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Norddeutschland Menschen mit Behinderungen: „Teilhabe beginnt im Kopf“
Nachrichten Norddeutschland Menschen mit Behinderungen: „Teilhabe beginnt im Kopf“
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12:19 02.12.2019
Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung im LN-Interview. Quelle: Privat
Lübeck

Es ist nicht immer der Kantstein, der es Menschen mit Behinderungen verwehrt, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Es sind die Barrieren in unseren Köpfen. Warum Schleswig-Holstein Nachholbedarf bei der Teilhabe von Menschen mit Behinderung hat, erklärt der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Ulrich Hase, im LN-Interview.

Herr Hase, wie verhalte ich mich, um Barrieren im Kopf abzubauen?

Wir sprechen zwar von Menschen mit Behinderungen, aber im Grunde muss man ehrlich sagen, dass jeder von uns Beeinträchtigungen kennt – egal ob eine anerkannte Behinderung vorliegt oder nicht. Zunächst ist es daher wichtig, die eigenen Barrieren abzubauen. Das setzt voraus, dass man sich mit den persönlichen Grenzen und Barrieren auseinandersetzt. Wenn ich dies erkenne, dann bin ich wesentlich offener und verständnisvoller im Hinblick auf Barrieren, die andere erleben. Deshalb beginnt Teilhabe zuallererst im Kopf.

Und bei der Sprache.

Meine Erfahrung ist, dass sprachliche Korrektheit und Haltung eng miteinander verknüpft sind. Unsere Sprache prägt Haltung, prägt Verhalten und sie macht deutlich, worum es genau geht.

Denken Sie, dass die Gesellschaft in dieser Hinsicht präziser sein müsste?

Da gibt es noch deutliche Defizite. Zum Beispiel müssten Träger deutlicher zwischen Integration und Inklusion differenzieren.

Wie meinen Sie das?

Manche machen den Fehler, dass sie die beiden Begriffe, Integration und Inklusion, gleichsetzen. Das ist nicht ganz richtig. Unter Integration verstehen wir konkret bestimmte Leistungen wie etwa Nachteilsausgleiche. Inklusion heißt hingegen, dass wir Rahmenbedingungen so gestalten, dass auch Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Wie weit sind wir in Schleswig-Holstein bei der Teilhabe?

Ich würde sagen, auf einer Skala von eins bis zehn sind wir bei einer Sechs – durchaus positiv, aber es gibt noch eine Menge zu tun.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Ich sehe eine große Entwicklung in Schleswig-Holstein. Besonders im Hinblick auf inklusive Schulen oder Aktionspläne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Wir haben mittlerweile 19 Kommunen, die an entsprechenden Aktionsplänen arbeiten, damit betroffene Menschen überall dabei sein können.

Das Problem ist, dass das Ganze nicht flächendeckend passiert. Einige Regionen haben sich noch gar nicht mit Aktionsplänen auseinandergesetzt. Vielerorts haben wir zudem die Situation, dass ältere der Öffentlichkeit zugängliche Gebäude nicht barrierefrei sind. Dadurch wird Teilhabe extrem erschwert oder blockiert.

Lesen Sie hier: Wenn Gesetze Menschen mit Behinderungen das Leben schwer machen

Gibt es Vorbilder?

Ein gutes Beispiel sind für mich Großbritannien und die USA. Dort ist man mit dem Antidiskriminierungsrecht wesentlich weiter. So stellt dort die Vorenthaltung der Barrierefreiheit eine Benachteiligung dar und ist entsprechend geregelt. In Deutschland ist uns zum Beispiel Hessen im Hinblick auf das Barrierefrei-Konzept voraus. Denn hier muss grundsätzlich bei neuen öffentlichen Gebäuden dargestellt werden, wie Barrierefreiheit beachtet wurde. Dies würde ich mir für Schleswig-Holstein auch wünschen.

Ulrich Hase ist Jurist und promovierte Hörgeschädigten-Pädagoge. Er ist seit frühester Kindheit nahezu taub. In Schleswig-Holstein engagiert er sich für mehr Mitwirkungsrechte von Menschen mit Behinderungen.

Weitere Informationen zu „Hilfe im Advent“

Klicken Sie hier, um auf einer Themenseite alle Berichte zur LN-Aktion „Hilfe im Advent“ zu lesen

Leben mit Behinderungen: So meistert eine Lübecker Familie die Barrieren des Alltags (große LN-Reportage)

Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung im Interview: Warum Schleswig-Holstein Nachholbedarf hat

Diese Initiativen unterstützen wir 2019 mit Ihrer Spende – in den Artikeln steht, wie Sie helfen können:

Lübeck: Die Marli GmbH hilft schwerbehinderten Menschen. Mehr Informationen zum Projekt.

Ostholstein: „Die Ostholsteiner“ helfen Menschen mit Behinderung zu mehr Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit. Mehr Informationen zum Projekt.

Segeberg und Stormarn: Die „Lebenshilfe“ hilft Menschen mit Behinderungen, dass sie an alltäglichen Aktivitäten wie Disco oder Kegeln teilnehmen können. Mehr Informationen zum Projekt.

Herzogtum Lauenburg: In der integrativen Kindertagesstätte Heidepünktchen werden Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam aufs Leben vorbereitet. Mehr Informationen zum Projekt.

Die Spender werden in den LN genannt. Wenn Sie das nicht möchten, vermerken Sie im Verwendungszweck „bitte anonym“. Falls Sie eine Spendenbescheinigung wünschen, geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse bei der Überweisung an. Bei Spenden bis 200 Euro reicht der Überweisungsbeleg als Bescheinigung.

Von Fabian Boerger