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Norddeutschland Kind mit Spritzen misshandelt: Mutter muss hinter Gitter
Nachrichten Norddeutschland Kind mit Spritzen misshandelt: Mutter muss hinter Gitter
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23:20 08.10.2015
Anwalt Gerd-M. Achterberg schirmt die neben ihm sitzende Angeklagte mit seiner Robe vor Blicken ab. Rechts am Tisch im Hamburger Landgericht steht die Gerichtsschreiberin. Quelle: Axel Heimken/dpa
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Hamburg

. Wegen monatelanger Misshandlung ihres Kindes mit verseuchten Spritzen hat das Landgericht Hamburg eine Mutter gestern zu zwei 

Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Entscheidung der Strafkammer stelle ein Mindesturteil dar, sagte der Vorsitzende Richter. Die 30-Jährige habe ihr Kind gequält und in Todesgefahr gebracht. Das Gericht sprach die Angeklagte der Misshandlung von Schutzbefohlenen und der gefährlichen Körperverletzung in sechs Fällen schuldig. Die Kammer ging nicht von versuchtem Totschlag aus, weil die Angeklagte vermutlich unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leide. Bei diesem Syndrom machen meist Mütter ihr Kind bewusst krank, um Zuwendung zu bekommen.

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Die Frau hatte 2013 ihrem damals dreijährigen Sohn über Monate mit Fäkalien, Speichel oder Blumenwasser vermischte Substanzen gespritzt. Der Junge hatte daraufhin heftige Schmerzen, Fieberschübe und Atemnot bekommen. Er lag mehrfach im Krankenhaus, zweimal war er in akuter Lebensgefahr auf der Intensivstation. Die Ärzte vermuteten eine Erkrankung des Immunsystems und planten eine Knochenmarkstransplantation. Die Mutter galt im Krankenhaus als nette, sympathische Frau, die sich liebevoll um ihr Kind kümmerte. Doch dann fielen einer Krankenschwester Flaschen mit einer Flüssigkeit in einer Schublade am Bett des Kindes auf. Sie gab die Substanz ins Labor. Mit dem Untersuchungsergebnis und Fotos von den Flaschen konfrontiert, gab die Mutter zu, dass sie ihren Sohn vorsätzlich krank gemacht hatte. Das Kind wurde von der Mutter getrennt und war nach kurzem wieder gesund.

Bei der Strafzumessung wertete die Kammer das volle Geständnis der Mutter als mildernd. Sie habe aufrichtige Reue gezeigt und sich mit dem Verlust ihrer Familie selbst bestraft. Zugunsten der Angeklagten nahm das Gericht an, dass sie unter dem Münchhausen- Stellvertreter-Syndrom leidet. „Wir können nicht ausschließen, dass wir hier eine verminderte Schuldfähigkeit haben“, sagte Richter Heiko Hammann. Dagegen spreche, dass die Mutter planvoll über einen längeren Zeitraum vorgegangen sei. Das Gericht anerkannte die schweren Lebensumstände der Angeklagten, die zu einer Persönlichkeitsstörung führten. Sie sei schon als Kind von ihrer Mutter vernachlässigt worden. Der Kontakt zum Vater brach früh ab. Eine Tagesmutter habe sie missbraucht. Das mangelnde Selbstwertgefühl habe später zu Essstörungen und zwei Suizidversuchen geführt. Immer wieder befand sich die Angeklagte in therapeutischer Behandlung und nahm Antidepressiva. Nach der Heirat und Geburt ihrer drei Kinder habe sie die perfekte Mutter sein wollen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

„Wir können nicht ausschließen, dass wir hier eine verminderte Schuldfähigkeit haben.“
Richter Heiko Hammann

LN

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