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Norddeutschland Neue Friedhofskultur: All-inclusive-Grabstellen im Trend
Nachrichten Norddeutschland Neue Friedhofskultur: All-inclusive-Grabstellen im Trend
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23:30 25.11.2017
Der Friedhof Waldhusen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Engel. So viele Engel. Auf Grabsteinen, zwischen frischem Grün, in Granit graviert. Die himmlischen Boten als Trost, als Symbol der Unsterblichkeit auf dem Friedhof Waldhusen im Lübecker Stadtteil Kücknitz. Ewige Ruhe finden die Verstorbenen, heißt es. Aber wie lange ist ewig?

Wolfgang Hexel wurde 63 Jahre alt, Otto Hannemann 73 und Gertrud Koster immerhin 79. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich zu Lebzeiten begegnet sind, nun stehen ihre Grabsteine aneinandergelehnt an einer Kiefer. Vor mehr als 20 Jahren sind Otto, Wolfgang und Gertrud gestorben, die Grabstellen wurden inzwischen aufgelöst. Die Nachkommen, wenn es sie noch gibt, hätten die Steine mitnehmen können. Haben sie aber nicht. War es das jetzt? Ist es das, was am Ende bleibt?

Wenn es jemand wissen sollte, dann Dietmar Steinhoff. Sein Arbeitsplatz ist seit 38 Jahren der Friedhof. In Ahrensbök geboren, hat er mit 15 Jahre die Lehre als Friedhofsgärtner bei der Stadt Lübeck begonnen. Wie kommt man auf die Idee, auf dem Friedhof zu lernen? „Ich hatte schon als Kind einen Garten und wollte das auch beruflich machen.“ Berührungsängste mit Friedhöfen habe er nicht gehabt, Besuche bei den Grabstellen der Großeltern gehörten in der Familie zum Alltag. Dennoch war der erste Arbeitstag hart. „Zwei Tage vorher war mein Vater gestorben.“

Elf Möglichkeiten für die ewige Ruhe

Grab- und Landschaftspflege gehören zur Arbeitsplatzbeschreibung eines Friedhofsgärtners. Hochbetrieb herrscht im November vor dem Totensonntag. Wenn die Angehörigen kommen, sollen die Anlagen tipptopp aussehen. Auch heute sind die zwölf Mitarbeiter im Nieselregen unterwegs. Wir gehen durch den waldähnlichen Friedhof mit seinen mächtigen Tannen, Kiefern, Eichen, Buchen und Birken. Aktuell gibt es 8900 Grabstätten in Waldhusen. Tendenz – sinkend. Immer mehr Gräber werden zu Rasenflächen. Den Grund kennt Christian Wawrzyniak.

Er ist Abteilungleiter des Bereichs Stadtgrün der Hansestadt, seit 1980. „Damals gab es noch 70 Prozent Erdbestattungen und 30 Prozent Einäscherungen. Inzwischen ist es genau umgekehrt.“ Das habe weniger mit religiösen Gründen zu tun als mit finanziellen. Eine Urne ist nun mal wesentlich preiswerter als die Bestattung im Sarg. Und sie benötigt weniger Platz. Noch weniger die anonyme Bestattung auf einer Rasenfläche. Doch der Trend zum anonymen Grab sei gestoppt, er gehe eher zum pflegeleichten Grab, erklärt Friedhofsmeister Dietmar Steinhoff. Da viele Menschen heute deutlich älter würden als früher, seien oft auch die Hinterbliebenen schon über 70 Jahre alt. Wie sollen sie noch 20 Jahre lang ein Grab in Ordnung halten? Oder die Angehörigen wohnen weit weg, wie sollen sie sich kümmern?

Der Friedhof ist darauf eingestellt und bietet All-inclusive-Grabstellen an. Wir stehen an einer Reihe von kleinen Urnengräbern, die vom Friedhof gepflegt werden. Es gibt auch Urnenstellen, auf denen nur Gras wächst. Die Angehörigen haben einen Platz, um zu trauern. Wir kommen an eine Anlage, die entfernt an einen Skulpturenpark erinnert. Diese Urnengemeinschaftsgräber seien sehr gefragt, erzählt Steinhoff. Eine Stelle bietet Platz für 30 Urnenplätze. Auf Säulen – gestaltetet mit Kugeln, Büchern oder jahreszeitlichen Symbolen – stehen die Namen der Verstorbenen. Man kauft den Platz – und die Pflege für 20 Jahre gleich mit. Dass am Ende doch viele dem Gemeinschaftsgrab eine individuelle Note geben möchten, belegen Sträuße und Kerzen auf den immergrünen Bodendeckern. Und Engel natürlich.

In Waldhusen gibt es elf unterschiedliche Möglichkeiten, seine ewige Ruhe zu finden. Und es ist der einzige Friedhof in Lübeck, auf dem Bestattungen nach islamischen Riten durchgeführt werden. Ein Raum für rituelle Waschungen steht zur Verfügung, die mehr als 100 Gräber sind nach Mekka ausgerichtet. Äußerlich unterscheiden sich die Grabstellen nicht sehr von den anderen.

Abschied im Wandel.

Ob Erde, Urne, anonym oder individuell, unter Bäumen, im Meer oder auswärts in Polen oder Holland – die Bestattungskultur wandelt sich seit Jahren. Damit allerdings geht auch ein Stück unserer Kultur verloren. Denn ein Gang über den Friedhof erzählt viel darüber, wie Menschen gelebt haben – und wie die Angehörigen sie präsentieren. Alfred und Frida Lüdtke müssen gesellige Menschen gewesen sein. Zwei gefüllte Schnapsgläser und zwei Kekse liegen auf ihrem Grabstein. War Johannes Barthel Kaninchenzüchter oder vielleicht ein Jäger? Auf seinem Grabstein ist ein Hase zu sehen. Ist Jürgen Schlöndorn gerne verreist, oder hat er eine Lokomotive geführt, wie sie auf dem Stein eingraviert ist? Johannes Hohensee ist offenbar ein Schweißer gewesen – was sonst soll die Schweißerbrille auf dem Stein bedeuten?

Um das Image des guten alten Friedhofs aufzupolieren, hat die Stadt Lübeck im letzten Jahr mit einer ungewöhnlichen Werbekampagne Aufsehen erregt. „Lieber First Class liegen als Economy Class fliegen“ war einer der knackigen Sprüche. Hintergrund: Auf den städtischen Friedhöfen gibt es immer weniger Bestattungen: 2000 waren es noch im Jahr 2003, nur noch 1300 im Jahr 2015. Von den 2845 verstorbenen Lübeckern im vergangenen Jahr fanden nicht mal die Hälfte ihre letzte Ruhestätte auf städtischen Friedhöfen.

Wie kann das angehen? Viele lassen sich anonym auf See bestatten oder entscheiden sich für ein Urnengrab in einem Ruheforst. Außerdem gibt es noch die kirchlichen Friedhöfe. Allerdings kennt Wawrzyniak noch einen anderen Grund: Viele Lübecker ziehen posthum noch ins Umland um. Ihre Angehörigen würden die Verstorbenen außerhalb von Lübeck einäschern und beisetzen lassen. Aus Kostengründen, denn auch nach dem Tod gilt: Grundstücke im Umland sind günstiger als 1A-Lagen wie etwa auf dem Burgtorfriedhof.

Um den Hinterbliebenen die Entscheidung zu erleichtern, kann man sich auf der städtischen Homepage mit dem „Friedomat“ zu seiner Wunschgrabstelle durchklicken – und erhält auch eine Übersicht der Preise. In Waldhusen etwa ist die anonyme Urnenbestattung für 900 Euro die günstigste Variante – eine Grabstätte mit Platz für sechs Särge mit Grabmal und Pflege für 20 Jahre kostet 4950 Euro. Für Dietmar Steinhoff steht die Beratung im persönlichen Gespräch mit den Hinterbliebenen im Vordergrund. Er geht mit ihnen über den Friedhof, um eine Grabstelle auszusuchen. „Die Trauernden sind in einer Ausnahmesituation, und das sind auch für mich besondere Momente. Ich erinnere mich an eine große Familie, und sie haben alle so geweint. Ich musste mich arg zusammenreißen, um neutral zu bleiben.“ Aber es gebe auch ganz andere Situationen, etwa wenn sehr alte Menschen, die ein erfülltes Leben hatten, bestattet werden. „Da kann man mit den Angehörigen auch mal lachen.“

Hat die Tätigkeit auf einem Friedhof sein Verhältnis zum Tod verändert? „Nein. Ich bin nicht angstfreier als andere Menschen, nur weil ich auf dem Friedhof arbeite“, sagt er. „Wenn ein naher Verwandter stirbt, trauere ich natürlich. Aber wenn uns Kunden besuchen und ihre Angehörige bestatten lassen möchten, da muss man auf Distanz bleiben, sonst wird man damit nicht fertig.“

„Leben nach dem Tod? Das kann ich mir nicht vorstellen“

Doch mit zunehmendem Alter kämen die Gedanken an den Tod näher. „Was ich meine: Das Leben ist endlich, meine Zeit wird immer begrenzter, und insofern beschäftige ich mich mehr mit dem Thema.“ Einen Platz für seine letzte Ruhe hat der 53-Jährige auch schon: bei seiner Mutter auf dem Burgtorfriedhof.

Und da ist sie wieder, die Frage nach der Ewigkeit. Glauben Sie an Gott, Herr Steinhoff? „Ich glaube an etwas außerhalb unserer Welt. Ob man es nun Gott nennen soll, weiß ich nicht.“ Und hofft er auf ein Weiterleben nach dem Tod? „Nein. Ich kann’s mir nicht vorstellen. Das ist mir zu utopisch.“ Nach kurzem Überlegen: „Ich frage mich natürlich manchmal: Es kann doch nicht sein, dass ich dann ewig weg bin. Ewig – das kann sich doch keiner vorstellen.“
Die ausgemusterten Grabsteine am Rande des Friedhofs werden irgendwann abgeholt und zu Splitt geschreddert.

Petra Haase