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Norddeutschland Streit ums Tierwohl-Label: Bauern fürchten Mehrkosten
Nachrichten Norddeutschland Streit ums Tierwohl-Label: Bauern fürchten Mehrkosten
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19:30 06.02.2019
Ein neues Tierwohl-Label soll es Kunden möglich machen, Fleisch von besonders gut gehaltenen Tieren erkennen zu können. Ob das so glückt, wird von vielen Kritikern allerdings bezweifelt. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Berlin/Kiel

Deutschland hat ein Tierwohl-Label mehr – diesmal ein staatliches. CDU-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat es am Mittwoch in Berlin vorgestellt. Es soll Kunden im Supermarkt Aufschluss über die Haltungsbedingungen der Tiere geben, die zu Hause auf den Esstisch kommen sollen.

Ab 2020 startet das Label erst mal nur für Schweine

Zunächst gibt es das Label nur für Schweinefleisch. 2020 soll es starten. Und: Es ist nicht verbindlich. Die Teilnahme ist für Landwirte und Handel freiwillig. Wer teilnimmt, muss allerdings einige Kriterien erfüllen. Es geht um mehr Platz für die Tiere, ihre artgerechte Beschäftigung, gutes Futter und einen schonenden Transport zur Schlachtung. Außerdem muss das Hofpersonal Fortbildungen besuchen.

CDU-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat am Mittwoch in Berlin die Kriterien für das staatliche Tierwohlkennzeichen vorgestellt. Quelle: Britta Pedersen/dpa

Am Ende gibt es drei Stufen, in die das Fleisch eingeteilt wird. Beispiele: Für eine Auszeichnung als Stufe-1-Fleisch müssen die Schweine in ihrer Box auf 0,9 Quadratmeter Fläche gelebt haben und als Ferkel mindestens 25 Tage von ihrer Mutter gesäugt worden sein. Gesetzlich vorgeschrieben sind aktuell nur 0,75 Quadratmeter und 21 Tage. Kauft ein Kunde Stufe-3-Fleisch, soll er sicher sein können, dass die Schweine rechnerisch auf 1,5 Quadratmeter inklusive einem halben Quadratmeter Auslauf pro Tier gelebt haben und mindestens 35 Tage von ihrer Mutter gesäugt worden sind. Verbraucher sollten an dem Logo schnell erkennen können, wo mehr Tierwohl drinstecke, sagt die Ministerin. Und Tierhalter sollten für Mehrinvestitionen honoriert werden. Daher müssten alle diese Kriterien „überprüfbar“ sein. Generell müssten Bauern, die ihr Fleisch mit dem Label vermarkten wollen, auf die betäubungslose Kastration der Ferkel verzichten. Und: Für Stufe zwei und drei dürften sie den Tieren auch nicht die Schwänze kürzen.

Bauernverband fordert strenge Überwachung des Labels

Bauernpräsident Werner Schwarz. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Genau hier setzen allerdings die Kritiker an. „Wie wird es denn überwacht?“, fragt etwa Schleswig-Holsteins Bauernpräsident und Schweinezüchter Werner Schwarz. Dafür müsse schnell ein System her, damit sich die Verbraucher auch auf die Kennzeichnungen verlassen könnten. Doch das bleibe Klöckner schuldig. Völlig unklar sei zudem, wer am Ende die Mehrkosten trage, die auf die Bauern zukommen. Gut zehn Cent dürften es pro Kilo Schweinefleisch allein in Stufe eins sein, schätzt Schwarz. Bei Biofleisch verdoppele sich der Preis. Dabei seien die Margen der Landwirte schon jetzt spärlich. Und vom Staat gebe es offenbar auch nichts. Tatsächlich hat Klöckner bislang lediglich 70 Millionen Euro für eine mehrjährige Informationskampagne eingeplant.

Verteuern sich also die Fleischpreise im Laden? „Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware“, sagt Klöckner. Deshalb gehe das Thema alle an, „nicht nur die Tierhalter, sondern auch Handel, Gastronomie und Verbraucher“. Die Handelsketten sind bei Preiserhöhungen aber bislang zurückhaltend. Das hat einen Grund: Gerade erst ergab eine Studie der Hochschule Osnabrück, dass nur 16 Prozent der Verbraucher bereit seien, für besseres Fleisch mehr Geld auszugeben – und auch nur bis zu 30 Cent pro Kilo extra.

Verbraucherzentrale: Ein einziges, verbindliches Label muss her

In der Verbraucherzentrale in Kiel bemängelt man, dass die Kennzeichnung nicht verbindlich ist und mittlerweile mehrere verschiedene Label die Kunden verwirren. Tatsächlich wollen etwa die großen Lebensmittelhändler ab April ein eigenes Label einführen – mit dem Fleisch allerdings auch dann schon ausgezeichnet werden soll, wenn gerade mal die gesetzlich vorgeschriebenen Standards eingehalten werden. „Es sollte künftig nur noch ein einziges, staatliches Tierwohl-Label geben“, sagt hingegen Verbraucherzentralen-Referentin Selvihan Koç. Bei Eiern gebe es ja auch eine klare Kennzeichnung. Außerdem müsse dann sofort die Stufe eins in Klöckners Modell gestrichen werden. Sie sähe Standards vor, die viel zu dicht an den sehr niedrigen gesetzlichen Mindestvorgaben liegen würden. Eine für den Verbraucher erkennbare Auszeichnung dürfe es nur für größere Anstrengungen bei der Haltung geben.

Pflichtabgabe statt Tierwohl-Label?

Immer neue Debatten um freiwillige Tierwohl-Label: Der Kieler CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Rickers hat längst ein viel weiter gehendes System vorgeschlagen. Rickers forderte unlängst eine zehnprozentige Pflichtabgabe auf Fleisch, Eier und Milchprodukte im deutschen Handel. Der Staat solle sie eintreiben oder eine Körperschaft damit beauftragen. Landwirte, die ihre Ställe im Sinne des Tierwohls verbessern, zum Beispiel den Platz für die einzelnen Tiere vergrößern, könnten dann Anträge stellen und aus dem Topf Fördergelder bekommen, sagt Rickers. Schließlich seien viele Menschen bereit, mehr Geld für gut produzierte Nahrungsmittel zu bezahlen. Doch selbst wenn sie teurere Produkte kaufen würden, könnten sie bislang nicht immer sicher sein, dass das Geld auch wirklich beim Landwirt ankommt. Selbst freiwillige Tierwohl-Label des Handels seien da in all den vergangenen Jahren überwiegend wirkungslos geblieben. Eine politische Mehrheit für Rickers Vorstoß zeichnete sich bislang allerdings nicht ab – vor allem auch innerhalb der CDU und der FDP gibt es Widerstand.

Die Ministerin werte mit der Stufe eins ihres Labels lediglich „Fleisch von Schweinen aus schlechter Tierhaltung auf, statt Missstände zu beseitigen“, kritisiert auch Greenpeace. Der Tierschutzbund spricht bei der untersten Stufe des Labels von „Verbrauchertäuschung“, die den Beinamen Tierwohl nicht verdiene. Da das Label freiwillig sei, würden die meisten Schweine „auch weiterhin arme Schweine bleiben“, sagt die Grüne Ex-Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Es müsse generell strengere gesetzliche Standards geben. Die lehnt Klöckner allerdings ab. Deutsche Landwirte seien dann nicht mehr international konkurrenzfähig.

Kritik von Schleswig-Holsteins SPD, Grünen und FDP

Im Norden stößt das vielen Politikern sauer auf. „Frau Klöckner hat mit ihrem Tierwohl-Label ein weiteres wertloses Schein-Zertifikat auf den Markt gebracht, das die Kunden eher verwirren dürfte“, sagt etwa der Tier-Experte der Kieler Landtags-FDP, Oliver Kumbartzky. Sie solle lieber „im Label-Dschungel ausmisten und dafür sorgen, dass Kunden den Sinn eines Labels nachvollziehen und ihnen vertrauen könnten“. Sich zunächst nur auf Schweine zu konzentrieren, sei nicht genug, sagt die Grünen-Landeschefin Ann-Kathrin Tranziska. „Eine unverzügliche Ausarbeitung von Kriterien für Geflügel und für Rinder muss folgen“, sagt die SPD-Landwirtschaftspolitikerin Kirsten Eickhoff-Weber.

Bei einer LN-Straßenumfrage bewegte das Thema Tierwohl auch viele Menschen in der Region. Und dabei gaben die meisten Befragten an, dass sie sich Fleisch von besonders artgerecht gehaltenen Tieren auch durchaus etwas mehr Geld kosten lassen würden.

Wolfram Hammer

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