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Norddeutschland Opferhelfer unter Verdacht
Nachrichten Norddeutschland Opferhelfer unter Verdacht
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09:24 20.04.2018
Mit Informationsbroschüren wie diesen warb der Weiße Ring. Quelle: dpa
Lübeck

Die beiden Frauen haben ihre Vorwürfe in zwei eidesstattlichen Versicherungen niedergelegt. Demnach soll H. im Frühjahr 2016 Diana M. (40) und im Sommer 2016 Wiebke R. (50) belästigt haben.

Detlef H. weist alle Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück. Die Vorfälle habe es so nicht gegeben. Er habe gegen ähnliche Vorwürfe, die für ihn nicht nachvollziehbar und unwahr seien, Anzeige wegen des Verdachts der üblen Nachrede und Verleumdung und der falschen Verdächtigung gestellt (Näheres lesen Sie hier)

Beim Weißen Ring bestätigt man dem „Spiegel“ und den LN, von solchen und ähnlichen Vorwürfen gegen H. schon länger gewusst zu haben. Er habe davon im November 2016 erfahren, sagt der Landeschef des Vereins Uwe Döring, ehemals SPD-Justizminister in Kiel. Man habe mit H. daraufhin vereinbart, dass er keine Frauen mehr unter vier Augen zur Beratung empfangen dürfe. Im Juli 2017 habe man H. dann zum Rücktritt als Außenstellenleiter gedrängt. Letzter Auslöser dafür sei der Hinweis der Polizeidirektion Lübeck kurz zuvor gewesen, dass sich auch dort eine Mitarbeiterin der Polizei „über ein verbal zudringliches und sexuell belästigendes Verhalten von Herrn H.“ beschwert habe. H. bestreitet auch dies (Näheres lesen Sie hier)

Von Seiten der Polizei klingt das allerdings deutlich schärfer. Demnach hat vor allem sie dafür gesorgt, dass H. seinen Posten verlor. Er habe Döring nach jener Beschwerde einer Mitarbeiterin von Juli 2017 erklärt, dass H. seiner Auffassung nach keinerlei Opfer mehr betreuen dürfe „und nicht in seiner Funktion als Leiter der Außenstelle bleiben sollte“, sagt Lübecks Polizeichef Norbert Trabs gegenüber „Spiegel“ und LN. Und: Man habe das zuständige Kommissariat schon zuvor angewiesen gehabt, keine Opfer sexualisierter Gewalt mehr an den Weißen Ring Lübeck zu verweisen. Auch die Staatsanwaltschaft Lübeck war mit dem Vorgang befasst, wie sie bestätigt, eröffnete jedoch kein Verfahren. Im November 2017 trat H. dann von seinem Posten zurück. Nach Aussage von Trabs ergebe sich aus den Unterlagen zudem, dass sein Vorgänger als Polizeidirektor, Heiko Hüttmann, Döring bereits 2012 nach mehreren Beschwerden von Frauen darauf hingewiesen habe, „dass Herr H. zukünftig unbedingt die notwendige Distanz bei der Betreuung von Opfern einhält“. Döring räumt auf erneute Nachfrage ein, dass es 2012 ein Gespräch über H.s Verhalten gegeben habe. Es sei dabei aber nicht ausdrücklich um eine mutmaßliche sexuelle Belästigung gegangen.

Auch die Aussagen von Diana M. und Wiebke R. legen nahe, dass Vorwürfe gegen H. dem Weißen Ring deutlich früher bekannt waren und dass auch der Frauennotruf Lübeck, mit dem der Weiße Ring eng zusammenarbeitet, schon seit Jahren von solchen Vorwürfen wusste. „Sie sind nicht die Einzige“, habe ihr eine Weißer-Ring-Mitarbeiterin Ende 2017 entgegnet, als sie einen anderen Betreuer verlangte, berichtet Wiebke R. Doch was wusste die Landesspitze?

Diana M. wurde, nachdem sie sich im November 2016 auf Anraten der Polizei an den Frauennotruf Lübeck gewandt hatte, dort mit der Aussage begrüßt, man habe schon „ähnliche Fälle mit Herrn H.“, so berichtet sie es in ihrer eidesstattlichen Versicherung.

Nach H.s Rückzug von der Spitze des Weißen Rings habe man beim Frauennotruf dann aber auch kein echtes Interesse mehr gehabt, sie weiter gegen H. zu unterstützen, so schildert es Diana M. Erst Anfang dieses Jahres wurde man dort dann offenbar nervös. Immer mehr Frauen würden sich mit Beschwerden über Detlef H. melden, schrieb Frauennotruf-Mitarbeiterin Hanna Falk an Döring. Und: Man habe H. doch schon im Jahr 2012 mit anonymisierten Beschwerden von Frauen konfrontiert. Döring sagt, er habe von diesem Gespräch des Notrufs mit H. erst jetzt, im Januar 2018, erfahren.

Jetzt griff auch der Bundesverband des Opferhilfevereins ein. Der Weiße Ring schaltete eine Hotline, über die sich weitere mögliche Opfer H.s melden sollten. Anrufe dort bisher: Zwölf bis 15, sagt Döring. Dabei seien von Frauen zehn Fälle geschildert worden, die dem Verein bislang unbekannt gewesen seien. Döring: „Die Vorwürfe zeigen alle ein ähnliches Verhaltensmuster von Herrn H. auf.“

Von Wolfram Hammer und Curd Tönnemann

Der Weiße Ring

Der Verein „Weißer Ring“ unterstützt Kriminalitätsopfer und ihre Familien und engagiert sich für die Verhütung von Straftaten. Er wurde 1976 in Deutschland unter anderem vom Fernsehjournalisten Eduard Zimmermann gegründet. Sitz des Vereins ist Mainz.
Er hat in Deutschland nach eigenen Angaben rund 3000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer und rund 50 000 Mitglieder.

Noch am Sonnabend verkündeten Uwe Döring, Landesvorsitzender des Weißen Rings Schleswig-Holstein, sowie sein Stellvertreter, Uwe Rath, ihren Rücktritt.