Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Norddeutschland Lockdown oder Lockerung: Wie entscheidet Schleswig-Holstein?
Nachrichten Norddeutschland

Lockdown oder Lockerung: Wie entscheidet Schleswig-Holstein?

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:01 21.03.2021
Wegen Corona geschlossen: Auch in Timmendorf tut sich touristisch nichts mehr. Gaststätten- und Handelsverband fordern unisono, dass Hotels und Gastronomie öffnen dürfen und Läden offenbleiben.
Wegen Corona geschlossen: Auch in Timmendorf tut sich touristisch nichts mehr. Gaststätten- und Handelsverband fordern unisono, dass Hotels und Gastronomie öffnen dürfen und Läden offenbleiben. Quelle: Bodo Marks/dpa
Anzeige
Kiel

Den Lockdown wieder verschärfen oder trotz hoher Inzidenz weiter lockern? Am Montag streiten Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel in einer Videoschalte wieder über den richtigen Weg aus der Corona-Pandemie. Welchen Kurs wird der Kieler CDU-Regierungschef Daniel Günther fahren? Die Erwartungen vieler Schleswig-Holsteiner jedenfalls dürften sich kaum auf einen Nenner bringen lassen.

Günther setzte bisher auf einen Lockerungskurs

Schon Günthers bisheriger Lockerungskurs – seit dem 8. März dürfen etwa die Läden im Norden wieder öffnen – geht den einen viel zu weit und den anderen längst nicht weit genug. Und jetzt steigen auch noch die Coronazahlen wieder an.

Der Lübecker UKSH-Professor und Virologe Jan Rupp steht weiteren schnellen Öffnungsschritten skeptisch gegenüber. Quelle: Felix König/Agentur 54°

„Ich nehme aktuell eine extrem große Verunsicherung über alle Bevölkerungsgruppen wahr, wie denn nun mit den steigenden Infektionszahlen umzugehen ist“, sagt etwa der Lübecker UKSH-Virologe Professor Jan Rupp. Dazu komme eine zunehmende Müdigkeit, die Coronaregeln zu Hause und im Beruf auch konsequent beizubehalten.

ich.du.wir. // Der LN-Familien-Newsletter

News, Infos und Tipps rund um das Thema Familie – immer donnerstags um 8 Uhr in Ihrem E-Mail-Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Rupp fordert ein Testkonzept und digitalisierte Gesundheitsämter

Das konzeptlose Schnelltesten trage ein Übriges zur Verunsicherung bei, sagt Rupp. Er erhofft sich vom Gipfel am Montag daher ein konkretes Testkonzept, auch für Gastronomie und Hotellerie. Dazu müsse es eine automatische Erfassung und Übermittlung der Ergebnisse an die Gesundheitsämter geben.

Außerdem müssten die Bürger dringend motiviert werden, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Sonst würden die Fallzahlen „dramatisch steigen“. Raum für weitere Lockerungen sieht Rupp vorläufig nicht. Die bisherigen Impfungen könnten bestenfalls die Krankheitsschwere in der älteren Bevölkerung abmildern. Bei hohen Fallzahlen werde man dann aber weiter schwer erkrankte Patienten zwischen 40 und 70 Jahren sehen.

CDU-Ministerpräsident Daniel Günther setzte bislang auf einen Öffnungskurs für Gastronomie und Hotellerie. Was setzt er davon in der kommenden Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin durch? Quelle: Christian Charisius/dpa

Günther hingegen hatte bis vor Kurzem noch erklärt, bei einer Inzidenz von unter 100 auf jeden Fall am 22. März die Außengastronomie öffnen zu wollen – am Mittwoch rückte er von diesem Termin allerdings wieder ab. Außerdem müssten in den Osterferien Hotels und Gaststätten im Norden wieder Gäste bedienen dürfen, forderte der Ministerpräsident. Gegen diese Forderung halten die Kanzlerin, ihr Kanzleramtsminister Helge Braun und Länderchefs wie Markus Söder (CSU, Bayern) und Michael Kretschmer (CDU, Sachsen) gegen.

Die FDP lehnt einen weiteren harten Lockdown ab

Getrieben wird Günther bei seinem Lockerungskurs vor allem auch von seinem FDP-Koalitionspartner. „Ich erwarte von der Ministerpräsidentenkonferenz, dass man endlich auf differenzierte und intelligente Lösungen setzt und nicht einfach nur wieder in einen harten Lockdown geht, bei dem immer weniger Menschen mitmachen würden“, sagt Liberalen-Fraktionschef Christopher Vogt.

FDP-Fraktionschef Christopher Vogt fordert vom Bund endlich „differenzierte und intelligente Lösungen“ für die Coronakrise ein. Quelle: Markus Scholz/dpa

Man sollte beispielsweise risikoarme Aktivitäten mit Tests und digitaler Kontaktnachverfolgung ermöglichen, sagt Vogt. Zahlreiche Studien würden belegen, dass das Ansteckungsrisiko bei Outdoor-Aktivitäten deutlich geringer sei. Auch der FDP-Politiker fordert mehr Tests und die Digitalisierung der Gesundheitsämter. „Überall im öffentlichen Bereich sollten die entsprechenden Apps zum Einsatz kommen.“ Dann würden auch Urlaubsangebote im Inland möglich sein.

Rückendeckung für Günther aus der CDU-Fraktion

Auch Catrin Homp, die Chefin des Tourismusverbandes, hatte immer wieder auf eine Öffnung für ihre Branche gedrängt, die Industrie- und Handelskammer nicht minder. Auch CDU-Fraktionschef Tobias Koch setzt erklärtermaßen darauf, dass die Ministerpräsidentenkonferenz einen Osterurlaub im Inland erlaubt, zumindest einen in Schleswig-Holstein für die Einheimischen und die Bürger der Nachbarländer. Es habe sich „eindeutig bestätigt, dass der Inlandstourismus nicht der Infektionstreiber im letzten Jahr gewesen ist“, sagt Koch.

Die Grünen wollen Günthers Lockerungen ausbremsen

Der Grüne-Koalitionspartner hingegen versucht, Günther auszubremsen. Die Regierungschefs müssten am Montag dafür sorgen, „dass die Bevölkerung bestmöglich geschützt wird“, sagt Fraktionschefin Eka von Kalben. Und sie betont: Es sei wichtig, „keine falschen Erwartungen zu wecken und deutlich zu machen, dass ein Stufenplan in beide Richtungen wirkt“.

Was offenbar heißen soll, dass es bei steigender Inzidenz auch wieder einen härteren Lockdown geben müsse. Da sind sich die Grünen trotz Jamaika-Koalition mit der Nord-SPD einig – zumindest mit deren Chefin Serpil Midyatli. Während sich Fraktionschef Ralf Stegner lange für Öffnungsschritte stark gemacht hatte, setzt sie auf scharfe Beschränkungen.

Die Nord-SPD ist gegen Osterurlaub 2021

SPD-Nord-Landeschefin Serpil Midyatli setzt auf einen neuen harten Corona-Lockdown. Quelle: Frank Molter/dpa

„Anders als Ministerpräsident Daniel Günther glaube ich nicht, dass Urlaub an Ostern eine gute Idee ist“, sagt die SPD-Chefin. Sie gehe davon aus, dass die Infektionszahlen ohne Gegenmaßnahmen weiter steigen werde und erwarte daher, dass es am Montag Beschränkungen gibt. Zugleich müsse die Konferenz aber etwa auch die Frage beantworten, „wann die Hausärzte in die Impfkampagne einbezogen werden“.

Garg: Bund liefert immer noch zu wenig Impfstoff

Auf deren Einsatz drängt auch FDP-Gesundheitsminister Heiner Garg – wenngleich er fürchte, dass das angesichts des nur in homöopathischen Dosen gelieferten Impfstoffs noch in weiter Ferne liege. Diesen Impfstoffmangel müsse der Bund endlich beenden. Es helfe doch nichts, wenn man den Impfzentren 2000 Dosen wegnähme und dann jedem niedergelassenen Arzt eine halbvolle Ampulle vor die Tür stelle.

„„Wir hoffen viel, erwarten tun wir nichts mehr“: Axel Strehl, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Schleswig-Holstein und Gastronom in Ahrensburg. Quelle: Bettina Albrod

Bei den von den Maßnahmen direkt Betroffenen herrscht angesichts dieses Polit-Disputs nicht weniger Hoffnungslosigkeit. „Wir hoffen viel, erwarten tun wir nach den Erfahrungen mit den letzten Ministerpräsidentenkonferenzen nichts mehr“, sagt Axel Strehl, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga im Norden. Den Unternehmern lege sich nach fünf Monaten Lockdown die Schlinge immer fester um den Hals.

Dehoga: Gastwirte müssen Rücklagen fürs Alter auflösen

Viele Kollegen hätten sogar schon ihre Altersvorsorge aufgebraucht, berichtet Strehl. Es drohe trotz Überbrückungshilfe die Pleite. Zudem seien viele Mitarbeiter längst in andere Branchen abgewandert. „Entweder wird jetzt geöffnet, oder der Staat muss uns komplett finanzieren“, sagt Strehl.

„Einkaufen ist auch bei einer Inzidenz über 50 sicher“, sagt die Handelsverbands-Sprecherin Mareike Petersen. Quelle: Handelsverband Nord

Handelsverband: „Erhoffen tun wir uns gar nichts mehr“

Mareike Petersen vom Handelsverband Nord formuliert es ebenso drastisch. „Erhoffen tun wir uns gar nichts mehr“, sagt Petersen. Die Lage der Händler werde mit jedem Tag prekärer. Die Politik müsse endlich weg von ihrer Inzidenz-Fixiertheit. Es müsse etwa auch die Zahl der schwer Erkrankten mitbetrachtet werden, die durch die Impfungen ja sinke. Zudem sei der Einzelhandel kein Infektionstreiber, das beweise doch der Lebensmittelhandel täglich.

„Einkaufen ist auch bei einer Inzidenz über 50 sicher“, sagt die Handelsverbands-Sprecherin. „Die Geschäfte müssen geöffnet bleiben.“ Und Gaststätten und Hotels müssten sofort nachziehen dürfen. Gerade für das Einkaufserlebnis in den Innenstädten sei die Gastronomie unverzichtbar. Und in vielen Orten belebten erst die Touristen das Geschäft. „Es muss ja auch jemand da sein, der was kauft.“

Von Wolfram Hammer