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Norddeutschland Medikamenten-Tests mit Heimkindern
Nachrichten Norddeutschland Medikamenten-Tests mit Heimkindern
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21:14 11.10.2016
Schleswig

Ein Arzt soll Psychopharmaka in den 1960er Jahren in Schleswig an Heimkindern getestet haben. Dies geht aus Untersuchungen der Pharmazeutin Sylvia Wagner hervor. Sie hat Archive und historische Fachzeitschriften ausgewertet und Belege für bundesweit 50 Versuchsreihen gefunden, darunter auch zwei Fälle in Schleswig-Holstein. Es sei „klar erkennbar, dass das Versuche waren“, sagte Wagner.

Kümmert sich um die Aufarbeitung: die frühere Landespastorin Petra Thobaben.

In der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses erprobte demnach ein mittlerweile toter Arzt zwei Medikamente. Mit dem Neuroleptikum Haloperidol gab es laut NDR einen Versuch mit 65 Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren, bei denen „Zustände geistig-seelischer Behinderung im Sinne des Schwachsinns“ festgestellt worden waren. Er wolle untersuchen, ob Haloperidol auch bei „psychomotorischen Erregungen“ seiner Patienten eine Wirkung habe, hielt er in seiner Publikation dazu fest.

1969 testete der Mediziner an 30 Kindern den Wirkstoff Encephabol, der eine Leistungssteigerung des Gehirns bei „antriebsarmen Kindern (...) mit Hirnschäden“ bewirken sollte. Das Mittel kommt bis heute bei Demenzerkrankungen oder Konzentrationsstörungen zum Einsatz.

In beiden Fällen habe eine Gruppe das Präparat erhalten und eine andere nicht, sagte Wagner. „Es wurden EEG-Untersuchungen gemacht und Blutbildkontrollen, die Leberwerte wurden untersucht, Harnwerte bestimmt. Das sind keine therapeutischen Maßnahmen, sondern Versuchsbedingungen.“ In beiden Fällen habe sie keine Hinweise auf Einwilligungen gefunden.

Die Landesregierung kündigte bereits eine Aufarbeitung der Schleswiger Fälle an. Wegen fehlender Akten ist die exakte Zahl der Betroffenen nach Angaben des Sozialministeriums unklar. Die von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) um die Aufarbeitung gebetene frühere Landespastorin Petra Thobaben habe aber bereits mit etwa 15 Betroffenen Kontakt gehabt, sagte gestern ein Ministeriumssprecher.

Wem als Kind in den 1950er bis 1970er Jahren in einer Kinder- oder Jugendpsychiatrie Unrecht widerfahren ist, der kann ab 2017 auf eine Entschädigung hoffen. „Es wird Geldleistungen im Umfang von bis zu maximal 9000 Euro pro Fall geben und Rentenersatzleistungen bis zu 5000 Euro. Damit erreichen wir eine Gleichstellung im System“, sagte Sozial-Staatssekretärin Anette Langner. Eines der ehemaligen Heimkinder erinnert sich, Säfte und Tabletten bekommen zu haben: „Du bist festgehalten worden, Nase zugehalten, Tablette rein.“ Anschließend sei er „nicht mehr Herr seiner Sinne“ gewesen, sagte der Mann.

LN

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