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Norddeutschland Doktor Google: Selbstdiagnose per Mausklick
Nachrichten Norddeutschland Doktor Google: Selbstdiagnose per Mausklick
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19:00 13.03.2019
Ratgeber Nummer Eins bei Gesundheitsfragen ist das Internet. Immer mehr Menschen googeln ihre Beschwerden, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Quelle: Fabian Boerger
Lübeck

Ein Drücken in der Brust, Schmerzen beim Atmen oder im Fuß – bevor ein Arzt aufgesucht wird, informieren sich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung 46 Prozent der Deutschen über Gesundheitsthemen im Internet. Medizinischer Ratgeber Nummer eins ist „Doktor Google“. Schnell spuckt die Suchmaschine bis zu hunderttausend potenzieller Diagnosen aus. Allein bei den Suchbegriffen „Husten, Kratzen im Hals“, sind es 414 000 Ergebnisse. Verunsicherung ist nicht selten die Folge einer Selbstdiagnose im Internet. Patienten und Ärzte sind geteilter Meinung.

Googelt man Ärzte in Lübeck, findet man die Hausarztpraxis von Dr. Olaf Zwad versteckt auf den hinteren Plätzen der Trefferliste. Sie liegt etwa auf Platz 50 von über hundert Ärzten. Elf Personen gaben ein Feedback, bewerteten die Praxis durchweg mit fünf Sternen, der besten Bewertung. „Ein guter Arzt, der sich Zeit für seine Patienten nimmt“, kommentiert ein User.

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Sich Zeit nehmen: Das ist das, was dem Hausarzt am Herzen liegt. Er redet oft mit seinen Patienten über ihre Selbstdiagnosen im Internet – fast täglich. „Ich sehe überhaupt kein Problem darin, dass Menschen sich im Internet schlau machen, das mache ich ja schließlich auch“, sagt Olaf Zwad, Facharzt für Allgemeinmedizin.

Menge an Informationen verwirrt Patienten

Allerdings bemerkt er, dass die Fülle an Informationen zur Verunsicherung bei seinen Patienten führe. „Wichtig ist, dass der Arzt nicht abstreitet, was der Patient gelesen hat“, sagt er. Ansonsten entsteht eine Barriere zwischen Arzt und Patient. Man müsse annehmen, was die Personen hinterfragen und erläutern, ob die im Internet gefundenen Informationen auch tatsächlich zutreffen würden. „Die Sorgen und Ängste der Patienten müssen wir ernst nehmen“, sagt der gebürtige Lübecker. Die Patienten bräuchten eine Einschätzung vom Arzt.

Schmerzen in der Brust, beim Atmen oder im Fuß - bevor ein Arzt aufgesucht wird, informieren sich viele Menschen im Internet. Bei den Lübecker gehen bei der Selbstdiagnose die Meinungen auseinander.

Auf die verlässt sich Pascal Richard. Der Lübecker lässt bei Beschwerden lieber die Finger von der Tastatur: „Selbstdiagnose finde ich sehr fragwürdig. Ich traue dem nicht, was im Internet steht.“ Bei der Selbstdiagnose im Netz kommt es darauf an, wie man mit den Informationen umgeht. Für den Laien sei es schwierig einzuschätzen, ob es sich bei den Webseiten um seriöse Quellen handelt, sagt Zwad. Vielen fehle es an medizinischem Fachwissen. Ein Schlagwort hier, eines dort. Zusammenhänge einzelner Symptome würden nicht beachtet. Das Resultat: eine falsche Diagnose.

„Eine Krebsdiagnose war auch dabei“

Ein Problem, dass Anna Kämpgen aus Lübeck kennt. Wegen einer Entzündung informierte sie sich im Internet. Google spuckte ihr die abstrusesten Erklärungen aus. Eine Krebsdiagnose war auch dabei. „Das hat mich eher bekloppt gemacht, als dass es mich weitergebracht hätte“, sagt sie. Man mache sich zu viele Gedanken und am Ende sei es ganz harmlos gewesen. „Ich kenne aber viele, die sich immer solche Informationen einholen."

Ein Blick in die Studie

In einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung wurden 1074 Personen nach der Bedeutung des Internets als medizinischer Ratgeber befragt (hier gelangen Sie zur Studie). 46 Prozent gaben an, das Internet bei Gesundheitsfragen zu nutzen. Damit steht es an vierter Stelle, hinter den Traditionsmedien, wie Fernsehen, Radio, Print, dem persönlichen Gespräch mit dem Arzt und der Familie.

73 Prozent der Befragten gaben an, nach Krankheiten und Risiken zu suchen. Entweder um die Informationen im Arztgespräch zu thematisieren oder, um eine Diagnose zu überprüfen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, vor dem Arztbesuch zu googeln. 62 Prozent sagten, sie recherchieren im Anschluss mithilfe des Internets.

Interessant ist, dass fast jeder dritte dem Arzt die Suche im Internet verschweigt. Davon verheimlichen 23 Prozent die Informationen aus Angst, 24 Prozent um als kompetenter Gesprächspartner zu wirken. 62 Prozent gaben an, dadurch die Reaktionen des Arztes prüfen zu wollen. Die Herausgeber schließen daraus ein mangelndes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

„Ein probates Hilfsmittel“, sagt Dr. Matthias Rieder, Hals-Nasen-Ohren-Arzt in der Moislinger Allee. Eine Website der Praxis sucht man vergeblich im Netz. Wie bei seinem Kollegen Dr. Zwad wissen bereits viele seiner Patienten vor dem Arztbesuch, woran sie leiden. Sie recherchieren im Internet und erhalten ein breites Spektrum an Antworten. „Mit dem Arztbesuch möchten die Patienten sicherstellen, dass es nicht etwas Schlimmeres ist“, sagt Rieder.

Zweifel an der Arzt-Diagnose?

Nicht nur vor dem Arztbesuch, sondern vor allem danach suchen Patienten Hilfe im Internet. Laut Bertelsmann-Studie machen das 62 Prozent. Zweifeln diese Menschen an der Diagnose des Arztes? „Ich glaube, dass einige Menschen die Aussagen des Arztes kontrollieren möchten.“ Das sei auch vollkommen legitim, findet Rieder. Ärzte seien fehlbar. „Ich denke, es geht vielen darum, zu verstehen, woran sie leiden.“ Das sei dann eher ein Problem der ärztlichen Aufklärung, sagt Rieder.

Martina Grigoleit aus Lübeck ist Ärzten gegenüber skeptisch. Wenn sie krank ist oder Beschwerden hat, holt sie sich ihren Rat aus dem Internet. „Ich vertraue den Ärzten nicht“, sagt sie, denn meist hätten sie nur eine schulmedizinische Sicht auf die Dinge; bieten keine vernünftigen Alternativen an. „Diese hole ich mir dann über das Internet.“

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Austausch, Überprüfung, Selbsthilfe

Die Motive der Recherche sind vielfältig. Der Bertelsmann-Studie zufolge stünde nicht nur die Erweiterung des eigenen Wissens im Vordergrund, sondern auch der Austausch mit Gleichgesinnten, die Überprüfung der Arzt-Diagnose sowie die gesundheitliche Selbsthilfe. „Ich habe das auch schon mal im Gespräch mit den Ärzten eingebracht. Aber die waren selten offen dafür“, sagt Grigoleit.

„Je informierter der Patient ist, desto einfacher ist es für den Arzt, eine gemeinsame partizipative Entscheidung zu finden“, sagt Dr. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Er begrüßt den Trend der Online-Selbstdiagnose. Der Patient wird eingebunden und „es kann ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden.“ In einer direkten Patienten-Arzt-Beziehung stelle man nicht unbedingt alle Fragen – unter anderem aufgrund des Zeitdrucks einer Sprechstunde. Das könne am heimischen Computer nachgeholt werden.

Vertrauliche Daten sind ungeschützt

Wichtig sei, dass die Systeme vertrauenswürdigere Informationen liefern. Er fordert unabhängige Gütekriterien, die die Informationen einordnen und beeinflusste Infos aussortieren. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass der Fluss persönlicher Daten undurchsichtig ist. „Man muss sich fragen: Wo gehen unsere Daten hin?“ Sein Tipp: Intime und persönliche Daten sollten für sich behalten oder mit dem Arzt diskutiert werden. „Der Patient muss sich im Klaren sein über das, was er preisgibt.“

Fabian Boerger

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