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Norddeutschland Überstunden ohne Ende, Job-Frust, Burn-out: So hart ist der Klinik-Alltag für Ärzte
Nachrichten Norddeutschland Überstunden ohne Ende, Job-Frust, Burn-out: So hart ist der Klinik-Alltag für Ärzte
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18:56 13.02.2020
Deutsche Klinikärzte beklagen Überlastung. Hier ein Blick in einen OP. Quelle: dpa
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Kiel

Überlange Arbeitstage, Job-Frust, Schlafstörungen und Burn-out: Schleswig-Holsteins Klinikärzte können nicht mehr. Eine Umfrage ihrer Gewerkschaft „Marburger Bund“ unter 500 Kollegen brachte es an den Tag. Die Ursachen: zu wenig Personal, Spardruck durch Geschäftsführungen, Chefärzte ohne Führungsqualitäten und Organisationstalent. Das bringe auch die Patienten in Gefahr, warnen die Mediziner.

Überlastung: Jeder fünfte Arzt denkt ans Aufgeben

„Jeder fünfte Klinikarzt im Land denkt deswegen mittlerweile daran, seinen Beruf aufzugeben“, sagt der Marburger-Bund-Landesvorsitzende Michael Wessendorf. 77 Prozent der Befragten beurteilten ihre Arbeitsbedingungen als mittelmäßig bis sehr schlecht, an den Unikliniken sind es sogar 81 Prozent.

Viele Klinikärzte sind überlastet, sagt Marburger-Bund-Landeschef Michael Wessendorf. Quelle: Joerg Wohlfromm

Hauptkritikpunkt der Ärzte: Die Arbeitszeit. 58 Prozent aller Ärzte arbeiten pro Woche 49 Stunden und mehr, 27 Prozent sogar über 60 Stunden, einige davon 80 Stunden. 61 Prozent verzichten regelmäßig auf Pausen. Bei 60 Prozent der Befragten gehen allein mindestens drei Stunden Arbeitszeit für die Datenerfassung und Dokumentation drauf – für die Bürokratie also. Für die Patienten hingegen bleibe immer weniger Zeit.

Marburger Bund: Mehr Geld, mehr Ärzte, mehr Studienplätze

Die Krankenhäuser müssten endlich die Gesetze zur Arbeitszeitregelung einhalten und für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, sagt Wessendorf. Notfalls müssten Leistungen eben auch mal eingeschränkt werden. Oder es müssten mehr Ärzte eingestellt werden. Das Land müsse den Krankenhäusern endlich mehr Geld zahlen und mehr Ärzte ausbilden. Der Bund müsse das unsägliche Bezahlsystem der Kassen ändern, das Behandlungen pauschal vergütet und die wirklichen Bedarfe nicht deckt. Es müsse mehr Geld ins System fließen.

Dienstpläne ohne Pausen, Drohungen, Einschüchterungen

Aber auch die Chefärzte seien gefragt, sagt der Marburger-Bund-Vizechef Joachim Schur. Zwar seien viele Abteilungen in Kliniken gut organisiert. Aus manchen gebe es aber auch heftige Klagen. So berichteten Ärzte der Gewerkschaft immer wieder, dass ihnen von den Chefs regelrecht untersagt werde, Überstunden aufzuschreiben – würden sie es doch tun, werde man sie künftig zum Beispiel von allen Fortbildungen ausschließen.

Marburger-Bund-Vize Joachim Schur: Kollegen würden von Drohungen berichten, keine Überstunden aufzuschreiben. Quelle: Joerg Wohlfromm

AMEOS: Bund bestraft Kliniken, die soziale Verantwortung übernehmen

Neuer Streit zwischen Bund und Krankenhäusern: Seit dem 1. Januar müssen Kliniken 300 Euro Strafe zahlen, wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) eine ihrer Abrechnungen als fehlerhaft moniert. Das Problem: Diese Regelung greife auch, wenn ein Krankenhaus nach Ansicht des MDK Patienten nicht schnell genug wieder entlasse.

Viele Patienten würden aber noch Hilfe benötigen, Pflege- und Rehaplätze etwa stünden oft noch nicht zur Verfügung, warnen Klinik-Vertreter. Auch die AMEOS-Nord-Direktoren Andreas Tüting und Stephan Freitag, protestieren jetzt gemeinsam mit der Schleswig-Holsteinischen Krankenhausgesellschaft dagegen. Die Regelung sei eine „Strafe für soziale Verantwortung“, urteilen die beiden Direktoren. Damit müsse Schluss sein.

Das gehe gar nicht, sagt Schur. Viele Chefärzte könnten offenbar selber dem Druck sparwütiger Geschäftsführer nicht standhalten und würden ihn ungefiltert weitergeben. In der Umfrage gaben 23 Prozent der Ärztinnen und Ärzte an, dass ihre Überstunden nicht vergütet, geschweige denn durch Freizeit ausgeglichen werden würden. Bei 40 Prozent finde generell keine systematische Erfassung der Arbeitszeit statt.

17 Prozent der Ärzte brauchten selber ärztliche Hilfe

Viele Ärztinnen und Ärzte müssten drei bis vier Wochenenddienste pro Monat schieben. Ein Grund dafür: Bei 60 Prozent der Befragten sind zwei oder mehr Arztstellen in der Abteilung gar nicht besetzt. Bittere Folge: 78 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sagen, Freunde oder Familie müssten unter ihrem Job leiden, 60 Prozent schlafen schlecht, 17 Prozent mussten sich wegen der Überlastung auf der Arbeit selber schon in ärztliche und psychotherapeutische Behandlung begeben. „Und das in einem Traumberuf, für den man Auswahltests und ein hartes Studium auf sich genommen hat“, sagt Wessendorf.

Die Landespolitik gibt sich alarmiert – und verweist auf Berlin

Die Landespolitik reagiert hilflos. „So kann es nicht weitergehen“, sagt die Grüne Marret Bohn. Es dürfe „kein Weiter so mehr geben“, sagt Bernd Heinemann von der SPD. „Die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern müssen dringend verbessert werden“, sagt Hans Hinrich Neve von der CDU. „Das System krankt an mehreren Stellen“, sagt FDP-Mann Dennys Bornhöft. Dann aber verweisen sie am Ende alle auf die Zuständigkeit des Bundes.

Minister: Habe Reform zur Krankenhausfinanzierung gestartet

FDP-Gesundheitsminister Heiner Garg. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Die Ergebnisse der Marburger-Bund-Umfrage nehme man ernst, sagt FDP-Gesundheitsminister Heiner Garg. Sie würden zumindest ein Schlaglicht auf die Situation in den Kliniken werfen. Mehr Landesgeld für die Krankenhäuser verspricht der FDP-Minister allerdings nicht. Schleswig-Holstein habe seine Krankenhausinvestitionen seit dem Jahr 2017 schon um jährlich 50 Millionen Euro erhöht, sagt Garg. Hinzu kämen acht Millionen Euro zur Sicherung kritischer Infrastrukturen. Und dann noch mal 50 Millionen Euro für Investitionen für Baumaßnahmen zur besseren Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung.

Immerhin: 2019 hat Garg im Bund eine Initiative für eine Reform der Krankenhausfinanzierung angestoßen. Es gebe in der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern auch schon eine Arbeitsgruppe dazu, heißt es aus seinem Ministerium. Im Januar habe sie die Arbeit aufgenommen.

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Von Wolfram Hammer

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