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Norddeutschland 30 Jahre danach: Wo ist die Euphorie geblieben?
Nachrichten Norddeutschland 30 Jahre danach: Wo ist die Euphorie geblieben?
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08:00 10.11.2019
Die Mauer ist gefallen: Autos aus der DDR passieren am 10. November 1989 den Grenzübergang in Lübeck-Schlutup / Selmsdorf. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Hände, die am geöffneten Schlutuper Grenzzaun vor Ausgelassenheit auf Trabi-Dächer trommelten, vor Freude weinende Menschen in der endlosen Schlange von Zweitaktern, überglückliche Menschen auf der Entdeckung „des Westens“ in den Lübecker Einkaufsstraßen. Glücksmomente der deutschen Geschichte am 9. und 10. November 1989. Und wenn es etwas so Banales war, wie die Freude darüber, dass die „von drüben“ endlich eine Banane essen konnten.

Gut ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, vollendete sich die Einheit

Endlich wieder vereint! Die Euphorie war riesig, als vor 30 Jahren der bis dahin so unüberwindliche Eiserne Vorhang zwischen Deutschland Ost und Deutschland West einriss. Aufgebrochen von einer friedlichen Revolution mutiger DDR-Bürger, forciert durch ein bankrottes Regimes von Menschenrechtsverletzern in Ost-Berlin, geduldet von Moskau. Gut ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, vollendete sich die Einheit.

Doch wer in jenen Tagen genau hinschaute und hinhören wollte, der bemerkte, wie diese Begeisterung des Aufbruchs nach wenigen Wochen, spätestens nach Monaten kippte. Langsam, aber beharrlich. Und das gegenseitige Misstrauen, dass sich Ossis und Wessis entgegenbrachten, es wich nicht mehr – manche werden sagen: Es zementierte sich. Ein kollektives Versagen? Wo ist die grenzenlose Euphorie vom Herbst 1989 hin?

Was in diesen Tagen geschah, wurde erst viel später reflektiert

Auf bundesrepublikanischer Seite mahnte die Politik zu Tempo. Die einmalige historische Chance auf Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten dürfe man sich nicht entgehen lassen, hieß es. Durfte man sicher sei, dass ein Russland nach Gorbatschow den Kurs beibehalten würde? Also hielt die Bundesregierung nicht eine Minute inne. Was in diesen Tagen geschah, wurde erst viel später im gesellschaftlichen Diskurs vernünftig reflektiert.

Die Bundesrepublik übersah dabei, was der Verlust von Heimat mit Menschen macht, der Verlust der eigenen Identität. Ein Verlust, der die DDR-Bürger handstreichartig überkam. Heimat, das bedeutet nämlich auch, Angestammtes lieb gewonnen zu haben – unabhängig davon, ob es in einem Rechtsstaat oder unter einem Unrechtsregime passiert.

Die Ostdeutschen hatten sich über Jahrzehnte mit ihrer Mangelwirtschaft arrangiert. Auch deshalb funktionierte gute Nachbarschaft dort offenbar besser als im Goldenen Westen. Für viele DDR-Bürger musste sich die Grenzöffnung nach den ersten Wochen der Euphorie anfühlen, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Für sie veränderte sich mit der Wende nahezu alles, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl.

Wessis fragten sich: Warum mussten diese Ossis ständig nölen?

Dieses Ungleichgewicht erzeugte Frust, wenn nicht gar Widerstand – vor allem bei denjenigen, für die die von Kanzler Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften in den Folgejahren eine Fata Morgana blieben. Der Westen verstand das alles nicht. „Besser-Wessi“ mochte man sich vielleicht noch schimpfen lassen – so viel Selbstkritik war vorhanden, angesichts westdeutscher Unternehmen, die den wirtschaftlich schwachen Osten großflächig okkupierten. Aber warum mussten diese Ossis ständig nölen? Was hatten sie nicht alles geschenkt bekommen: Schöne Straßen, renovierte Innenstädte, hochmoderne Industrie. Und dann jammern sie. Fortgesetzt. Ein undankbares Volk.

Jeder fünfte Westdeutsche war noch nie in den neuen Bundesländern

Beide Perspektiven zu einer gemeinsamen gesamtdeutschen Perspektive zu verschweißen, das ist wohl das schwerste Unterfangen. Jeder fünfte Westdeutsche war noch nie in den neuen Bundesländern. Da besteht Nachholbedarf. Wer urteilt, sollte Beurteiltes mit eigenen Augen gesehen haben. Die Hälfte der Ostdeutschen hält einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF zufolge die Westdeutschen heute noch für besserwisserisch.

Wo sind die Erinnerungen der Ostdeutschen an die weit geöffneten Arme der Westdeutschen in den Wendetagen geblieben, den gemeinsamen Taumel der Freude? Politische Diskurse werden uns nicht aus dieser vermeintlichen Sackgasse führen. Persönliche Begegnungen würden helfen, Ressentiments abzubauen.

Begegnen wir uns endlich auf Augenhöhe. Dafür ist es höchste Zeit. Das könnte die Botschaft 30 Jahre nach dem Mauerfall sein.

Von Curd Tönnemann

Vor 30 Jahren fiel die Grenze zur DDR. Auch in Lübeck. Leser erinnern sich an die bewegenden Ereignisse.

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