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Norddeutschland Ist die Sicherheit in Lauerhof gefährdet?
Nachrichten Norddeutschland Ist die Sicherheit in Lauerhof gefährdet?
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14:25 14.01.2015
Die Justizvollzugsanstalt Lauerhof. Quelle: Holger Kröger
Lübeck

 Sie hätten angesichts eines immer liberaleren Strafvollzugs nur noch Angst. Der Erste von ihnen hat sich jetzt schriftlich und unter Preisgabe seiner Identität an Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gewandt — mit der Bitte, die Zustände abzustellen. Im Fokus der Beschwerden steht JVA-Leiterin Agnete Mauruschat. Das geht aus weiteren Schreiben von JVA-Mitarbeitern hervor, die den LN vorliegen. Auslöser für die Beschwerden ist die Geiselnahme an Heiligabend.

JVA-Leiterin Agnete Mauruschat. Foto: Maxwitat

Frau Mauruschat „legt mehr Wert auf Freizeitgestaltung der Gefangenen als auf die Sicherheit in der Anstalt“, erhebt der Briefschreiber (Name der Redaktion bekannt) schwere Vorwürfe. Sein Motiv, nach Kiel zu schreiben: „Ich musste einfach reagieren, ehe noch Schlimmeres passiert.“ Nach Vorgabe der Anstaltsleitung sollten die Hafthäuser möglichst immer offen sein, kritisiert er, „auch wenn nicht genug Personal zur Verfügung steht“. Das E-Haus, das zurzeit mit 59 Kurzstraf-Gefangenen belegt ist, solle an Wochentagen und auch an Wochenenden möglichst auf sein, „auch wenn nur zwei Bedienstete im Dienst sind“.

Nach den Ereignissen an Heiligabend hätten ihm viele seiner Kollegen ihre Ängste geschildert. Die Sorge: Gerade ältere Justizbeamte seien Attacken 25- bis 35-jähriger Gewalttäter nicht gewachsen. Auch seien einige Kollegen nur noch damit beschäftigt, die weiblichen Bediensteten zu beschützen. „Die Krankenstände in meiner Dienststelle sind aufgrund der Führung von Frau Mauruschat weiter in die Höhe geschossen“, beklagt der Vollzugsbeamte.

Das Justizministerium widerspricht. Der Krankenstand in Lübeck habe im November 2014 (letzte verfügbare Statistik) bei 7,7 Prozent gelegen, damit niedriger als in den Vergleichsmonaten der Vorjahre und als im Landesschnitt. Am vergangenen Montag haben sich sieben Bedienstete der JVA neu dienstunfähig gemeldet. Darüber hinaus waren an jenem Tag bereits 30 JVA-Bedienstete krank. „Nicht repräsentativ“, sagt Kiel dazu.

Kritik kommt auch zur Krisenbewältigung nach der Geiselnahme. Die JVA-Leiterin habe „keinen Plan von den Abläufen bei so einer Situation gehabt“, heißt es in dem Schreiben an Albig. Mauruschat habe die Polizei nicht einmal informieren wollen. Nach Lübeck geeilt, sei einer der ersten Sätze von Mauruschat im Büro der Aufsichtsdienstleitung gewesen: „Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Ich konnte gerade mal ein Geschenk aufmachen.“ Mehrere Beamte bestätigen diese Aussage sinngemäß.

Ein anderer JVA-Angestellter (Name der Redaktion ebenfalls bekannt) moniert den „extrem liberalen Strafvollzug“ in Lübeck. Zu seinen Ängsten wegen möglicher Haftlockerungen aufgrund eines neuen Landesstrafvollzuggesetzes sagt er: „Für uns, aber auch für die Bevölkerung wird das ein Alptraum.“ Ein anonymer Informant aus der JVA behauptet gar, monatliche Haftraum-Revisionen würden in der gesamten Anstalt nicht mehr eingehalten. „Wir unterschreiben zum Teil blanko dafür, dass die Zellen in Ordnung sind.“ Sein Hilferuf: „Wir haben Angst! Es herrscht ein schreckliches Klima in der JVA.“

Den Abend der Geiselnahme beschreibt dieser JVA-Beamte minutiös. „Der Anstaltsleiterin musste von uns erklärt werden, dass es einen Notfallplan für diese Situation gibt.“ Sie sei komplett überfordert gewesen. „Die Anstaltsleiterin gab die Order, keine Polizei zu rufen.“ Der Bericht des Inspektionsdienstes, in dem diese Order von der Inspektorin vom Dienst schriftlich festgehalten wurde, sei verschwunden. Diesen schwerwiegenden Verdacht der Vertuschung erheben mehrere JVA-Mitarbeiter.

Mauruschat will sich selbst nicht äußern. Das Justizministerium bestätigte den Eingang des Beschwerdebriefs und teilte mit, man arbeite an einer Stellungnahme. „Ob und gegebenenfalls welche Konsequenzen sich aus dem Schreiben ergeben, steht noch nicht fest“, sagte Sprecher Oliver Breuer. Zu den Vorwürfen hieß es: Frau Mauruschat habe mit Amtsübernahme in der JVA „begonnen, Abläufe und Strukturen innerhalb der Anstalt zu ändern“. Ziel sei eine Modernisierung des Strafvollzugs. Dies gehe ausdrücklich nicht zulasten der Sicherheit innerhalb und außerhalb der JVA. Die CDU beantragte gestern zum Umgang mit der Geiselnahme in Lauerhof eine Fragestunde für die nächste Landtagssitzung — „wegen täglich größer werdender Widersprüche“.

Seit 16 Monaten in Lübeck
Agnete Mauruschat (53) leitet die Justizvollzugsanstalt Lübeck, im Volksmund Lauerhof, seit September 2013. Sie löste den langjährigen Anstaltschef Peter Brandewiede ab. Zuvor war Mauruschat zwölf Jahre lang Chefin der JVA Bützow (Mecklenburg-Vorpommern). Mauruschat ist in Lauerhof verantwortlich für 300 Mitarbeiter und rund 500 Gefangene. Im Lübecker Gefängnis sind auch die Schwerverbrecher des Landes untergebracht.
Wir haben Angst! Es herrscht ein schreckliches Klima in der JVA.“
Lübecker JVA-Beamter

Curd Tönnemann