Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Sturmflutschäden: Politik will Küstenorten helfen
Nachrichten Norddeutschland Sturmflutschäden: Politik will Küstenorten helfen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:48 25.01.2019
Sturmflut an der Ostsee: Anfang Januar nagten auch in Weißenhäuser Strand gewaltige Brecher an der Steilküste. Quelle: Monika Grebien
Anzeige
Lübeck/Kiel

“Zeetje“ und „Benjamin“ haben ganze Arbeit geleistet. Anfang Januar fegten die beiden Stürme über die Ostseeküste hinweg. Die Sturmfluten, die sie auftürmten, beschädigten Seebrücken und Stege – und sie ließen Steilküsten abbrechen und rissen ganze Strände weg. FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz will diese Strände jetzt nicht einfach nur wieder aufschütten lassen. Es müsse ein Konzept her, wo sich solche Sandvorspülungen lohnten, weil sie dauerhaft gesichert werden können – durch Buhnen etwa, erklärte der Minister am Freitag im Landtag.

Zwei Stürme, fünf Millionen Euro Schaden an der Ostseeküste

19 Küstenorte hat es besonders hart getroffen, hat das Ministerium ermittelt. In Heiligenhafen zum Beispiel sind die Sandverluste am Stein- und Graswarder beträchtlich. Zusammen mit Sierksdorf, Fehmarn und Laboe seien hier die höchsten Schadenssummen gemeldet worden. Aber auch Großenbrode und Hohwacht habe es schwer erwischt. Von fünf Millionen Euro Schaden gehe man jetzt insgesamt aus. Und: An der Ostseeküste seien auch 2019 wieder „zum Großteil genau jene Strände weggespült worden, die schon nach den Sturmfluten 2017 mit Landesgeld teuer wieder aufgeschüttet werden mussten“, sagt Buchholz. 1,45 Millionen Euro schüttete das Land damals aus einem Sonderfonds aus. Die Wirkung sei aber „im Wesentlichen verpufft“. Das sei ärgerlich, nicht nachhaltig und müsse künftig anders gemacht werden.

Anzeige
Schleswig-Holsteins FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Das Problem: Die Ostküste des Landes gilt als „Ausgleichsküste“. Und an der sei es normal, dass Strände auch mal weggespült werden und Steilküstenabschnitte wegbrechen, hieß es bislang nur aus dem Umweltministerium. Anders als an der Nordsee brauche man hier auch keine befestigten Sandvorspülungen zum Küstenschutz. Sie ließen sich daher nicht aus den entsprechenden Haushaltsmitteln finanzieren und seien oft aus ökologischen Gründen gar nicht gewollt. Buchholz will das ändern. Gemeinden, Hotels und andere Tourismus-Akteure müssten sich schließlich darauf verlassen können, dass ihnen der Strand erhalten bleibe. Strände, an denen nur wenige Spaziergänger unterwegs seien, bräuchten womöglich hingegen keine ständigen Aufschüttungen.

Eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Fachleuten seines und des Umweltministeriums soll daher jetzt erarbeiten, wo welche Befestigungen sinnvoll und umweltrechtlich unbedenklich sind. Möglicherweise ließen sie sich dann aus einem gemeinsamen Topf der Ministerien für Küstenschutz und Tourismus finanzieren. Am Ende könnte womöglich auch eine klare planerische Festlegung stehen, welche Strände im Land aus touristischen Gründen erhalten werden müssen, und wo man der Natur ihren Lauf lässt, sagt Buchholz.

15,6 Millionen Übernachtungen

Fast 32 Millionen Übernachtungen von Touristen wurden im Jahr 2018 in Schleswig-Holstein gezählt – eine Rekordzahl und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Über 15,6 Millionen von diesen Übernachtungen in Hotels, Pensionen und auf Campingplätzen seien an der Ostseeküste gezählt worden, so die Tourismusexpertin der Landtags-SPD, Regina Poersch. Den Ostseeorten jetzt bei der Bewältigung der Flutschäden zu helfen, sei daher im Interesse des ganzen Landes.

Sein Grüner Umweltminister-Kollege Jan Philipp Albrecht ist in Sachen Strandbefestigungen bereits mit im Boot. „Wenn es möglich ist, sollten wir dafür offen sein“, sagt Albrecht. Er befürworte die gemeinsame Arbeitsgruppe sehr. Man werde auch dabei versuchen, Ökologie und Tourismus zusammenzubringen. Die Jamaika-Koalition soll sich in den nächsten Wochen ebenfalls mit diesem Thema befassen.

Sandvorspülungen müssen künftig nachhaltig sein – schnelle Hilfen soll es für die Küstenorte aber auch geben

Erste schnelle Hilfen soll es für die von Sturmschäden betroffenen Ostseegemeinden dennoch geben. Die fordert auch der Tourismusverband bereits ein. Ansonsten gerate dort die Ostersaison in Gefahr, sagt auch Buchholz. Die SPD-Abgeordnete Regina Poersch forderte hingegen einen sofortigen Kraftakt für die Küstenorte. Das Land solle dazu wieder einen Sonderfonds auflegen, wie 2017 unter SPD-Wirtschaftsminister Reinhard Meyer.

Vor allem Sturm „Zeetje“ vom 1. auf den 2. Januar fiel im Norden heftig aus: Sturmflutschäden bei Lübeck-Travemünde. Quelle: Bodo Marks/dpa

 „Den Meyer-Fonds hat sich doch die Ostsee jetzt geholt“, konterte ihr FDP-Kollege Oliver Kumbartzky und plädierte ebenfalls für ein umfangreiches Sicherungskonzept. Der SSW-Abgeordnete Flemming Meyer forderte generell mehr Küstenschutz an der Ostsee. Der nordfriesische Grünen-Abgeordnete Andreas Tietze hingegen will die Tourismusbranche an der Ostseeküste stärker in die Pflicht nehmen. Wenn man dort auch auf gefährdeten Strandabschnitten „alle 100 Meter ’ne neue Pommes- oder Glühweinbude“ aufstellen wolle, müsse man eben auch immer wieder die Kosten für Sandaufspülungen übernehmen. Auf Sylt hingegen sei staatliche Aufgabe. Dort dienten die Vorspülungen ja dem Küstenschutz.

Wolfram Hammer