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Norddeutschland Jetzt ist gut Kirschen essen
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20:10 28.06.2018
Da sind die Obstkörbe schnell gefüllt: Miriam Schneekloth (48) in ihrer Kirschplantage.
Da sind die Obstkörbe schnell gefüllt: Miriam Schneekloth (48) in ihrer Kirschplantage. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Grömitz/Lübeck

„Wir haben eine sehr gute Ernte“, sagt Betriebsleiterin Miriam Schneekloth (48) auf dem Weg durch die Plantage. In langen Reihen stehen die Kirschbäume Spalier. An manchen Ästen sind mehr rote Früchte als grüne Blätter zu sehen. Dafür haben Volker und Miriam Schneekloth hart gearbeitet: „Wir haben acht Wochen lang nur Wasser gefahren.“ An manchen Tagen seien sie auch mit klappernden Bratpfannen durch die Baumreihen gezogen, um hungrige Vögel zu vertreiben. 30 verschiedene Kirsch-Sorten werden auf den Flächen nahe der Ostsee angebaut.

Kirschen satt! Das warme und trockene Frühjahr bringt den Obstbauern eine der besten Kirschernten seit Jahren. Beim Obsthof Schneekloth in Grömitz hängen die roten Früchte in dichten Trauben an den Ästen. Neben den Süßkirschen sind sogar auch schon die Sauerkirschen reif.

„Die Kirschernte ist gut – sowohl in der Qualität wie auch in der Quantität“, sagt Tilman Keller vom Obstbauversuchsring des Alten Landes. Das Frühjahr sei optimal gewesen. Es habe eine gute Blütezeit und wenig Spätfröste gegeben. In Schneekloths Kirschplantagen tragen die Bäume viele Früchte, die vielleicht nicht ganz so groß, aber schön süß sind. „Es ist zu warm, es ist alles zu schnell reif“, erklärt Miriam Schneekloth. Und so wird die Erntezeit in diesem Jahr vermutlich nicht wie sonst bis Mitte August dauern, sondern nur bis Ende Juli gehen.

Dennoch rechnet das Statistische Bundesamt nach ersten Schätzungen mit einer sehr hohen Ernte. Sowohl die Süßkirschenernte mit rund 44 300 Tonnen als auch die Sauerkirschenernte mit knapp 16800 Tonnen werde mehr als doppelt so hoch ausfallen wie in dem wetterbedingt schwachen Erntejahr 2017. Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre wird die Süßkirschenernte voraussichtlich um 49 Prozent höher sein. Die Erntemenge bei den Sauerkirschen könnte dagegen um zwei Prozent geringer ausfallen. Grund ist die bundesweit auf 1900 Hektar gesunkene Anbaufläche. Zum Vergleich:

Süßkirschen werden in Deutschland auf 6000 Hektar angebaut.

Auch die Schneekloths setzen mehr auf Süßkirschen. „Viele Gäste kommen jeden zweiten Tag und holen sich Kirschen zum Naschen“, berichtet die Chefin. Ein Großteil der Früchte geht an Selbstpflücker, der Rest wird an andere Obstbauern geliefert. In Schleswig-Holstein gibt es etwa 100 Hektar Land, auf dem Kirschen angebaut werden. In einem guten Jahr können bis zu 1500 Tonnen Ernte eingefahren werden.

Auch viele Gartenbesitzer im Raum Lübeck freuen sich über eine reiche Kirschenernte – nicht zuletzt mangels „Mitessern“: Denn weit und breit ist kaum ein Star zu sehen. Wo die Vögel in den vergangenen Jahren in großen Schwärmen einfielen und mit lautstarkem Gewusel binnen weniger Tage große Wild- und Edelkirschbäume abgeerntet hatten, fehlen die Stare aktuell fast vollständig.

Ein solch rapider Einbruch des Bestandes sei vermutlich regional begrenzt, meint Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein. Es passe aber in das Gesamtbild.

Denn der Bestand ist in weiten Teilen des Landes stark zurückgegangen. In Dörfern nördlich von Plön und am Schaalsee sei er regelrecht zusammengebrochen. Die Ursachen seien vielfältig, so Ludwichoski. Dazu gehöre vor allem der Nahrungsmangel durch die Veränderungen in der Landwirtschaft, in diesem Jahr komme die lange Trockenheit im Mai und Juni dazu. „Es kann auch sein, dass die Kirschen in diesem Jahr früher reif sind als sonst, die Stare das aber noch nicht entdeckt haben.“ Die Aussichten dafür, dass der Vogel mit seinem bunt schillernden Gefieder und seinem Talent zur Stimmenimitation bald wieder zahlreicher wird, sind nicht gut. Laut Ludwichowski fällt die zweite Brut in diesem Jahr wegen der Trockenheit voraussichtlich weitgehend aus.

Von J. Paulat und R. Wenzel