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Norddeutschland Forscher: „Klimawandel macht die Sturmfluten schlimmer“
Nachrichten Norddeutschland Forscher: „Klimawandel macht die Sturmfluten schlimmer“
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09:32 31.03.2019
Wellen brechen über die Steinmole am Fischereihafen von Timmendorf auf der Ostseeinsel Poel. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
Kiel

Interview mit Prof. Dr. Horst Sterr (70), Professor für Küstengeographie und Klimafolgen an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Stimmt es, dass der Klimawandel die Sturmfluten schlimmer macht?

Die Tendenz geht dahin. Wir gehen davon aus, dass Sturmfluten häufiger auftreten und mit höheren Wasserständen. Früher gab es Fluten mit einem Wasserstand von zwei Metern über Normal alle 15 bis 20 Jahre, da der Wasserstand durch den Klimawandel allgemein steigt, erfolgen solch hohe Fluten in deutlich kürzeren Abständen.

Hilft, es den Strand zu verbreitern, um sich gegen das Wasser besser zu schützen?

Jein. Der Graswarder ist ein dynamisches System, die Wellen gestalten die Uferlinie permanent. Weltweit gibt es das Problem, dass Menschen in solche Prozesse eingreifen, weil sie gerne am Wasser wohnen wollen und an Stellen gebaut haben, wo man eigentlich nicht bauen sollte. Mit dem Klimawandel hat das nicht wirklich etwas zu tun. Auf alten Karten können Sie sehen, dass der Graswarder früher viel weiter nördlich war als heute. Er hat sich verlängert und ist räumlich zurückgewichen. Diesen Effekt haben wir auch bei Nordseeinseln. Auch dort hat man Hotels und Strandpromenaden gebaut, die man zu schützen versucht hat.

Prof. Dr. Horst Sterr, Uni Kiel

Sind Holzbuhnen dafür ein geeignetes Mittel?

Schon, wenn man den Sand aber irgendwo aufhält, fehlt er an anderer Stelle. Für den Graswarder würde das heißen, dass die Spitze, die unbebaut und Naturschutzgebiet ist, irgendwann abbrechen würde. Denn hinter den Buhnen wird der Sand verschwinden, das ist bei Holz- und Steinbuhnen so. Man könnte so einen Küstenschutz machen, aber das müssten die Hausbesitzer selbst bezahlen.

Wieso – auch anderswo an der Küste hat das Land Schutzanlagen gebaut.

Ja, zum Beispiel in Timmendorfer Strand, aber dort waren weit mehr Häuser betroffen, es ging um den Schutz einer ganzen Siedlung und Vermögenswerten in Höhe von rund 200 Millionen Euro. Das Land hat 16 Millionen investiert, zehn Prozent der Kosten trugen die Anwohner. Auf dem Graswarder dagegen stehen nur 16 Häuser. Diese Leute haben jahrzehntelang eine privilegierte Lage genossen. Vielleicht die privilegierteste in Schleswig-Holstein. Jetzt, wo es brenzlig wird, soll der Steuerzahler einspringen, Leute, die im Hinterland wohnen sollen für eine privilegierte Minderheit bezahlen. Das halte ich nicht für gerechtfertigt. Heute würde man auf dem Graswarder keine Baugenehmigung mehr bekommen. Es wurde damals an einer Stelle gebaut, an der man eigentlich nicht bauen sollte.

Kennen Sie weitere Beispiele im Norden?

Wir haben den Fall auch in Kiel-Schilksee. Dort sind in den Siebzigern Bungalows an der Steilküste gebaut worden. Die war damals 200 Meter entfernt. Heute sind es 80 bis 100 Meter. Der Sand, der an Steilküste abbricht, speist aber den Hauptbadestrand von Kiel. Auch dort wäre es nicht angebracht, wenn das Land sich finanziell für den Schutz der Steilküste engagiert.

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Marcus Stöcklin