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Norddeutschland Nach Mord auf Heimweg: Wie sicher sind Frauen in Schleswig-Holstein?
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Nach Mord auf Heimweg: Wie sicher sind Frauen in Schleswig-Holstein?

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20:00 21.03.2021
Derzeit steht durch den Mord einer jungen Frau in London vor allem der öffentliche Raum im Fokus. Doch die meisten Straftaten gegenüber Frauen passieren im häuslichen Umfeld.
Derzeit steht durch den Mord einer jungen Frau in London vor allem der öffentliche Raum im Fokus. Doch die meisten Straftaten gegenüber Frauen passieren im häuslichen Umfeld. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa
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Lübeck

Wie die am Donnerstag vorgestellte Kriminalitätsstatistik des Landes ergab, ist zwar die Zahl der Straftaten gesunken, die Zahl der Sexualdelikte jedoch gestiegen. Auch mehr Fälle häuslicher Gewalt waren zu verzeichnen – laut Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) ein pandemiebedingtes Problem. Der Lockdown erhöhe den Druck auf ohnehin belastete Partnerschaften. Eine besondere Opfergefährdung bei den Straftaten insgesamt ergibt die Statistik nicht. Doch bei sexueller Belästigung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Übergriffen liegt der Frauenanteil in Schleswig-Holstein aktuell bei 91 bis 96 Prozent.

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Weißer Ring wünscht sich mehr Polizeipräsenz

Selbst wenn die Polizei nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein könnte, würde sich Heike Schulz vom Weißen Ring in Lübeck nachts mehr Präsenz der Beamten wünschen. „Die Täter hätten mehr Angst, wenn sie wüssten, da patrouilliert auch mal jemand oder es fahren Autos lang.“ Es gäbe viele Frauen, die wegen Schichtdienst oder aus privaten Gründen mal spät abends oder am frühen Morgen allein unterwegs wären, und da passiere doch recht viel. Sie fände es auch gut, wenn der öffentliche Nahverkehr und die Taxen, die nachts unterwegs wären, besonders aufmerksam wären.

Heimwegtelefon: Fokus von der Angst weglenken

„Mehr als 85 Prozent aller Frauen haben bis zu ihrem 18. Lebensjahr sexuelle Übergriffe erfahren“, sagt Conny Vogt. Sie ist 1. Vorsitzende vom Heimwegtelefon. Frauen ab 16 Jahren, die sich auf dem Weg nach Hause unsicher fühlen, können die Nummer wählen und werden telefonisch bis zur Haustür begleitet, während die Mitarbeiter den Weg per Navigationssystem verfolgen. 200 bis 220 Anrufe gebe es pro Woche deutschlandweit.

Auch Männer sensibilisieren

Zu den schlechten eigenen Erfahrungen käme „die kollektive Angst, die über Generationen von Frauen weitergereicht wird.“ Sie findet: „Es wird Zeit, dass wir etwas anderes weitergeben: Was Frauen tun können, um sich sicherer zu fühlen.“ Und auch Männer dürften mehr sensibilisiert werden. In den Gesprächen mit den Betroffenen versuchen die Mitarbeiter den Fokus weg von der Angst zu lenken. „Das ist auch eine Präventionsmaßnahme, denn es ändert die Körpersprache, wenn sich Frauen selbstbewusst bewegen. Dadurch geraten sie weniger leicht in die Opferrolle.“

Selbstbehauptung und Selbstverteidigung

Das kann Roy Schirdewahn bestätigen. Er unterrichtet Frauen in Lübeck in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung in Zusammenarbeit mit dem Verein „Mit Sicherheit gegen Gewalt“. „Viele haben schon Gewalt erlebt und glauben nicht, dass sie sich gegen meist größere und stärkere Männer behaupten können“, sagt der Leiter der WingTsun-Akademie. „Da ist die Unsicherheit, wenn sie allein auf einen Einzeltäter oder sogar eine Gruppe treffen, noch höher.“ Nach den Kursen fühlten sich die Teilnehmerinnen deutlich sicherer. Und gerieten auch seltener in brenzlige Situationen. „Zum einen sind sie danach achtsamer, zum anderen ändert sich ihre Ausstrahlung“, sagt Schirdewahn.

Absolute Sicherheit gebe es für niemanden, aber man könne viel tun. Dass wegen Corona derzeit Läden und Restaurants geschlossen sein, verstärke für viele Frauen das Angstgefühl. „Es fehlt an Menschen, die helfen könnten, an potenziellen Zufluchtsorten“, sagt der 54-Jährige.

Bemühungen nicht nur im öffentlichen Raum verstärken

Für Catharina Strutz-Hauch vom Lübecker Frauennotruf ist der öffentliche Raum nur ein kleiner Teil des viel größeren Themas Gewalt gegen Frauen. „Die meisten Straftaten gegen Frauen passieren im sozialen Umfeld, da helfen Kameras allein nicht“, betont sie. Es sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das man Menschen gar nicht früh genug sensibilisieren könne. „Das muss flächendeckend in Kitas und Schulen aufgegriffen werden“, sagt sie.

Frauennotruf: Es tut sich was

Ob am Arbeitsplatz, im digitalen Bereich oder zuhause, „Frauen erleben Formen von Abwertung, die Männer nicht erfahren“. Das läge auch daran, dass es mancher als männlich empfinde, Frauen herabzuwürdigen. Durch die „#metoo-Bewegung“ habe das Thema große Sichtbarkeit in der Welt gefunden – das müsste so weitergehen. Bundesweite Kampagnen, Bedarfsanalysen, Konventionen: Es tue sich auf allen Eben viel derzeit. „Nur dass auch Jungs und Männer helfend eingreifen – das passiert noch zu selten.“

Angsträume in Lübeck

Auch in Lübeck tut sich gerade etwas. Der Bereich Stadtgrün und Verkehr hat Ende vergangenen Jahres Lübecker aufgerufen, Angsträume in Lübeck zu benennen. Die Ergebnisse werden laut Stadtsprecherin Nicole Dorel in Kürze erwartet. Zu den Orten, die Unsicherheitsgefühle wecken, zählen laut der Pressestelle der Stadt dunkle Unterführungen oder verlassene Haltestellen. Weil die Gefühle von Menschen je nach Alter, Geschlecht und Opfererfahrung variieren, wurde statt nach objektiven Kriterien nach subjektiven Einschätzungen gefragt. Ziel ist, diese Bereiche umzugestalten – durch mehr Licht oder die Pflege verwahrloster Anlagen.

Von Nina Gottschalk