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Norddeutschland Kein Platz: Pflegeheime in Schleswig Holstein lehnen acht von zehn Anfragen ab
Nachrichten Norddeutschland Kein Platz: Pflegeheime in Schleswig Holstein lehnen acht von zehn Anfragen ab
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20:17 27.09.2019
Die Nachfrage nach Heimplätzen in Schleswig-Holstein steigt – die Kapazität dagegen stagniert weitgehend. Quelle: Christoph Schmidt/dpa
Lübeck

Die schleswig-holsteinische Landesgruppe des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) hat bei ihren Mitgliedsunternehmen nachgefragt, wie viele Absagen sie im Monat aufgrund fehlender Kapazitäten erteilen müssen. Das Ergebnis: 83 Prozent aller Anfragen nach einem Platz in der stationären Langzeitpflege und 89 Prozent aller Anfragen nach einem Kurzzeitpflege-Platz müssen abgelehnt werden. An der nicht repräsentativen Umfrage beteiligten sich laut BPA 230 Mitgliedsunternehmen. Insgesamt sind im BPA rund 600 Einrichtungen im Land organisiert – das entspricht in etwa 20 Prozent aller Pflegeeinrichtungen in Schleswig-Holstein.

Lange Wartezeiten, kein Personal

Wie die Landesgruppe des BPA weiter mitteilt, gab von 100 stationären Einrichtungen mehr als die Hälfte an, dass Pflegebedürftige im Durchschnitt länger als acht Wochen auf einen Platz in der Langzeitpflege warten müssten. In der ambulanten Pflege müssten außerdem mehr als die Hälfte aller Anfragen wegen Personalmangels abgelehnt werden. Dies gelte sowohl für die körperbezogene Pflege, den Bereich der Hauswirtschaft als auch der Behandlungspflege.

So teuer ist ein Platz im Pflegeheim

Der Eigenanteil, den Betroffene oder Angehörige für einen Platz in einem Pflegeheim zahlen, liegt in Schleswig-Holstein unter dem Bundesdurchschnitt. 1663 Euro werden im Norden laut Verband der Privaten Krankenversicherung im Schnitt für einen Platz fällig, deutschlandweit sind es 1928 Euro. Der höchste Eigenanteil muss in Nordrhein-Westfalen (2406 Euro) gezahlt werden, am günstigsten ist es in Mecklenburg-Vorpommern (1346 Euro).

Städtische Einrichtungen sind voll

Bei den städtischen Senioreneinrichtungen sieht die Lage nicht viel besser aus. Auch die sieben Häuser der Hansestadt Lübeck sind nahezu voll belegt. Nach Angaben von Matthias Schröder, kommissarische Bereichsleitung, liegt die Belegung aktuell bei 98,9 Prozent. „Unsere Mitarbeiter müssen jeden Tag etwa zehn Absagen erteilen“, sagt Schröder. 591 Plätze gibt es in Lübeck. Die Wartezeit für einen Platz könne situationsbedingt bei mehrere Wochen liegen. Auch deshalb sollenim Zuge einer „Vision 2030“ in Zukunft neue Senioren-Einrichtungen in Lübeck entstehen.

Neubau nur mit mehr Personal

Einfach neue Pflegeheime bauen? Das funktioniere nicht ohne weiteres, warnt der Leiter der BPA-Landesgeschäftsstelle Kay Oldörp. „So eine Einrichtung kann nur betrieben werden, wenn auch genügend Personal da ist.“ Es gäbe seiner Meinung nach Investitionschancen in dem Bereich, allerdings könne die personelle Ausstattung zurzeit nicht gewährleistet werden. Oldörp schätzt, dass allein in Schleswig-Holstein 4000 Pflegekräfte fehlen. „Der Fachkräftemarkt ist leer, das Versorgungsproblem verschärft sich monatlich“, sagt Oldörp. Vor wenigen Tagen war erst bekannt geworden, dass auch die Krankenhäuser im Norden die vorgegeben Untergrenzen für Pflegepersonal zum Teil deutlich unterschreiten.

Pflegegrad 2 ist Voraussetzung

Voraussetzung für eine Heimunterbringung ist mindestens der Pflegegrad 2 – von fünf möglichen. Das heißt, es muss eine erhebliche Einschränkung der Selbstständigkeit vorliegen. Die Einteilung in einen Pflegegrad erfolgt nach einer Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Ein Gutachter bewertet dabei neben körperliche Faktoren auch kognitive Beeinträchtigungen des Betroffenen.

Sozialministerium setzt auf bessere Arbeitsbedingungen

Oldörp fordert von Landespolitik und Krankenkassen konkrete Lösungsmodelle, wie pflegebedürftige Menschen in Schleswig-Holstein in Zukunft betreut werden sollen. Die Probleme, die durch den demografischen Wandel hervorgerufen worden sind, seien viel zu lange vertagt worden. Für Schleswig-Holsteins Sozialminister Heiner Garg (FDP) liegt der Schlüssel zum Erfolg dabei in einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und fairen Bezahlung für Pflegekräfte. „Denn gute Arbeitsbedingungen sind ein Schlüssel für Fachkräftegewinnung und damit auch für mehr Einrichtungsplätze“, heißt es aus Kiel. So unterstützt das Land nach eigenen Angaben unter anderem die Einführung eines Strukturmodells, damit Pflegende von unnötiger Dokumentation befreit werden und mehr Zeit für Pflege haben.

Rechtzeitig informieren

Der Vorsitzende der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), Ralf Suhr, rät auch vor dem Hintergrund der knappen Kapazitäten, Möglichkeiten der pflegerischen Versorgung rechtzeitig mit den Betroffenen zu besprechen. Dabei sollte ein möglicher Einzug in ein Pflegeheim auch bedacht werden, selbst wenn er nicht unmittelbar bevorsteht. Irgendwann könne es plötzlich schnell gehen – etwa nach einem Sturz. Dann könne es unter Zeitdruck passieren, dass das bestmögliche Heim keine Option mehr sei, so Suhr.

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