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Norddeutschland Interview mit Klimaforscher: "Diese Wetterphänomene sind sehr bedrohlich"
Nachrichten Norddeutschland Interview mit Klimaforscher: "Diese Wetterphänomene sind sehr bedrohlich"
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09:00 22.09.2019
Interview mit dem KielerKlimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif (65) vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Quelle: imago
Kiel

Mojib Latif gilt als einer der renommiertesten Klima-Experten.

Steigt durch den Klimawandel die Gefahr von Schäden durch Wind oder durch starke Regenfälle?

Klar ist, es wird wärmer. Wenn es wärmer wird, kann die Luft mehr Wasser in Form von Wasserdampf halten, es kann also auch mehr Regen runterkommen. Extreme Regenfälle treten häufiger auf, aber insgesamt regnet es im Sommer weniger. Die Sommer werden tendenziell trockener.

Wieso sprechen wir von einer Dürre, wenn das verdunstete Wasser doch wieder runterkommt?

Die Feuchtigkeit kann woanders wieder runterkommen – es ist ein globales System. Fakt ist: Wenn es mal regnet, dann oft gleich wie aus Kübeln. Sowohl Trockenheit als auch Starkregen verursachen Schäden. Die Landwirtschaft ist betroffen, selbst börsennotierte Unternehmen haben Einbrüche.

Andererseits steigen die Meeresspiegel, weil das Eis an den Polen schmilzt

Der Meeresspiegel würde übrigens auch so steigen. Durch die größere Wärme dehnt sich das Wasservolumen aus.

Gibt es keine Wechselwirkungen mit dem Grundwasserspiegel?

An den Küsten besteht die Gefahr, dass landwirtschaftliche Flächen durch Salzwasser geschädigt werden. Aber im Wesentlichen ist es eben so, dass die Sommer trockener werden und die Winter mehr Regen bringen. Insgesamt übers Jahr gesehen nehmen die Niederschläge kaum ab oder zu.

Kann es so weit kommen, dass Flüsse und Seen im Sommer austrocknen?

Flüsse und Seen werden nicht versiegen, aber der Wasserspiegel wird im Sommer niedriger. Aber im Winter kommt wieder genug dazu. Durch Starkregen schwellen Flüsse öfter so stark an, dass wir erschreckende Flutereignisse haben. Oderflut und Elbeflut werden häufiger. Denken Sie an die letzte Elbeflut, das Hochwasser ging bis nach Lauenburg.

Wie stark steigt andererseits der Meeresspiegel?

Die Nordsee ist seit 1900 um 20 Zentimeter höher geworden, bis Ende des Jahrhunderts kann es ein Meter sein oder mehr. Das ist schwer vorherzusagen.

Wie bedrohlich sind all diese Wetterphänomene?

Sehr bedrohlich. Gewitter mit Starkregen und Tornados nehmen zu. Entsprechend groß sind die Schäden. Dürre und Hitze tragen ebenfalls zu nachteiligen Auswirkungen bei. In Lingen im Emsland wurden dieses Jahr im Sommer 42,6 Grad gemessen, ein neuer Hitzerekord. Es gibt immer mehr heiße Tage über 30 Grad und immer mehr Tropennächte. Und das ist erst der Anfang. Tier- und Pflanzenarten werden verschwinden, weil sie die veränderten Bedingungen nicht vertragen. Waldbesitzer sind in Panik – zu Recht. Insgesamt gehen die Schäden heute schon in die Milliarden. Ich habe schon vor Jahrzehnten vor diesen Auswirkungen gewarnt. Getan wurde so gut wie nichts.

Reportage zum Thema: So kommt das Wetter auf das Handy – Besuch beim DWD in Hamburg

Von Marcus Stöcklin