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Norddeutschland Nach Vergiftungsfällen: Ermittlungen laufen
Nachrichten Norddeutschland Nach Vergiftungsfällen: Ermittlungen laufen
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21:00 23.11.2018
Ein Streifenwagen steht vor der Polizeiwache der Landesunterkunft für Flüchtlinge in Boostedt. Quelle: Frank Molter/dpa
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Lübeck/Boostedt.

Wer hat die Vergiftungen von Flüchtlingen in der Landesunterkunft in Boostedt (Kreis Segeberg) zu verantworten? Die Suche nach den Ursachen und Hintergründen läuft. „Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln“, sagt Dirk Hundertmark, der Sprecher des Kieler Innenministeriums. Nach Erkenntnissen der Fachleute im Ministerium verzeichne man oft kurzfristige Erkrankungen, wenn ein Abschiebetermin unmittelbar bevorstehe.

Für Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragten Stefan Schmidt sind diese Fälle ein Ausdruck der akuten Notsituation und der Hilflosigkeit der betroffenen Menschen: „Solche lebensgefährlichen Handlungen begeht man nicht, wenn man nicht viel Angst hat und Schlimmes befürchtet.“ Die Verzweiflung müsse schon sehr groß sein, wenn sich die Betroffenen selbst verletzen und an der Gesundheit schädigen, entweder durch Einnahme von giftigen Substanzen oder in anderer Form. „Manche sind psychisch so am Ende, dass sie in eine Einrichtung eingewiesen werden müssen“, sagt Schmidt. Es habe auch Fälle gegeben, wo sich von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge in den Tod gestürzt hätten, um nicht in das Herkunftsland zurück zu müssen.

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Am Donnerstag hatte die Polizei berichtet, dass mehrere Flüchtlinge aus der Landesunterkunft in Boostedt in den vergangenen Wochen mit Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus gebracht worden seien. Ein unbekannter Täter habe in der Einrichtung giftige Substanzen in Umlauf gebracht. Es handle sich nicht um harmlose oder natürliche Kräuter, erklärte die Polizei.

Bei Menschen, die zu solchen Taten gegen sich selbst greifen, sollte ganz besonders darauf geachtet werden, ob ihnen nicht eventuell ein Bleiberecht ermöglicht werden kann, erklärt der Flüchtlingsbeauftragte. „Wir können die neuen Fälle nur als Anlass nehmen, noch einmal mit dem Innenministerium zu reden, ob man diese Menschen noch besser beraten kann oder ihnen einen finanziellen Anreiz bietet, mit dem sie im Heimatland eine neue Existenz starten können. Wir könne da noch einiges tun“, sagt Schmidt. Generell gelte Schleswig-Holstein aber bundesweit als Vorreiter, was eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen betreffe. Das höre man auf Fachkonferenzen immer wieder.

Eine Abschiebung könne durch eine Erkrankung kurzfristig zwar verhindert werden, langfristig helfe das nicht, sagt Stefan Schmidt. Bei so genannten Dublin-Rückführungen könne aber eine solche Krankheit möglicherweise dazu führen, dass endgültig eine Rückschiebung in das für das Asylverfahren zuständige Land verhindert wird.

Christian Risch

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