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Norddeutschland Nach dem Sturm-Chaos: Bahn sägt die Bäume am Gleis ab
Nachrichten Norddeutschland Nach dem Sturm-Chaos: Bahn sägt die Bäume am Gleis ab
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21:10 21.02.2018
Bei Neustadt lichten Bahn-Mitarbeiter einen Knick aus und fällen alte Bäume – aus Sicherheitsgründen.
Bei Neustadt lichten Bahn-Mitarbeiter einen Knick aus und fällen alte Bäume – aus Sicherheitsgründen. Quelle: Fotos: Felix König
Neustadt

„Die große Kirsche hier kommt auch weg.“ Peter Schütt, Forstmeister im Dienst der Deutschen Bahn, steht auf einer Wiese bei Neustadt (Ostholstein). Kritisch blickt er über die Gleise der Strecke Lübeck–Puttgarden. Auf der anderen Seite der Schienen erhebt sich ein Knick mit Buschwerk und Bäumen. Behelmte Forstarbeiter laufen darin umher. Kettensägen dröhnen, ein Häcksler wird mit Ästen gefüttert – nur ein Haufen Späne bleibt übrig.

„Wir hatten in diesem Herbst und Winter vier Orkane“, stellt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis fest, der sich ebenfalls vor Ort ein Bild vom Fortgang der Arbeiten macht. „Wiederholt fielen Stämme auf die Schienen und stoppten den Bahnverkehr.“ Schwere Stürme, dazu viel Regen, aufgeweichter Boden: Viele Bäume seien einfach nicht mehr standsicher. „Das hat zugenommen“, bedauert Meyer-Lovis. „Dem müssen wir Rechnung tragen.“

Deshalb habe die Bahn den „Aktionsplan Vegetation“ aufgelegt: In den nächsten fünf Jahren würden zusätzliche 125 Millionen Euro für die Vegetationspflege ausgegeben. Zudem seien 150 neue Mitarbeiter nur für die Baumpflege eingestellt worden. Denn: „Es wird wieder solche Stürme geben“, sagt der Bahn-Sprecher. Für seinen Kollegen Peter Schütt sind die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und die damit verbundenen Eingriffe in die Natur Folge des Klimawandels.

Im Bereich von sechs Metern entlang der Gleise seien bereits alle Bäume begutachtet worden. Nun werde gefällt. „Eine Mammutaufgabe“, bemerkt Meyer-Lovis. „Allein die Strecke Lübeck–Neustadt ist 88 Kilometer lang“, ergänzt Schütt. Und an vielen Stellen sei das Gleis gesäumt von Bäumen. So fallen zwischen Sierksdorf und Neustadt 180 Stämme der Kettensäge zum Opfer.

„Die Naturschutzbehörden sind informiert“, sagt Peter Schütt. „Wir wollen auch nicht alle Bäume wegnehmen. Nur die, die eine Gefahr darstellen.“ Sicher ist sicher – doch schade sei es irgendwie auch.

Nicht nur, weil das wertvolle Holz, selbst wenn es von alten Eichen oder Obstbäumen stammt, aus logistischen Gründen komplett geschreddert wird. „So ein Gehölz ist ja auch Lebensraum für Kleintiere und Vögel“, meint der Forstmeister. Alte Bäume dürften deshalb innerhalb der Sechs-Meter-Zone am Gleis stehen bleiben, wenn sie standsicher seien. Es sei darauf geachtet worden, ob Tiere in den Bäumen lebten. „Zum Beispiel Spechte. Dann lassen wir zumindest den Stamm stehen.“

Die Kosten pro Baum liegen laut Schütt bei rund 200 Euro. In diesem Jahr seien 70 Prozent der gekennzeichneten Bäume entfernt worden. Am 28. Februar würden die Arbeiten aus Naturschutzgründen vorerst eingestellt. „Dann ist erst mal Schluss.“ Jedenfalls mit Bäume fällen. Darüber hinaus sei die Bahn bemüht, der Natur Ersatz zu schaffen. „Dort hinten haben wir beispielsweise eine Reihe Birken weggenommen“, sagt Schütt und weist in Richtung Straße. „Dafür pflanzen wir jetzt eine Hecke.“ Das Gleiche werde auch am Gleis geschehen, wo der Knick stand.

 Von Marcus Stöcklin