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Norddeutschland Nach Brandanschlag: 10.000 Euro Belohnung ausgesetzt
Nachrichten Norddeutschland Nach Brandanschlag: 10.000 Euro Belohnung ausgesetzt
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21:48 11.02.2015
Ein Brandsatz hat am Montag in dem leerstehenden Gebäude in Escheburg ein Feuer ausgelöst.
Ein Brandsatz hat am Montag in dem leerstehenden Gebäude in Escheburg ein Feuer ausgelöst. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck/Escheburg

Das sagte Oberstaatsanwalt Ralf-Peter Anders den Lübecker Nachrichten. Das Geld werde ausgezahlt für Hinweise "die zur Auflärung der Tat oder zur Ergreifung des Täters führen", so Anders. Zum gegenwärtigen Stand der Ermittlungen machte Anders keine weitere Angaben. Es weiter weiterhin mit Hochdruck gefahndet.

Bereits nach dem Angriff auf ein Flüchtlingsheim mit einer Rauchbombe am 2. Januar in Grabau (Kreis Stormarn) hatte die Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgesetzt. Die Tat ist jedoch nach wie vor nicht aufgeklärt. Ebenso wie in Escheburg geht die Staatsanwaltschaft aber auch dort von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.

Unbekannte hatten am Montag einen Brandsatz durch ein Fenster ins Erdgeschoss des Holzhauses in Escheburg geworfen, in das am Dienstag Asylbewerber einziehen sollten.

Nachlesen: Unbekannte zünden leerstehendes Asylbewerberheim an

Nachbarn haben dem Bürgermeister der Gemeinde bereits Ende vergangener Woche vorgeworfen, nicht informiert worden zu sein. In einem Offenen Brief schreiben sie, dass sie erst am 5. Februar von Handwerkern erfahren hätten, dass bereits fünf Tage später die ersten Menschen einziehen sollen. „Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keine Informationen an die direkt betroffenen Anwohner, was hier geplant ist und umgesetzt werden soll“, heißt es in dem Schreiben an Bürgermeister Rainer Bork, das den LN vorliegt.

„Es wäre besser gewesen, wir hätten die Leute schon früher aufgeklärt“, räumte der Bürgermeister gestern ein. „Allerdings glaube ich nicht, dass sie dem Vorhaben dann wohlwollender gegenüber gestanden hätten“, so Bork weiter. Sie seien sachlichen Argumenten „völlig verschlossen“. Jeder Bürger, der seriös etwas über Asylpolitik wissen wollte, hätte etwas erfahren können, meint der Bürgermeister.

Nach Angaben des Amtes Hohe Elbgeest ist in einer Einwohnerversammlung am 4. Dezember vorgestellt worden, welche Unterbringungen für Escheburg 2015 geplant sind. Auch sei im Amtsausschuss vom Ankauf des Doppelhauses berichtet worden. Der Notarvertrag sei am 22. Januar geschlossen worden, teilt das Amt mit. Und weiter: „Durch die Nähe zu Schule und Kita wäre die Unterbringung von Familien ideal.“ Der Gemeinde wurden jedoch sechs männliche irakische Kriegsflüchtlinge zugewiesen. Der Zustrom der Asylbewerber sei weder vom Kreis noch vom Amt zu bestimmen, betont das Amt Hohe Elbgeest.

Derzeit leben in Escheburg drei Asylbewerber. Insgesamt sollen 40 Flüchtlinge in der Gemeinde mit 3500 Einwohnern untergebracht werden. Die Hälfte von ihnen soll in festen Gebäuden unterkommen, die anderen in Containern, die auf Gemeindegelände aufgestellt werden.

Zahl der Flüchtlinge deutlich gestiegen

1087 Flüchtlinge hat Schleswig-Holstein im Januar aufgenommen – das sind rund 170 Prozent mehr als im gleichen Monat des Vorjahres (403). 272 kamen aus dem Kosovo, also jeder vierte Flüchtling, teilte das Innenministerium in Kiel gestern mit. Im gesamten Vorjahr waren es 290. Der Balkanstaat lag mit einem Anteil von 25 Prozent nur noch knapp hinter Syrien (26 Prozent). Innenminister Stefan Studt (SPD) rechnet für dieses Jahr mit insgesamt 10 000 neuen Asylbewerbern. Im vergangenen Jahr kamen 7620 Menschen. In Schleswig-Holstein gilt im Winter ein Abschiebestopp.

Der Brandanschlag hat in ganz Schleswig-Holstein Fassungslosigkeit und Empörung ausgelöst. Kirchen- und Flüchtlingsvertreter sowie Politiker aller Fraktionen verurteilten die Tat aufs schärfste. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) versprach, die Verantwortlichen zu „jagen“.

Mehr zum Thema:  Reaktionen aus Escheburg: "Flüchtlinge mitten im Wohngebiet — das geht nicht“

Land verteilt Flüchtlinge nach einem festen Schlüssel

Reaktionen aus Politik und Kirche: Scham und traurige Erinnerungen

Obwohl bei dem Angriff keine Menschen zu Schaden gekommen sind, nehme man den Vorfall „sehr ernst“. Um weitere Übergriffe zu verhindern, kündigte die Polizei unterdessen an, in der Nähe der Unterkunft jetzt verstärkt Streife zu fahren. Schon vor dem Brandanschlag am Montag, bei dem Unbekannte einen brennenden Kanister mit Lösungsmittel in das Haus warfen, hatte es in dem Ort massive Proteste gegen die Unterbringung sechs irakischer Flüchtlingen gegeben.

Mit ungewöhnlicher Schärfe verurteilte Ministerpräsident Albig den Angriff. „Wir werden euch jagen, wir werden euch kriegen, wir werden euch verurteilen. Ihr macht uns keine Angst“, sagte er in Richtung der Täter. Schleswig-Holstein sei ein humanes Land. Die allermeisten Menschen wollten Flüchtlingen helfen und sie schützen.

Deutliche Worte fand auch Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt: „Wer mit solch unfassbarer Gewalt die Aufnahme von schutzsuchenden Flüchtlingen verhindern will, zeigt seine menschenverachtende Gesinnung.“ Aus Schmidts Sicht habe die „Pegida“-Bewegung ihren Anteil daran, dass sich die Aggressionen bei einigen in dieser Weise Bahn brächen. Zugleich äußerte Schmidt aber auch Kritik an der Informationspolitik in Escheburg. „Es ist wichtig, die Bevölkerung rechtzeitig zu informieren und einzubinden, wenn in der Nähe Flüchtlinge untergebracht werden sollen“, so der frühere Kapitän der „Cap Anamur“. Das sei dort aber offensichtlich nicht oder erst zu spät geschehen.

Trotz des Anschlags hält das Amt Hohe Elbgeest aber an der Unterbringung der Flüchtlinge in dem Gebäude fest. Das Haus werde jetzt wieder hergerichtet, damit die sechs irakischen Flüchtlingen in etwa drei Wochen dort einziehen könnten, kündigte Amtsvorsteherin Martina Falkenberg an. Gegenwärtig seien die Männer in einer Gemeinschaftsunterkunft in Gudow untergebracht. Für den 23. Februar ist zudem eine Einwohnerversammlung in Escheburg geplant.

Von Oliver Vogt