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Norddeutschland Land setzt Studenten im Unterricht ein
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22:49 16.12.2016
Lehrermangel in Schleswig-Holstein. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Kiel

Der Lehrermangel in Schleswig-Holstein führt zu unkonventionellen Maßnahmen. Um die Löcher zu stopfen, schickt das Land immer mehr Quer- und Seiteneinsteiger an die Schulen. Ihre Zahl hat eine neue Rekordmarke erreicht. Vor den Klassen stehen studierte Physiker, Chemiker, Biologen und Ingenieure, die in den Schuldienst gewechselt sind. Darunter seien auch Klassenlehrer, bestätigte das Kieler Bildungsministerium auf Anfrage. Selbst Studenten übernehmen den Unterricht. Die Lehrer-Gewerkschaft GEW und der Philologenverband sehen die Entwicklung mit Sorge.

Groß ist der Bedarf an zusätzlichen Pädagogen weiterhin in den naturwissenschaftlichen Fächern an Gymnasien. Vor allem im Fach Physik drückt der Schuh. Allein in diesem Jahr stellte das Land auf dem außerordentlichen Weg insgesamt 28 Bewerber ein. Einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss und mehrjährige einschlägige Berufserfahrung müssen die Kandidaten als Voraussetzung mitbringen. „In Ausnahmen kann es sein, dass Lehrkräfte ohne zweites Staatsexamen auch als Klassenlehrer eingesetzt werden“, sagt Ministeriumssprecher Thomas Schunck.

Dramatisch ist die Situation an Berufsschulen. 42 Neueinstellungen, so viele wie nie zuvor, schraubten die Zahl der Quereinsteiger seit dem Jahr 2009 auf knapp 300 hoch. Es handelt sich um Maschinenbauer, Elektrotechniker, Agrarwissenschaftler und Erzieher. „Wir schaffen mehr Zugang zum Lehrerberuf“, erläutert Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). Quer- und Seiteneinsteiger können nach Qualifizierungen verbeamtet werden.

Der Philologenverband Schleswig-Holstein spricht von einer Bankrotterklärung der Landesregierung. Sie habe es versäumt, den Lehrerberuf lukrativ genug zu machen, klagt Verbandschef Helmut Siegmon. Eine hohe Unterrichtsverpflichtung im Norden und eine schlechtere Bezahlung als in Nachbarländern führten zur Abwanderung junger Leute. Die Rekrutierung zusätzlicher Lehrer durch Quer- und Seiteneinsteiger hält Siegmon für bedenklich. Formale und inhaltliche Anforderungen an die Lehrer würden abgesenkt. Siegmon: „Einige sind dem Lehrer-Job einfach nicht gewachsen.“

Auch GEW-Landeschefin Astrid Henke sorgt sich um die Qualität des Unterrichts. Teilweise bleibe aber kein anderer Ausweg, als Seiteneinsteiger zu beschäftigen. Gerade für Grundschulen und Förderzentren seien zuletzt einfach zu wenige Lehrer ausgebildet worden. Deshalb würden dort als Vertretungslehrer sogar schon Studenten eingesetzt. „33 von 28 000 Lehrkräften im Land haben überhaupt keinen Hochschulabschluss“, bestätigt das Ministerium. Alle anderen beschäftigten Studenten hätten wenigstens einen Bachelor.

Von Curd Tönnemann

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