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Nachrichten Norddeutschland Lübeckerin erzählt von ihrer Zeit mit Zahnspange
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10:47 20.03.2019
Vanessa Grünlinger kann wieder kraftvoll zubeißen. Lange Zeit konnte sie das nicht, denn sie trug in ihrer Jugend eine Zahnspange. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

 Schön sehen sie nicht aus – diese Drähte im Mund. Sie stechen in die Backen, stören beim Knutschen und ständig bleiben Essensreste hängen. Die Rede ist von Zahnspangen. Es gibt sie in loser Form, zum Herausnehmen, oder als feste Spange, bei der Plättchen auf die Zähne geklebt und mit einem Draht verbunden werden.

Strahlend ist das Lächeln der meist jugendlichen Patienten. Aber nicht der Zähne wegen, sondern aufgrund des blitzenden Edelstahls. Die Zahnspange ist ein Übel. Denn trotz des Versprechens auf schöne und gerade Zähne erzeugt das unvorteilhafte Gestell bei jugendlichen Schamgefühle.

„Das war mir einfach zu peinlich“

Kreuzbiss, Eng-Stand, schiefe Zähne: All das musste bei Vanessa Grünlinger mit einer Zahnspange gerichtet werden. Mit 13 Jahren bekam sie ihre erste Spange. Insgesamt vier Jahre dauerte die Behandlung. Zunächst war es eine zum Rausnehmen. Doch ihr Gaumen war zu schmal, weshalb sie mit 15 Jahren eine Gaumennahtsprengung bekam. Hinter dem brutalen Begriff verbirgt sich ein Gestell, bei dem mithilfe von Drähten und einer Stellschraube der schmale Oberkiefer schrittweise verbreitert wird.

Mehr zum Thema: Lesen Sie hier weitere Geschichten aus unserer Gesundheitsserie.

„Das war nicht schön“, sagt sie und lacht verlegen. „In der siebten Klasse musste ich ein Referat halten. Das habe ich nur vor der Lehrerin gehalten.“ Denn durch die Gaumennahtsprengung entstand eine Lücke zwischen den Frontzähnen, wodurch sie zu lispeln begann. „Das war mir einfach zu peinlich.“

Kieferorthopädische Behandlung nur im Jugendalter?

„Das Aussehen ist ein guter Nebeneffekt. Aber vorrangig ist es auch das Ziel einer Behandlung, die Sprache, das Kauen, Schlucken und Abbeißen zu verbessern“, sagt Kieferorthopädin, Dr. Petra Böhmer. Quelle: Fabian Boerger

Heute sieht sie ihre Zeit mit der Zahnspange gelassener. Selbstbewusst und mutig erzählt sie von den Unannehmlichkeiten ihrer Jugend. „Fotos aus dieser Zeit gibt es nicht so viele“, sagt sie. Und wenn, dann versuchte sie, den Mund geschlossen zu halten. Zeitweise hat sie die Zahnspange gehasst. Besonders wenn Drähte in das Zahnfleisch schnitten oder Bögen ausgetauscht wurden. „Dann dachte ich: Raus mit dem Ding.“

Dass Jugendliche mit der Zahnspange hadern, ist kein Geheimnis. Es ist eine prägende Zeit, weiß auch Kieferorthopädin Dr. Petra Böhmer: „Natürlich sind die Kinder froh, wenn sie mit der Behandlung durch sind“, sagt sie. Trotzdem sei es wichtig, dass die kieferorthopädische Behandlung schon im Jugendalter stattfindet. Die Vorteile seien, dass sich die Jugendlichen im Wachstum befinden und der Zahnwechsel zu der Zeit stattfinde. „Dann ist alles noch wie Rührkuchen, und ich kann die Stellung der Zähne besser beeinflussen“, sagt die in Lübeck ansässige Kieferorthopädin.

Fehlfunktionen müssen früh erkannt und behoben werden

Außerdem stehe nicht nur die Ästhetik bei einer Behandlung der Zähne im Vordergrund. „Das Aussehen ist ein guter Nebeneffekt. Aber vorrangig ist es das Ziel, die Sprache, das Kauen, Schlucken und Abbeißen zu verbessern“, sagt Dr. Böhmer. Beginne die kieferorthopädische Behandlung erst mit 15 oder 16 Jahren, werde die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen deutlich schwerer. „Sie werden unmotiviert. Tragen ihre Spange nicht mehr regelmäßig.“ Hinzu kommt, dass der Zahnwechsel dann abgeschlossen ist.

Macht eine Zahnspange überhaupt Sinn?

Ganz unumstritten ist die kieferorthopädische Behandlung bei Jugendlichen nicht. Seit einiger Zeit streiten auch Politiker über die Sinnhaftigkeit der Zahnspange. Hintergrund der Debatte ist, dass nicht klar sei, wie erfolgreich eine Behandlung sei, bemängelte kürzlich der Bundesrechnungshof (BRH).

Laut einem Bericht der Bundesbehörde gebe es zu wenige Studien, die den Erfolg von Zahnspangen und anderen kieferorthopädischen Maßnahmen belegen. Zahlen dazu, ob Kinder, die eine Zahnspange getragen haben, später wirklich gesündere Zähne haben, gibt es kaum. Das gilt insbesondere für die Behandlung leichter Zahn-Fehlstellungen.

Anders ist es bei starken Fehlstellungen. Dass diese frühzeitig behandelt werden müssen, darin sind sich die Experten einig. Sie sollen deshalb korrigiert werden, weil sie später zu zahnmedizinischen Problemen führen können. Das würde unter anderem Einschränkungen beim Kauen oder Schlucken hervorrufen. Für Dr. Petra Böhmer ist es eine leidvolle Debatte. Sie führt das Argument ins Feld, dass niemand zu einer kieferorthopädischen Behandlung gezwungen werde.

Prof. Dr. Dankmar Ihlow, Kieferorthopäde und Landesvorsitzender des Berufsverbands der deutschen Kieferorthopäden, sieht das ähnlich. „Fehlfunktionen müssen früh erkannt und dann auch behandelt werden, um spätere Folgen schiefer Zähne zu vermeiden“, sagt er. Es sei jedoch ebenso wichtig, Schamgefühle und Eitelkeiten zu berücksichtigen. Die Unterstützung der Eltern sei hierbei entscheidend.

Die Vorteile überwiegen: gerade Zähne und ein gesunder Biss

Doch häufig sind auch die Eltern negativ gegenüber einer Behandlung eingestellt. „Wir rennen nicht immer offene Türen ein“, saht Ihlow. Das Problem: Sprechen sich die Eltern gegen eine Behandlung aus, ließen sich die Jugendlichen schnell beeinflussen. Das sei dann kontraproduktiv. „Die Eltern müssen ermutigt werden, damit sie ihre Kinder bei der kieferorthopädischen Behandlung unterstützen“, sagt Ihlow. Einfühlungsvermögen vonseiten des Kieferorthopädens und den Eltern sei da sehr wichtig.

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Die Behandlungsdauer mit einer Zahnspange ist individuell, kann aber einige Jahre dauern. Beim Entfernen strahlt dann nicht mehr der Edelstahl – dann sind es die Zähne. „Rückblickend war es gut, die Spange zu tragen“, sagt Vanessa Grünlinger. Sie trug sie etwa vier Jahre – in loser und fester Form. Eine unangenehme Zeit, sagt sie, aber nun überwiegen für sie die Vorteile: gerade Zähne und ein gesunder Biss. Ob sie es wieder machen würde? „Wenn es notwendig ist, dann ja.“

Fabian Boerger

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