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Norddeutschland Machtsymbol Marienkirche
Nachrichten Norddeutschland Machtsymbol Marienkirche
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14:34 12.02.2017
Quelle: LN-Archiv
Lübeck

Mit dem Umbau der Marienkirche zur Kathedrale setzen die Lübecker Kaufleute sich Ende des 13. Jahrhunderts als Mäzene ein steinernes Machtmonument: Es soll den Bischofsdom übertreffen – und von der neuen Herrschaft der Krämer künden. Noch gewaltiger, noch eindrucksvoller soll die bürgerliche Pfarrkirche St. Marien werden. Größer und prächtiger als der Dom im Süden der Stadt, Lübecks bislang wichtigstes Gotteshaus.

Viele Spenden haben die Bürger der Stadt aufgebracht, um dieses Symbol bischöflicher Macht zu überbieten, vor allem die vermögenden Kaufleute. Sie wollen, dass die Marienkirche umgestaltet wird nach dem Vorbild französischer Gotteshäuser. In einem Architekturstil mit in die Höhe strebenden Rippen, mit Pfeilern, Spitzbögen und reichen Ornamenten, dem man später den Namen „Gotik“ geben wird. Es ist ein Plan von scheinbar grenzenlosem Selbstbewusstsein. Denn französische Kathedralen sind nicht nur Bischofskirchen, sondern repräsentieren auch den König, sind steingewordene Machtbeweise. Und indem die Lübecker Bürger ihre Stadtkirche zur Kathedrale ausbauen, verleihen sie sich selbst geradezu royalen Rang, stellen sich gleichauf mit Bischof und höchster Feudalmacht.

Es ist eine monumentale Demonstration, wem Lübeck seinen Wohlstand zu verdanken hat – wer die Macht in dieser Handelsstadt hat, dem Zentrum im wachsenden Netz der Hanse. Lübeck, auf einer zwei Kilometer langen Halbinsel gelegen, ist vor Feinden geschützt durch die Flüsse Wakenitz und Trave, die sie an beiden Seiten begrenzen. Auf 24 Kilometer Länge windet sich die Trave von der Stadt zur Ostsee. Durch diesen Strom wird Lübeck zur Hafenstadt. Die Trave ist tief genug für die Schiffe der Fernhändler, die die Stadt groß gemacht haben – und sie nun mit ihrem kaufmännischen Geschick, ihrer Rationalität und ihrem Ehrgeiz prägen. Von oben, von der Höhe des höchsten Baugerüsts der Marienkirche aus, erscheint Lübeck zweckmäßig und modern. Ein Bild gebauter Ordnung.

Durch die Straßen rumpeln Karren, aus dem Umland bringen sie Backstein. Aber nicht nur zur Marienkirche fahren die Karren ihre schwere Ladung. Ganz Lübeck ist gerade eine Großbaustelle. Hunderte Arbeiter errichten neue Kirchen oder vergrößern sie, konstruieren Kaufmanns- und Lagerhäuser, erneuern Teile der Stadtbefestigungsanlagen. Den Backstein stellen die zahlreichen Ziegelbrennereien vor den Toren der Stadt her. Ton- und Lehmerde gibt es reichlich in der Umgebung. Ziegler füllen sie in Holzkisten. Die Masse wird glatt gestrichen, getrocknet und in Feldöfen gebrannt. Je nachdem, wie hoch der Anteil von Ton und Lehm ist, sind die fertigen Steine mal heller, mal dunkler. Lübeck wird so zur Stadt aus rotem Stein, mit braunen, grauen und grünen Einsprengseln.

Zwischen Markt und Hafen entsteht um 1285 ein fast geschlossenes Backsteinviertel. Dicht an dicht stehen da hohe Backsteinhäuser mit steilen Satteldächern. Dort leben die Kaufleute. Ein hohes Portal führt in eine hallenartige Diele, die das Erdgeschoss ausfüllt. Sie ist das Zentrum des Gebäudes, zugleich Ort des Handels und des häuslichen Lebens. Es gibt einen Lager- und Verkaufsraum, Ess- und Wohnbereich, eine Küche mit offener Herdstelle, von der der Rauch bis in den Dachraum hinaufsteigt und durch Löcher an den Firstenden nach draußen zieht. Der Fußboden dieser Kaufmannshäuser ist mit Steinen gepflastert oder aus gestampftem Lehm. Die Wände sind einfach gekalkt. Die meist kleinen Fensteröffnungen sind mit Läden aus Holz versehen. Behaglich ist das Kaufmannshaus nicht, eher ein bewohntes Lager.

Bis vor Kurzem waren die Fernkaufleute meist eine Hälfte des Jahres unterwegs, um ihre Waren zu begleiten. Allenfalls im Winter blieben sie zu Hause. Nun aber schicken sie Vertreter in die anderen Zentren des Handels: Gehilfen, Kommissionäre oder Geschäftsfreunde. Und beginnen, ihre auswärtigen Geschäfte von einer Schreibkammer an der Längsseite der Diele aus zu lenken.

Seit Kaufleute vom heimischen Kontor aus arbeiten, können sie sich auch mehr um die politischen Belange ihrer Städte kümmern, vielleicht eine Tätigkeit im Rat übernehmen – obwohl ein Amt im städtischen Führungsgremium Zeit kostet und (bis auf eine Aufwandsentschädigung) nicht bezahlt wird. Regelmäßig kommen die Mitglieder des Rates zusammen, die consules Lubecenses, allesamt Kaufleute, um über Ausbesserungen an der Stadtmauer zu beraten, Zölle und Gebühren am Hafen. Fernhändler unter ihresgleichen. Das Ansehen und der Erfolg eines Handelskaufmanns entscheidet darüber, ob er in das Kollegium aufsteigen kann. Frauen sind vom Rat ausgeschlossen, Handwerker auch, selbst wenn sie wohlhabend sind. Gegen Ende des Jahrhunderts liegt die wirtschaftliche und politische Macht allein in den Händen der wohlhabenden Lübecker Fernhandelskaufleute – die sich mit der neuen, erweiterten Marienkirche ein weithin sichtbares Zeichen ihres Einflusses gönnen.

Bereits der Chorbau lässt erkennen, dass hier eine neue Hierarchie symbolisch Gestalt annimmt, die Trennung zwischen kaufmännischem Patriziat und den übrigen Bürgern.<NO>Der Bau der Marienkirche ist eine Aufgabe für Generationen. Viele, die im Sommer 1285 an ihrer Gestalt mitarbeiten, Maurer, Handlanger, Mörtelmacher, werden ihre Vollendung nicht mehr erleben. Sie sehen vorerst nur, was sie bis zum Ende dieses Tages geleistet haben. Es wird noch viele Jahre dauern, bis St. Marien vollendet ist. Um 1300 wird der Chor, wohl erst 50 Jahre später die gesamte Kirche fertiggestellt sein. Aber was für ein Werk ist dann entstanden! Die Kathedrale misst 100 Meter in der Länge.Das Mittelschiff erreicht mit 38,5 Metern eine gewaltige Höhe und ist fast doppelt so hoch wie das des Lübecker Doms, übertrifft sogar die Höhe des berühmten Gotteshauses im französischen Reims. Die Zwillingstürme von St. Marien, 125 Meter hoch, werden bis zur Vollendung des Kölner Doms im Jahr 1880 das höchste Kirchturmpaar in Deutschland sein.

Von Ulrike Moser

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