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Norddeutschland Der Freispruch für Detlef H. sollte Frauen nicht entmutigen
Nachrichten Norddeutschland Der Freispruch für Detlef H. sollte Frauen nicht entmutigen
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16:54 27.09.2019
Kurz vor der Urteilsverkündung: Verteidiger Oliver Dedow (l.) und Detlef H.. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Neun Tage lang wurde verhandelt, das Medien-Interesse war groß. Hatte Detlef H. in einer Opferberatung vor einer Frau seinen Penis aus der Hose geholt? Aussage stand gegen Aussage. Jetzt ist das Urteil gefallen: Freispruch für den 74-jährigen Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings in Lübeck. Amtsrichterin Andrea Schulz zweifelte an den Aussagen der Zeugin. Diese habe sogar im Prozess selber zu Umständen eines Miet-Streits falsch ausgesagt, Details ihre Kernaussage immer wieder verändert. Dass auch viele andere Frauen glaubhaft davon berichtet hätten, dass H. sie sexuell bedrängt habe, ändere in diesem ganz speziellen Fall nichts.

Schwere Minuten für die Richterin

Ein Fehlurteil, wie viele prompt meinten? Sekunden vor der Urteilsverkündung war die hohe Anspannung im Saal regelrecht greifbar gewesen. Die Zuschauer erhoben sich. Stille. Andrea Schulz’ Hände wollten nicht aufhören zu zittern. Sie, die sonst so ruhig und konsequent durch die Verhandlung geführt hatte. „Im Namen des Volkes...“

Man konnte den Eindruck gewinnen, dass ihr der Freispruch nicht leicht gefallen ist. Zumindest wird sie geahnt haben, wie viele Menschen draußen sie dafür kritisieren werden, ihn nicht verstehen wollen oder können. Und doch: Eine Richterin muss zweifelsfrei von der Schuld eines Angeklagten überzeugt sein. Andernfalls darf sie ihn nicht verurteilen. Das ist der Kern unseres Rechtsstaates. Ein höchstes Gut – auch wenn’s manchmal schwer fällt. Andrea Schulz hat ihre Zweifel gut begründet. Man konnte das Urteil so fällen, vielleicht musste man es sogar.

Verhalten verwerflich, aber nicht strafbar

Dass H.s Verhalten auch vielen anderen Frauen gegenüber zwar nicht strafbar, aber absolut verwerflich gewesen ist, hat die Richterin dabei mehr als deutlich gemacht. H. sei damit auch seiner Verantwortung als Opferhelfer nicht gerecht geworden. Es sei ein unerträgliches Bild entstanden, ein Beispiel dafür, dass in der Gesellschaft Moral, Respekt und Intelligenz fehlten.

Frauen sollten sich daher auch durch den Freispruch nicht entmutigen lassen, bei sexueller Belästigung, Beleidigung und Missbrauch weiterhin Anzeige zu erstatten, sagte Andrea Schulz noch. Es gebe da durchaus Wege der Strafverfolgung. Das allerdings dürfte dann doch etwas zu euphorisch gewesen sein. Noch immer sind die meisten sexuellen Belästigungen nur strafbar, wenn sie mit Berührungen einhergehen.

Die Politik muss handeln, nicht die Justiz

Die alltäglichen Anzüglichkeiten, Beleidigungen, verbalen Bedrängungen, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind und unter denen sie leiden, gelten immer noch als „Kavaliersdelikte“ – und allein dieser Begriff sagt eigentlich schon alles. Das zu ändern, ist allerdings nicht die Aufgabe von Richterinnen und Richtern. Hier müssen Politikerinnen und Politiker handeln.

Alles zum Prozess gegen Detlef H.

März 2018: Lübecker Nachrichten und „Der Spiegel“ decken auf: Opferhelfer unter Verdacht

März 2018: Was wusste der Weiße Ring? 

März 2018: Weißer Ring-Landesvorsitzender Uwe Döring und -Stellvertreter Rath treten zurück

März 2018:
Führung der Landespolizei war seit Juli 2017 über Vorwürfe unterrichtet; Hinweise schon 2012

April 2018:
Hat die Polizei eine Anzeige gegen Detlef H. verhindert?

September 2018: Staatsanwaltschaft leitet in 20 Fällen Ermittlungsverfahren ein – 16 davon werden eingestellt

September 2018:
Das ist die neue Leiterin des Weißen Rings in Lübeck

Vor dem Prozess: Nur ein Hauptverfahren gegen Detlef H.in drei weiteren fehlt es an einem hinreichenden Tatverdacht

Erster Prozesstag:
Aussage gegen Aussage

Analyse des ersten Prozesstag:
„Ich dachte, ich war alleine damit, und ich kann es ja eh nicht beweisen“

Zweiter Prozesstag: Psychologin: „Ich hatte ein anderes Bild von Detlef H.

Dritter Prozesstag:
Staatsanwältin will weitere Frauen hören

Fünfter Prozesstag:
Jetzt sagen weitere mutmaßliche Opfer aus

Sechster Verhandlungstag:
Zeuginnen belasten Detlef H.: „Es war doch wirklich so, Herr H.

Siebter Verhandlungstag:
Weitere Zeugin belastet Detlef H.

Neunter Verhandlungstag:
Sexsucht? Nebenklage-Anwalt hält Detlef H. für krank

Zehnter Verhandlungstag:
Gericht spricht Detlef H. frei

Leitartikel:
Der Freispruch für Detlef H. sollte Frauen nicht entmutigen

Das sagt der Ex-Chef des Weißen Rings: „Ich kann mir die Vorwürfe nicht erklären.“

Polizeigewerkschaft fordert Aufklärung:
Wurde bewusst weggesehen?

Von Wolfram Hammer

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