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Norddeutschland König Handball regiert auf dem Markt
Nachrichten Norddeutschland König Handball regiert auf dem Markt
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16:30 29.06.2019
Das Spielfeld auf dem Markt ist auch Anziehungspunkt für zufällig vorbeikommende Zuschauer. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Am Morgen auf dem Markt – ein perfekter Moment für Handball. Die Kulisse des Lübecker Rathauses zeichnet sich von einem blauen Himmel ab, die Sonne scheint, die Tische der Cafés sind besetzt. Und auf dem eigens aufgebauten Kunstrasen-Platz spielen Mädchen aus dem indischen Mumbai gegen ein Jugend-Team aus Garliava in Litauen. Zwei von insgesamt 450 Mannschaften aus 20 Nationen, die in der Stadt sind.

Spielfeld-Bau bis in die Nacht

Ralf Höhlein (47) vom Organisationsteam des Männer-Turn-Vereins (MTV) von 1865 ist glücklich. „Am Abend haben wir ab 19 Uhr noch das Spielfeld aufgebaut“, bemerkt er stolz. „Um zwei Uhr morgens waren wir fertig.“ Zeitweise seien es 18 Helfer gewesen, ein starkes Team. Die Nacht war kurz, aber jetzt kann Höhlein sich über die gelungene Vorbereitung freuen und den Spielern zusehen, Ansprechpartner für die Trainer sein oder die Feuerwehr oder Presseleute – wer immer seinen Rat braucht. Das ist sein Job heute – und übrigens: Auch sein Sohn Christopher (18) und seine Tochter Kim (14) würden noch antreten, verrät er. „Die spielen Handball, seit sie sechs, sieben Jahre alt waren.“

Hunderte Helfer im Einsatz

Ein lauter, heiserer Ruf der indischen Trainerin, die vom Spielfeldrand ihre Schützlinge anfeuert. Höhlein schmunzelt. Auch er selbst spiele seit einiger Zeit wieder Handball, nachdem er rund 20 Jahre lang ausgesetzt hatte. „Das Schöne ist der Mannschaftsgedanke, auch der faire Umgang miteinander. Selbst Entscheidungen des Schiedsrichters werden akzeptiert. Nicht so wie beim Fußball.“

Hunderte freiwillige Helfer seien im Einsatz, erklärt Höhlein und unterbricht – denn die Mannschafts-Kameraden des indischen Teams auf der Zuschauertribüne trampeln laut mit den Füßen und hauen auf die Sitze, dass es scheppert. „Huch“, sagt Höhlein und fügt gleich an: „Das ist das Schöne, die Stimmung hier.“

Übernachtung in der Turnhalle

Die gefällt auch Finn (15), der mit 23 weiteren Jungen und zwölf Mädchen aus dem nordrhein-westfälischen Stolberg angereist ist. „Wir spielen nachher gegen Lübeck“, kündigt er an. Die Chancen stünden allerdings schlecht für seine Mannschaft, bedauert er. „Einer von unseren Besten ist verletzt, andere konnten nicht mitfahren, weil sie lernen mussten“, führt sein Kumpel Sören (14) aus. Begleiter Michael Fleck (52) nickt. Die Laune der Schüler sei trotzdem bestens. „Die sind für das Turnier extra von der Schule freigestellt worden.“ Da mache selbst die wenig komfortable Übernachtung in der Turnhalle der Berend-Schröder-Schule Spaß.

Am Spielfeldrand in der Getränkebude steht Lydia Finnern (58). Auch sie hilft ehrenamtlich. „Meine achtjährige Nichte ist dabei“, merkt sie an. Die Handball-Tage seien ein Fest für die ganze Familie, da wolle sie nicht zurückstehen.

Besucher, Helfer und Spieler bei den Lübecker Handballtagen

Höhepunkt für Touristen

Tim Renner (29) aus der Lüneburger Heide beobachtet mit seiner Freundin Louise Natorp (23) aus Lübeck, wie die Mädchen sich den Ball abjagen. „Ich spiele selbst Handball.“ Von dem Turnier habe er nichts gewusst, sie beide seien zufällig vorbeigekommen. „Aber cool.“

„Wir sind hier, um etwas zu essen“, gibt Hendrike Stratmann (35) an, die betont: Selbst wenn der „Rummel“ die Kinder (2 und 4) vom Essen ablenke, sei das gar nicht schlimm. Im Gegenteil: „Ich finde das hier richtig gut.“

Üben neben Café-Tischen

Eine Horde Jungen mit gelben Trikots wuselt auf der Tribüne herum, sie kommt aus Litauen, wie Saulenis (11) bereitwillig auf Englisch erklärt. Für ihren Trainer Andrius Afoninas (47) dolmetschen er und einige andere, übersetzen, was sie sagen. Nachher träten sie gegen Schweden an, erzählt Saulenis. „Die sind gut, wir werden es schwer haben.“ Minuten später haben die Jungen sich unterhalb der Tribüne neben dem Café Maret formiert und werfen sich die Bälle zu. Niemand beschwert sich darüber. „Was ist denn hier los?“, wundert sich ein Mann, der sein Rad abstellt – mit erfreutem Gesichtsausdruck.

Die Handball-Days in Zahlen

15 000Essen werden in fünf Tagen ausgegeben.

9000 Turnier-Ausweisewurden gedruckt – für Teilnehmer, Helfer, Offizielle, Gäste und Eltern.

8000 Event-Shirtshat Gastgeber MTV Lübeck für die Teilnehmer geordert.

5500 Handball-Talentesind bei den Handball-Days dabei – damit ist es das zweitgrößte Handball-Turnier der Welt nach dem Partille-Cup im schwedischen Göteborg.

3000 Turnierteilnehmer übernachten in Lübeck in 35 Schulen und Turnhallen.

1687Spiele sind es allein beim Klubturnier von Freitag bis Sonntag. Gespielt wird auf 37 Plätzen – der Lohmühle (20 Felder), dem Markt (Sparkassen-Center-Court), der Hansehalle, dem Buniamshof (12) und auf dem Gelände der Lübecker Turnerschaft (3).

800 Helfersind während der Handball-Tage im Einsatz, darunter auch das 25-köpfige Kernteam des Fördervereins MTV Lübeck.

450 Mannschaften(inklusive acht beim Inklusionsturnier) aus 130 Vereinen haben gemeldet. „So viele Vereine hatten wir noch nie“, erklärt Organisations-Chef Marcus Sievers.

150 Schiedsrichtersind im Einsatz.

100 Pokalewerden überreicht.

20Nationen sind bei den Handball Days am Ball – ein Rekord zum Jubiläum. Die Talente kommen aus Dänemark, Indien, Polen, Finnland, Norwegen, Schweden, Lettland, Litauen, den Niederlanden, Algerien, der Ukraine, Israel und Island und Deutschland. Im Einsatz sind auch zehn junge Schiedsrichtergespanne (Portugal, Kroatien, Ungarn, Niederlande, Luxemburg, Serbien, Ukraine, Albanien und 2xDeutschland), die der Weltverband IHF besonders schult.

Auf der Tribüne toben schwedische Jungen mit Vereinsfahnen und feuern lautstark die Mädchen an, die sich soeben auf dem Spielfeld verausgaben. Sie sind aus Partille, einem Ortsteil von Göteborg, vom Verein Sävehof. „Das ist der größte Handballverein der Welt“, behauptet Betreuer David Gustafson (46), Sävehof habe 2000 Mitglieder. „Und nächste Woche kommen die Lübecker zu uns.“ Dann finde der Partille-Cup statt, nebenbei das größte Handballturnier der Welt. Die Lübecker Handball-Tage gälten als das zweitgrößte, weiß Gustafson.

Am Abend nach der Ankunft seien sie durch die Stadt gelaufen, zu ihrer Unterkunft im Johanneum. „Dann haben wir irgendwo Bratwurst mit Kartoffelbrei gegessen.“ Geschmeckt habe es leider nicht besonders und auch das Frühstück, das im wesentlichen aus Baguette bestand, bewertet er nur mit einem schicksalsergebenen Achselzucken. „Das Essen schmeckt hier eben anders. Das gehört dazu in einem anderen Land.“

Die Jungen brechen in diesem Moment in Jubel aus und laufen aufs Spielfeld, umarmen hüpfend die Mädchen. Gustafson schaut erstaunt zu. „Ich glaube, wir haben gewonnen.“

Nationalteams am Start

Auch Jenny Johannsen (40) gehört zu Sävehof. Klar seien sie zum Spielen gekommen, meint sie. „Aber zu Niederegger gehe ich auf alle Fälle noch.“ Vielleicht bleibe sogar etwas Zeit, einige alte Kirchen anzusehen.

Während auf dem Markt gegen Mittag eine kleine Eröffnungsveranstaltung mit der Sparkassenstiftung – Sponsor der Handball-Days – stattfindet, bereiten sich in der Hansehalle an der Lohmühle zwei Nationalteams auf ihr Zusammentreffen vor. Die Hansehalle ist der zweite große Veranstaltungsort in der Stadt. Auf der Zuschauertribüne sitzen Anneke und Reinald van de Noord (53 und 56) aus Rotterdam: Dort unten spiele ihr Sohn Dennis (19), Nachwuchstalent der niederländischen Jugend-Nationalmannschaft. „Er ist ziemlich gut“, sagt der Vater. Kontakt zum Sohn gäbe es leider so gut wie nicht. Die Sportveranstaltung werde sehr ernsthaft betrieben. „Der ist die ganze Zeit mit seinem Team zusammen. Für Unterhaltungen hat er keine Zeit.“

Abends ein Bier in der Altstadt

Gegner der Holländer in ihren orangefarbenen Trikots sind die Norweger – in Blau gekleidet . „Die sind normalerweise viel besser als wir“, stellt Harrie Weerman (72) gelassen fest. Er sei technischer Betreuer der niederländischen Männer. „Wir sind froh, wenn es einfach ein gutes Spiel wird.“ Seine jungen Landsleute seien gekommen, um dazuzulernen. „Das ist wichtig.“ Ihm selbst mache die Betreuung Spaß. „Ich bin mit meinem Wohnwagen auf dem Campingplatz und habe auch ein Rad dabei.“ Damit sei er schon ein wenig in Lübeck herumgefahren. „Und wenn abends keine Spiele sind, gehe ich in die Altstadt, ein Bier trinken“, teilt er mit. „Super.“

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Berichte zu den Handball-Days stehen auch auf unserer Themenseite Handball

Historie: Alles begann im Sommer 1995

Sommer 1995 – es sind die Tage im Juni, wo alles begann. Die Handball Days hießen da noch MTV-Turnier, gespielt wurde in Lübeck auf dem Grandplatz an der Kalkbrennerstraße. Die Macher von heute sind die Gründungsväter von damals.

Nur: Die Handballtage standen vor dem Abgesang, noch ehe sie beginnen sollten. „Wir hatten zwei Tage nach Meldeschluss nur 36 Teams“, erinnert sich Organisationschef Marcus Sievers, „das hätte mit den Altersklassen alles nicht gepasst. Deshalb wollten wir absagen.“ Doch in letzter Minute erreichte ihn ein Anruf von Lübeck 1876, die noch mit sechs Teams kommen wollten. „Da haben wir entschieden, wir machen es“, sagt Sievers.

Was folgte, ist eine atemberaubende Metamorphose.Aus einst 42 Mannschaften sind mittlerweile 450 geworden – mit jetzt 5500 Kindern, Jugendlichen und Schiedsrichtern aus 20 Nationen und bis zu 20 000 Zuschauern.

Nur ein paar Jahrenach dem Anwurf folgte der fliegende Wechsel auf die Falkenwiese. 2014 pflanzten Sievers & Co. ein Spielfeld mitten ins Weltkulturerbe auf den Markt, holten noch einen „Nationen-Cup“ der A-Jugend-Nationalteams hinzu.

2016 dann der besondere Kick, der Umzug der Handballtage auf die Lohmühle, Lübecks mehr oder weniger gute Fußballstube.

Seit dem Vorjahrfirmieren die Handballtage als „Handball Days“ – „damit wir international noch besser ankommen“ (Sievers). Gespielt wird jetzt auch auf dem Buniamshof und dem Areal der Lübecker Turnerschaft. Sievers: „Damit kommen wir unserem Traum näher, überall in der Stadt zu spielen.“

Marcus Stöcklin

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