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Norddeutschland Jeder elfte Schüler denkt rechtsextrem
Nachrichten Norddeutschland Jeder elfte Schüler denkt rechtsextrem
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23:29 20.06.2014
Ein beängstigend hoher Anteil der Schüler vertritt rechtsextreme Ansichten.
Ein beängstigend hoher Anteil der Schüler vertritt rechtsextreme Ansichten. Quelle: dpa
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Lübeck

Rechtsextremes Gedankengut ist offenbar unter Schülern im Norden weiter verbreitet als bislang gedacht: Aus einer jetzt in Ratzeburg vorgelegten Studie der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel geht hervor, dass von 900 zwölf- bis 16-jährigen Schülern in Lübeck sowie den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg knapp neun Prozent (8,9) rechtsextreme Sichtweise unterstützen — also etwa jeder elfte. Viele kommen durch Freunde, Familie und auch Vereine mit rechten Ideologien in Kontakt, verrät die Studie, die vorbereitend für ein in Ratzeburg geplantes „Demokratiezentrum“ erarbeitet wurde.

Beunruhigend: Immerhin 13,7 Prozent der befragten Schüler sind der Meinung, dass „die Weißen zu Recht führend in der Welt sind“. 17,2 Prozent meinen, dass „der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte“, und 16,6 Prozent glauben, die „Verbrechen des Nationalsozialismus seien in der Geschichte weit übertrieben worden“. Auch antisemitische Haltungen sind unter einigen Kindern und Jugendlichen offensichtlich noch immer verbreitet: So meinen elf Prozent, „durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung in Deutschland mitschuldig“, und 10,6 Prozent sind der Auffassung, dass „Juden etwas Besonderes und Eigentümliches an sich haben und nicht recht zu uns passen“. Noch weiter verbreitet sind unter den Schülern ausländerfeindliche Tendenzen: 30,1 Prozent wollen nicht, dass noch weitere Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kommen; 20,5 Prozent schieben den Ausländern sogar die Schuld an der Arbeitslosigkeit zu.

Professor Thomas Bliesener, einer der Autoren der Studie, schränkt jedoch ein, dass die befragten Schüler im Durchschnitt erst 14 Jahre alt waren und sich daher bei vielen noch keine feste politische Haltung etabliert haben muss. Die Ergebnisse könnten sich im Laufe der weiteren Entwicklung der Schüler also verändern. Insbesondere die Ausländerfeindlichkeit könne aber als „Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus gewertet werden.

Die Einstellungen vieler Schüler kommen dabei allerdings nicht von ungefähr. Jeder vierte (25,8 Prozent) der befragten Schüler gab an, schon einmal Kontakte zu Rechtsextremen gehabt zu haben. Dabei handelte es sich in der überwiegenden Zahl um „Freunde“ (41,1 Prozent) oder „Bekannte“ (24,3). In geringerer Zahl wurden auch „Eltern“ (4,9) und erstaunlicherweise „Lehrer“ (4,3), „Trainer“ (3,2) und die „Feuerwehr“ (2,1) genannt. Da sich auch zeige, dass Schüler, die nicht als rechtsextrem einzustufen seien, Kontakte zu Rechtsextremen hätten, belege laut Bliesener, „dass der Rechtsextremismus in der ,Mitte‘ unserer Gesellschaft angekommen ist und dort mehr und mehr einen festen Platz einzunehmen scheint.“ Bürger müssten daher verstärkt sensibilisiert werden, das Bedrohungspotenzial von Rechtsextremisten wahrzunehmen und couragiert dagegen vorzugehen.

Zentrum für Demokratie
300 000 Euro stellt das Land Schleswig-Holstein für den Aufbau eines „Regionalen Zentrums für Demokratieentwicklung“ in Ratzeburg zur Verfügung.
Ziel der Einrichtung, mit deren Aufbau 2015 begonnen werden soll, ist es, Vereine und Verbände, die sich für Demokratie einsetzen, zu bündeln. Unter anderem soll das ehrenamtliche Engagement in diesem Bereich gestärkt, Beratungen, Seminare, Projekte und Veranstaltungen organisiert werden.

Oliver Vogt