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Norddeutschland Wildunfälle: Blaue Reflektoren wirkungslos?
Nachrichten Norddeutschland Wildunfälle: Blaue Reflektoren wirkungslos?
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15:01 23.10.2018
Die blauen Reflektoren an den Leitpfosten sollen eigentlich Rehe, Wildschweine und Hirsche so abschrecken, dass sie nicht unvermittelt auf die Straße laufen. Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa
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Göttingen

Die Tage werden kürzer – und die Zahl der Wildunfälle steigt. Landespolizei und Landesjagdverband appellieren an Autofahrer, sich strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen in Wildwechselzonen zu halten, weil anderenfalls keine angemessene Reaktion mehr möglich sein. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die inzwischen weit verbreiteten blauen Reflektoren am Straßenrand die Zahl von Wildunfällen nicht verringern konnten. Bei einer Untersuchung auf 150 Teststrecken in den Landkreisen Göttingen (Niedersachsen), Höxter (Nordrhein-Westfalen) sowie Kassel und Lahn-Dill (beide Hessen) hätten sich die Reflektoren als wirkungslos erwiesen, sagte der Göttinger Waldökologe Christian Ammer. „Die Ausgaben für Wildwarnreflektoren kann man sich sparen“, bilanziert der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), die die Studie in Auftrag gegeben hat. Für die aktuelle Studie zur Wirksamkeit der blauen Reflektoren hatten die Forscher 10 000 Stunden Videomaterial von Infrarotkameras ausgewertet.

Landesjagdverband hat mit Reflektoren gute Erfahrungen gemacht

Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein hat jedoch andere Erfahrungen gemacht. „Wir haben vor der Einführung in einer fünfjährigen Studie die Wirksamkeit der Reflektoren untersuchen lassen“, erklärt Marcus Börner, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein. Zwar habe es auch in dieser Untersuchung Strecken gegeben, an der die Reflektoren keine Wirkung gezeigt hätten, es gab aber auch Abschnitte, in denen die Zahl der Wildunfälle mit Rehen um 80 Prozent zurückgegangen sei. Börner warnt vor pauschalen Urteilen. Es gebe inzwischen sehr viele verschiedene Reflektoren auf dem Markt, mit den in Schleswig-Holstein verwendeten Halbkreis-Reflektoren mit stark reflektierender Folie habe man gute Erfahrungen gemacht. „Außerdem müssen die Reflektoren natürlich korrekt und an sinnvollen Stellen angebracht und regelmäßig gesäubert werden“, sagt Börner. Darum kümmern sich in Schleswig-Holstein ehrenamtlich Jäger. Dass die blauen Reflektoren bei Damwild weniger Wirkung zeigten als bei Rehen, ist laut Börner wenig überraschend: „Damwild ist vor allem tagsüber aktiv.“

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ADAC sieht auch Duftzäune positiv

Auch ADAC-Sprecherin Alexandra Kruse betont, dass es „bei einzelnen Projekten mit den blauen Reflektoren durchaus positive Erfahrungen gibt“. Gute Erfahrungen habe der ADAC auch mit sogenannten Duftzäunen gemacht. Die seien jedoch sehr teuer und darüber hinaus laut Börner auch sehr wartungsintensiv.

Neue Erkenntnisse und eine hohe Wirksamkeit erhofft sich der ADAC von einem Projekt zur Wildunfall-Prävention in Sachsen-Anhalt, das kürzlich gestartet wurde. Anders als die blauen Reflektoren wirkt das neue System auch tagsüber. „Ausgelöst durch Fahrgeräusche und Scheinwerferlicht werden sowohl optische als auch akustische Warnsignale aktiviert“, sagt Kruse. Das Verfahren sei neu für Deutschland, habe sich aber in Österreich bereits bewährt.

Im vergangenen Jahr wurden in Schleswig-Holstein 15 262 Wildunfälle gemeldet. In diesem Jahr rechnet Dennis Schneider vom Landespolizeiamt mit ähnlich hohen Zahlen. Das Verletzungsrisiko sei bei Unfällen mit Wildtieren besonders hoch, da die Fahrer häufig von der Straße abkommen oder in den Gegenverkehr geraten. Bundesweit gab es im vergangenen Jahr 275 000 Wildunfälle. Dabei wurden zehn Menschen getötet und fast 3000 verletzt.

grip/dpa