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Norddeutschland Windkraft braucht Akzeptanz
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19:21 23.11.2019
Die Flügel von Windkrafträdern drehen sich dicht hinter einer Wohnsiedlung. Viele Windenergieanlagen haben nicht den im Bund diskutierten 1000-Meter-Abstand zu bewohnten Gebäuden. Quelle: Ingo Wagner/dpa
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Lübeck

So viel Aufbruch war selten. Spätestens als der Bund nach dem Fukushima-Unfall der Kernenergie abschwor, wuchs im Norden die Euphorie: Jetzt wird Schleswig-Holstein das Wind-Land Nummer 1. Bald versorgen wir ganz Deutschland mit Öko-Strom!

Keine zehn Jahre später ist die Euphorie restlos verflogen. Bald schon schwante es immer mehr Bürgern, dass auch Windräder Industrieanlagen sind. Doch während Kern- und Kohlekraftwerke meist fern waren, drehen sich die lärmenden Rotoren direkt hinterm eigenen Gartenzaun. Immer mehr Klagen stoppten den Windkraft-Ausbau auch im Norden. Windanlagen-Hersteller wie Senvion in Rendsburg, kurz zuvor noch als Jobs schaffende Zukunftsbranche gefeiert, schlitterten auch deshalb in die Pleite.

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Ohne Abstandsregelung würde der Widerstand gegen Rotoren wachsen

Dass der Bund die Mindestabstände der Rotoren zu Siedlungen jetzt auf 1000 Meter erhöhen will, würde die Lage noch verschlimmern, kritisieren Windkraft-Befürworter, darunter auch Kiels CDU-Ministerpräsident Daniel Günther. Das Gegenteil ist richtig. Gerade ohne eine solche Regelung würde der Widerstand der Bürger gegen die Rotoren weiter wachsen und den Neubau ganz unmöglich machen.

Das gilt umso mehr, als durch die Energiewende der soziale Konflikt verschärft wird und der zwischen Stadt und Land gleich mit. Es sind eben gerade auch weniger Begüterte, Mieter und kinderreiche Familien zumal, die beim teuren Windstrom besonders draufzahlen und den Wind-Großinvestoren die Taschen füllen. Und während viele Großstädter den Traum von sauberer Energieversorgung in CO2-frei ausgeleuchteten Citys träumen, haben viele Menschen in der Provinz das ungute Gefühl, dass sie für deren gutes Öko-Gewissen ihre Natur und Ruhe den Wind-Spargeln opfern sollen.

Die Geister, die Daniel Günther rief, wird er nun nicht mehr los

Günthers Kritik an der 1000-Meter-Regelung des Bundes ist ohnehin ein Stück weit bigott. Er selber war es, der den Menschen im Land im Wahlkampf 2017 sogar 1200 Meter Mindestabstand versprach und die Wind-Regionalplanung der Vorgängerregierung nach dem Wahlsieg sofort wieder aufschnürte. Die Geister, die er damals rief, wird er nun nicht mehr los. Und mit ihm bleibt die ganze Jamaika-Koalition samt den Grünen in dieser Widersprüchlichkeit gefangen.

Die Mehrheit der Menschen jedenfalls hat sich von der aktuellen Form der Energiewende offenbar längst verabschiedet. Es bleibt die Erkenntnis, dass sich auch die schönste Reform nur durchsetzen lässt, wenn Menschen aller Einkommensgruppen und Regionen sie ertragen und bezahlen können und wollen. Beherzigt die Politik diese Lehre nicht schnell, wird sie auch das nächste Projekt vor die Wand fahren: die Verkehrswende. Es sind ja längst nicht mehr nur die Grünen, die sie mit teuren, von Klima-Katastrophen-Angst gespeisten Ge- und Verbotsplänen in diese Richtung treiben.

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Von Wolfram Hammer