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Norddeutschland Nach Attentat auf Fahrgäste: Polizei zeigt starke Präsenz
Nachrichten Norddeutschland Nach Attentat auf Fahrgäste: Polizei zeigt starke Präsenz
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16:26 22.07.2018
Polizeibeamte sichern den Lübecker Zob.
Polizeibeamte sichern den Lübecker Zob.  Quelle: Neelsen
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Lübeck

Der Beschuldigte Ali D. (34) äußere sich nach wie vor nicht, sagte gestern Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. „Wir müssen versuchen, die Hintergründe anderweitig zu ermitteln.“ Auch ein terroristischer Anschlag dürfe noch nicht völlig ausgeschlossen werden. Bislang gebe es aber „keine Anhaltspunkte, dass er sich politisch oder religiös radikalisiert hat“.

Aktuell gebe es zudem keine Hinweise, dass der Beschuldigte nicht schuldfähig gewesen sein könnte, sagte Hingst. Deshalb sei er auch nicht in der Psychiatrie untergebracht worden. Die Begutachtung durch einen Psychiater stehe aber noch aus und solle kommende Woche erfolgen.

Gegen Ali D., der im Iran geboren ist und seit Jahren in Lübeck lebt, wird nun unter anderem wegen versuchten Mordes ermittelt. Er verletzte einen jungen Mann mit einem unvermittelten Messerstich so schwer, dass dieser nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte. Dies spreche für einen heimtückischen Mordversuch, erklärte Hingst. Das 21-jährige Opfer, ein Tourist aus den Niederlanden, sei inzwischen außer Lebensgefahr.

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Belegt werden die Tatvorwürfe unter anderem durch die Auswertung der Videokamera des Linienbusses. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Ali D. das voll besetzte Fahrzeug in Brand setzen wollte, wobei er den Tod von Fahrgästen billigend in Kauf nahm. Den Busfahrer versuchte er offenbar durch einen Faustschlag ins Gesicht am Löschen des Brandes zu hindern. Dem Fahrer sei es dennoch gelungen, das Feuer mit einem Feuerlöscher zu ersticken.

Dem verletzten Busfahrer Peter S. geht es offenbar wieder besser. „Er hat am Freitagabend die Klinik verlassen“, sagte Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) gestern den LN. Er habe die Opfer in der Klinik besucht und Peter S. für sein besonnenes, mutiges Verhalten gedankt. Der Fahrer hatte den Bus gestoppt und die Türen geöffnet, nachdem Ali D. seinen Rucksack in Brand gesetzt hatte.

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Das beherzte Eingreifen des Fahrers habe vermutlich vielen das Leben gerettet, meint Thomas Nommensen, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. „Es hätte sonst weit schlimmer kommen können.“

Nommensen, der an der Vernehmung des Beschuldigten als Kripo-Beamter beteiligt war, sagte, der mutmaßliche Täter lasse die Befragungen stoisch über sich ergehen und spreche nicht. Die verstärkte Polizeipräsenz auf der Travemünder Woche begrüßt Nommensen. „Wir haben eine verschärfte Sicherheitslage. Die Öffentlichkeit ist verunsichert.“ Dazu trage auch der Vorfall im Mai bei. Damals erschoss eine Polizistin in Flensburg einen Messer-Angreifer im Zug.

Travemünder Woche: Polizei ist präsent

Nach dem Anschlag am Freitag halten die Veranstalter der Travemünder Woche weitestgehend am bewährten Sicherheitskonzept fest. Die Polizei ist aber stärker präsent, Besucher und Standbetreiber fühlen sich sicher, die Festmeile ist rappelvoll.

Beim Bummeln über die Promenade kommen den Besuchern immer wieder Polizisten entgegen. In kleineren Grüppchen laufen sie über das Gelände, schauen nach dem Rechten, zeigen, dass sie da sind. Vor allem in den Abendstunden haben sie gelegentlich kleinere Auseinandersetzungen zu schlichten, insgesamt ist die Atmosphäre auf dem Segel event an der Trave friedlich.

Polizei „deutlich verstärkt“

Nach dem Messerangriff hatten Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) und Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) erklärt, dass die Travemünder Woche wie geplant stattfinden werde. „Wir hätten uns einen anderen Auftakt gewünscht“, sagte Lindenau. „Aber wir dürfen nicht das Leben in der Stadt zum kompletten Stillstand kommen lassen.“

Es gebe nach derzeitigem Ermessen „keine weitere Gefährdung aufgrund dieser Tat“, sagte Innenminister Grote. Dennoch kündigte die Polizei an, ihr ohnehin großes Aufgebot auf der Travemünder Woche „noch einmal deutlich zu verstärken“, wie Norbert Trabs, Leitender Polizeidirektor in Lübeck, es formulierte. Wie viele Beamte im Einsatz sind, sagte er auch auf Nachfrage nicht. Ziel sei, das Sicherheitsgefühl der Besucher zu stärken. „Ich halte diese Prophylaxe für dringend angezeigt“, sagte der Innenminister.

Das Rezept scheint aufzugehen. „Die Ereignisse von Freitag sind kaum Thema unter den Festbesuchern“, sagt eine uniformierte Polizistin, „wir werden nicht darauf angesprochen.“ Hin und wieder bekämen sie die Rückmeldung, dass sich die Leute wohl fühlten und ein gutes Gefühl mit der sichtbaren Anwesenheit hätten. „Ansonsten ist alles wie immer.“

Auch die Standbetreiber sind entspannt. Jutta Riccobono, die bei Via Veneto Pizza anbietet, sagt: „Ich kann nicht sagen dass ich jetzt mehr Angst hätte. Was passiert, passiert sowieso.“ Unter den Gästen sei ebenfalls keine Unsicherheit zu spüren. „Die Leute haben das weggesteckt.“ Und: Viele Besucher seien Touristen. „Die haben zum Großteil ja gar nicht mitbekommen, was passiert ist.“ Sie spricht den Einsatzkräften der Polizei ein großes Lob aus: „Ich habe gestern Abend eine kritische Szene beobachtet, und innerhalb weniger Minuten war die Polizei da und hat für Ordnung gesorgt. Damit hätte ich nicht gerechnet, die waren sofort da.“

„Ich habe keine Angst“

Dennis Gökcuk und sein Team verkaufen ein paar Stände weiter Burger aus einem Food Truck. „Mir tun die Leute leid, die verletzt wurden. Aber ich habe jetzt deswegen keine Angst. Er erzählt: „Ich hatte schon mal Glück, ich war damals auf Mallorca, als es den Anschlag gab. Dort wo die Bombe explodiert ist, bin ich noch zwei Stunden vorher gewesen. Irgendwann muss jeder sterben.“

Er berichtet von abendlichen Schlägereien auf der Meile, bei denen die Polizei schnell eingreife. „Es ist gut, wenn sie den Leuten ein Gefühl von Sicherheit gibt.“ Auch veränderte Vorschriften seien ihm aufgefallen, beispielsweise würden einige Zufahrten blockiert, so dass keine Autos durchfahren könnten. Marco Wenzl und Thomas Poppe vom Hotdog- Wrap-Stand hatten schon befürchtet, dass nach den Ereignissen am Freitag weniger Leute zur TW kommen würden. „Aber es ist voll, heute sind eher noch mehr Menschen da.“ 

Von Marcus Stöcklin/Hanno Kabel/Nina Gottschalk

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