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Norddeutschland Mit dem Wasser-Taxi zur Arbeit
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09:06 17.05.2015
Fahren unter deutscher Flagge — mit der „North Frisian Offshore GmbH“. Quelle: Fotos: Winckler, Hahnfeldt, NF-Offshore, Roeßler, Runge
Kiel

Er hätte Kapitän bleiben können, es wäre keine schlechte Entscheidung gewesen. Sicheres Einkommen. Im Großen und Ganzen geregelter Arbeitstag. Niedriger Blutdruck, mit den Jahren wird so etwas wichtiger. Das Leben wäre also ruhiger gelaufen für Jannes Piepgras, nur, was tut er stattdessen? Gründet mit seinem ehemaligen Lehrmeister Dennis Ronnebeck eine Art Taxiunternehmen für Offshore-Windparks, jetzt hat er acht Angestellte, demnächst sind sie 16, er verantwortet einen Millionen-Kredit, er ist 31 Jahre alt. Von Null auf die Überholspur.

„North Frisian Offshore GmbH“ heißt die Firma, und im Wesentlichen geht es darum, Fachleute von Land aufs Meer zur Arbeit zu bringen, und das in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Aufwand.

„Zeit ist Geld“, sagt Jannes Piepgras, er sagt es nüchtern. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er mit seiner Firma im Geschäft, es läuft gut, es läuft sogar so gut, dass das Fernsehen berichtet und der Fuhrpark um einen zweiten Katamaran erweitert werden kann; gerade wird das Schiff in Kiel für den Einsatz klar gemacht. Piepgras‘ Vorteil? Die Shuttles der „North Frisian Offshore“ sind größer als die marktüblichen, statt zwölf können bis zu 100 Personen transportiert werden und sie sind mit 30 Knoten also etwa 55 Kilometern pro Stunde, deutlich schneller. Außerdem: Die Firma fährt unter deutscher Flagge und mit Personal ausschließlich aus Schleswig-Holstein. Jan Winckler etwa, Matrose aus Lübeck, ist einer von ihnen, das Arbeiten an Bord, sagt er, sei „sehr angenehm“, auch weil versucht werde, „deutsche Standarts“ aufrechtzuerhalten, „angemessene Bezahlung, nahezu ausgeglichene Freizeit“. Jannes Piepgras geht es darum, dass „alle etwas davon haben“, Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region will er schaffen, und die heimische Bank finanziert das Ganze.

Piepgras, aufgewachsen in Kiel und auf Hallig Hooge, ist ein stiller Arbeiter, ein Pragmatiker, der schon schon immer gemacht hat, was er wollte, handeln statt reden, so lief das. Nach sechs Wochen schmiss er das Studium, Fischer statt Lehrer wollte er werden, Geld verdienen, wie er den überraschten Eltern erklärte, die nächsten Wegmarken: Krabbenfischer, Kapitänsausbildung, dann: Jungunternehmer.

Er hat das Offshore-Taxi nicht erfunden, Engländer, Dänen und Niederländer teilen sich den Markt, pro Windpark sind etwa fünf bis zehn Schiffe unterwegs, er selbst ist als Kapitän eine Zeit lang für ein deutsch-englisches Unternehmen gefahren, und irgendwann sei eben die Idee zum eigenen Geschäft entstanden, „was die können, können wir auch“, er ist dann mit seinem Geschäftspartner nach Norwegen zum Einkaufen gefahren. Die „Seewind 1“ fuhr früher in den Fjorden als Schnellfähre, jetzt transportiert sie sieben Tage die Woche Servicetechniker der Firma WindMW, das Unternehmen hat Schiff und Besatzung gerade für ein weiteres Jahr gechartert, die Strecke: Helgoland— Offshore-Park Meerwind und zurück. Entfernung: bis zu 40 Kilometer, morgens um 7 Uhr geht es raus, abends zurück, und donnerstags ist Seemannssonntag, da gibt es Kuchen.

Eigentlich war nicht geplant, die Firma so schnell auszubauen, dann aber kam das Angebot für das zweite Schiff und außerdem: „Die Nachfrage war da, gerade erst kam wieder eine Anfrage aus Murmansk“, also wagten sich die beiden Jungunternehmer an größere Dimensionen, auch wenn sie um das Risiko wissen, nur: „Wenn man vom Konzept überzeugt ist“, sagt Piepgras, „muss man kein ungutes Gefühl haben.“

Ein Start-up-Unternehmen ist dabei, den Offshore-Markt aufzurollen.

Strom aus Nord- und Ostsee
Gigantische Windparks entstehen vor den Küsten. Sie sollen gewaltige Mengen Ökostrom produzieren. Der Markt gilt als wesentlicher Wachstumsbereich der erneuerbaren Energien, sie gelten als umweltfreundlich. Rund zehn Milliarden Euro investierte die Industrie bereits in deutsche Offshore-Windparks. Nur: Offshore-Anlagen haben auch Schattenseiten. Tierschützer warnen vor der Lärmbelästigung für Meeresbewohner, Umweltschützer prangern an, die Anlagen würden Nord- und Ostsee mit Rostschutz belasten. Ein Milliarden-Geschäft mit Image-Problemen.

Marion Hahnfeldt