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Norddeutschland Kein Funkkontakt zu Flugzeug - Fünf norddeutsche AKWs geräumt
Nachrichten Norddeutschland Kein Funkkontakt zu Flugzeug - Fünf norddeutsche AKWs geräumt
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16:33 10.03.2017
Die Protestaktion vor dem AKW Brokdorf wurde aufgelöst.
Die Protestaktion vor dem AKW Brokdorf wurde aufgelöst. Quelle: Daniel Friedrichs
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Brokdorf

Wegen eines unterbrochenen Funkkontakts zu einem Flugzeug im deutschen Luftraum sind fünf Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein und Niedersachsen am Freitagvormittag vorübergehend geräumt worden. Nur Notbesetzungen blieben in den Werken. Zudem stiegen Abfangjäger der Luftwaffe auf und begleiteten das Flugzeug. Die Situation sei nach kurzer Zeit wieder unter Kontrolle gewesen, teilte das für die Atomaufsicht zuständige Energiewende-Ministerium in Kiel mit.

Betroffen waren die Atomkraftwerke Brunsbüttel und Brokdorf in Schleswig-Holstein sowie Grohnde, Lingen und Unterweser in Niedersachsen. Die Anlagen in Brunsbüttel und Unterweser sind bereits seit längerem stillgelegt, die in Grohnde sei wegen einer Revision derzeit heruntergefahren, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums in Hannover.

Der Funkkontakt zu dem Verkehrsflugzeug war nach Angaben des Ministeriums in Kiel zwischen 10.27 und 10.49 Uhr mindestens 22 Minuten unterbrochen. Danach wurde die Anordnung zur Räumung aufgehoben.

Nach Angaben der Luftwaffe war der Funkkontakt zu dem Flugzeug, das auf dem Weg nach London war, schon über Ungarn abgebrochen. Die Maschine sei von tschechischen Abfangjägern begleitet worden und beim Einfliegen in den deutschen Luftraum von zwei Eurofightern der Luftwaffe übernommen und dann bei Köln dann an belgische Kampfflugzeuge übergeben worden, sagte ein Sprecher. In solchen Fällen werde per Sichtkontakt überprüft, dass es keine ungewöhnliche Situation an Bord gebe. Der Funkkontakt könne durch einen Bedienungsfehler oder eine technische Störung ausfallen. Dies komme immer mal wieder vor.

Es habe sich um einen sogenannten Renegade-Voralarm gehandelt, erläuterte das Ministerium in Kiel. Renegade-Fälle sind solche, in denen möglicherweise ein Luftfahrzeug aus terroristischen oder anderen Motiven als Waffe verwendet werden könnte.

In Deutschland war 2003 das Nationale Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum in der Gemeinde Uedem (Nordrhein-Westfalen) eingerichtet worden, um den Luftraum vor solchen Bedrohungen zu schützen. Hintergrund sind die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA.

Die Kernkraftwerke seien zügig geräumt worden, hieß es. In Brokdorf löste die Polizei bei Bekanntwerden der Evakuierungsmaßnahme eine zufällig am selben Tag vor den beiden Einfahrten stattfindende Blockade-Demonstration auf. Die rund 30 Demonstranten hätten langsam ihre Plakate entfernt und sich nach und nach vom Eingangsbereich entfernt. Nach Beendigung des Alarms wurde der Protest fortgesetzt.

Protestaktion aufgelöst

Rund 30 Demonstranten hatten seit dem frühen Morgen die beiden Einfahrten zum Kernkraftwerk Brokdorf (Kreis Steinburg) an der Elbe blockiert. Fußgänger hätten passieren können, aber nicht Fahrzeuge, teilte eine Polizeisprecherin mit. Man wolle im Dialog ein Ende der Blockade erreichen. Die Aktion sei friedlich. Anlass ist der Jahrestag der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vom 11. März 2011.

Die Protestaktion vor dem AKW Brokdorf wurde aufgelöst. Foto: Friedrichs

„Heute früh haben AktivistInnen von ContrAtom, Robin Wood und der BI Kiel gegen Atomanlagen die Schließung des Atomkraftwerks Brokdorf selbst in die Hand genommen und verhindern die Arbeiten zum Wiederanfahren des Reaktors“, hieß es in einer Presseerklärung der Blockierer. Die Demonstranten stellten Fässer auf, teils ketteten sie sich auch an die Fässer und an den Zaun des AKW-Geländes. Sie forderten die sofortige Schließung aller Atomanlagen weltweit.

Brokdorf ist wegen dicken Oxidschichten vom Netz - Ursache unklar

Seit Beginn der planmäßigen Jahresrevision am 4. Februar ist Brokdorf vom Netz. Der Grund: Es war festgestellt worden, dass sich an Brennstäben außergewöhnlich dicke Oxidschichten gebildet hatten.

Der für die Atomaufsicht zuständige Energie- und Umweltminister Robert Habeck Habeck (Grüne) sprach kürzlich von einem ernstzunehmenden Befund. „Besorgniserregend ist vor allem, dass die Prozesse im Reaktorkern offensichtlich anders ablaufen als erwartet“, sagte Habeck. „Eine so starke Oxidierung in kurzer Zeit sprengt alle bisherigen Prognosen.“ Erst wenn die Ursache geklärt sei, könne das Akw wieder anfahren. „Alles andere wäre fahrlässig.“

Eine Ministeriumssprecherin sagte am Freitag, die Ursache sei weiterhin ungeklärt. Daher sei noch nicht absehbar, wann Brokdorf wieder ans Netz gehen könne. Brokdorf ist das letzte verbliebene Atomkraftwerk in Schleswig-Holstein, das noch Strom produzieren darf.

Nach Ansicht der Demonstranten hat die Katastrophe von Fukushima gezeigt, „es kann kein sicheres Atomkraftwerk geben!“ Infolge eines Erdbebens und Tsunamis kam es in Fukushima in mehreren Reaktoren zu einer Kernschmelze, es trat radioaktive Strahlung aus. Zahlreiche Bürger-Initiativen haben zum sechsten Jahrestag dazu aufgerufen, mit Mahnwachen an das Unglück zu erinnern. Am Samstag ist eine Demonstration von Atomkraftgegnern in Hamburg geplant.