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Norddeutschland Wählende statt Wähler: Muss der Norden Hannover folgen?
Nachrichten Norddeutschland Wählende statt Wähler: Muss der Norden Hannover folgen?
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11:01 25.01.2019
Ein Ausschnitt aus dem Flyer „Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ mit Beispielen für Pluralformen - fotografiert vor dem Neuen Rathaus in Hannover. Quelle: Julia Stratenschulte/dpa
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Kiel/Hannover

Die Stadt Hannover ist vorgeprescht: Briefe, Formulare und Drucksachen sollen künftig geschlechtergerecht formuliert sein. Den Lehrer, die Wähler und auch den Bauleiter gibt es in der Verwaltungssprache der Landeshauptstadt nicht mehr – nun heißt es dort: die Lehrenden, die Wählenden und die Bauleitung. Das schließt männlich wie weibliche, aber auch intersexuelle Menschen mit ein. Aus Schleswig-Holstein gibt es dafür viel Lob – jedoch auch heftige Kritik.

„Das finde ich gut und richtig“, sagt die Lübecker Gleichstellungsbeauftragte Elke Sasse. Auch das dritte Geschlecht müsse angesprochen werden. Tatsächlich möchte Hannover mit den neuen Sprachregelungen auch der „Vielzahl geschlechtlicher Identitäten“ Rechnung tragen. Denn seit dem 1. Januar lässt sich in Deutschland im Personenstandsregister nicht nur „männlich“ oder „weiblich“, sondern auch das dritte Geschlecht „divers“ eintragen.

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Wenn möglich sollen in der Hannoveraner Verwaltung neutrale Formulierungen verwendet werden wie „Redepult“ statt „Rednerpult“; „Teilnahmeliste“ statt „Teilnehmerliste“. Gibt es keine Alternative, wird der sogenannte Gender-Star empfohlen, etwa „der*die Ingenieur*in“.

FDP kritisiert „Verbalakrobaten“

„Wir in Schleswig-Holstein sind derzeit im Prozess“, erklärt Svenja Gruber als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Gleichstellungsbeauftragten. Forschungen hätten ergeben, dass Sprache präge. Daher sei es wichtig, sich geschlechtergerecht auszudrücken. Statt „Teilnehmer“ könne man „Personen“ sagen; statt „Mutter“ oder „Vater“ eigne sich auch „Elternteil“. „Wenn man nicht dogmatisch vorgeht, sondern kreativ, kann man da zu guten Lösungen kommen“, meint Gruber.

Die FDP kritisiert die sprachliche Neuregelung in Hannover als „Gender-Wahnsinn vom Allerfeinsten“. „Hier sind Verbalakrobaten am Werk, die eher den Tod der deutschen Sprache erreichen werden als das Ende der Diskriminierung“, meint die gleichstellungspolitische Sprecherin Anita Klahn.

Hier diskutieren die LN-Leser auf Facebook über das Thema:

Gleichstellungsministerin will lieber politische Beteiligung von Frauen verbessern

Diskriminierung im Alltag sei ein Problem, dem sich auch die deutsche Sprache in einem gewissen Rahmen stellen müsse, „aber wenn es lächerlich wird, dient man nicht der Sache“. Ihre CDU-Kollegin in Mecklenburg-Vorpommern, Maika Friemann-Jennert, erklärte, sie halte eine solche „Sprachpanscherei“ für Unfug. Verwaltungsbescheide seien auch so schon oft unverständlich genug. „Ich bin deutlich dafür, dass unsere Sprache nicht weiter verunstaltet wird“, betonte sie.

„Ich denke nicht, dass sich Frauen durch Begriffe wie ‚Rednerpult‘ oder ‚Wählerverzeichnis‘ ausgeschlossen fühlen sollten“, sagt Gleichstellungsministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU). Sie arbeite vielmehr daran, die politische Beteiligung von Frauen zu verbessern. „Bedarf für eine Sprachpolizei in Schleswig-Holstein sehe ich nicht.“

SPD sieht Hannover als Vorbild

Anders Serpil Midyatli von der SPD: „Sprache ist immer im Wandel, und daher muss auch mit der Einführung des dritten Geschlechtes eine Anpassung erfolgen. Wir begrüßen das Vorgehen in Hannover und sehen es als Vorbild. Lob kommt auch von Eka von Kalben, Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion. „Der Vorstoß aus Hannover kann dafür sorgen, gesellschaftliche Rollenklischees zu durchbrechen.“ Es sei bedauerlich, dass solche Vorschläge noch immer belächelt würden.

Auch unter Sprachwissenschaftlern ist die Sprachneuregelung umstritten. Die Linguistin Gabriele Diewald findet den Vorstoß der Stadtverwaltung gut. „Das ist ein Statement, selbst wenn es in der Praxis schwierig wird“, meint die Forscherin von der Universität Hannover. Sprache sei im ständigen Wandel. Der Berliner Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg ist dagegen ein erbitterter Gegner von Schreibweisen mit Binnen-I oder Sternchen. Für die Gleichberechtigung der Frau seien keine Eingriffe in die Sprache notwendig, sagte er. Seine Kollegin Luise F. Pusch, die als eine der Begründerinnen der feministischen Linguistik in Deutschland gilt, wandte sich ebenfalls gegen den Hannoveraner Plan. „Ich bedaure die Einführung des Gendersterns. Die Frauen finden sich als Anhängsel wieder – wie zu Anfang der feministischen Sprachkritik.“

Das dritte Geschlecht

Ende vergangenen Jahres verabschiedete die Bundestag das neue Personenstandsgesetz, das die vom Staat offiziell anerkannten Geschlechter regelt. Danach ist neben „männlich“ und „weiblich“ auch den Eintrag „divers“ vorgesehen. Der Begriff bezeichnet Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zugehörig fühlen. Die Gesetzesänderung gilt seit 1. Januar 2019.

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2017 muss es im Geburtenregister neben männlich und weiblich einen weiteren, positiven Geschlechtseintrag geben. Die zuvor geltende Regelung wurde von den Richtern als Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes gewertet.

Julia Paulat