarung und Rechnung erforderlich

Bevor ein Patient eine Untersuchung aus eigener Tasche zahlt, sollte er immer auf einer schriftlichen Vereinbarung bestehen, rät die AOK. Auch eine Rechnung müsse ausgestellt werden. „Wir empfehlen, dass sich Patienten nicht zu einer Entscheidung drängen lassen sollten“, sagt Vorstandsvorsitzender Ackermann. Bei der Befragung gaben allerdings lediglich 47 Prozent an, dass eine Vereinbarung unterschrieben worden sei. Eine Rechnung hat jeder zehnte Patient nicht erhalten.

Um Missstände rund um die Extras in Arztpraxen aufzudecken und abzustellen, hat die Verbraucherzentrale ein Internetforum eingerichtet. Dort können Patienten ihre Erfahrungen an einer Beschwerde-Pinnwand schildern.

Julia Paulat

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