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17:34 08.09.2018
PD Dr. Martin Nitschke mit Patient Karl-Heinz Richter. Quelle: Marcus Stöcklin
Lübeck

Jeder ist Organspender, außer er widerspricht – dieser Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, die sogenannte Widerspruchslösung, sorgt derzeit für Diskussionen. Es gibt aber einen Ort, an dem fast jeder den Vorschlag ausgesprochen gut findet: Das Transplantationszentrum der Lübecker Uniklinik (UKSH).

Dort liegt Karl-Heinz Richter (70) in seinem Krankenbett. Er ist einer von 60 Patienten jährlich, die dort eine Niere erhalten. Wobei die Warteliste weit länger ist – darauf stehen 300 Patienten. Und die Wartezeit beträgt im Schnitt acht Jahre. Bei Karl-Heinz Richter waren es sieben.

„Ende 2011 wurde bei mir eine Niereninsuffizienz diagnostiziert. Das kam damals für mich aus heiterem Himmel.“ Das Leben des früheren Event-Managers änderte sich schlagartig. „Jeden zweiten Tag musste ich fünf Stunden lang zur Dialyse, an die Maschine. Das schränkt einen total ein. Und hinterher ist man den ganzen Tag nur noch total schlapp. Man vegetiert vor sich hin und wartet nur auf den zweiten Tag, hofft, dass es dann besser geht.“ Er habe nichts mehr tun können, im Garten zum Beispiel und nicht mehr in Urlaub fahren können. „Das hab’ ich am meisten vermisst.“

Sechs Jahre kein Eintopf

Seine Frau habe das auch betroffen. „Der Partner leidet mit.“ Auch seine Ernährung musste Karl-Heinz Richter vollkommen umstellen. „Sie dürfen nur noch 1,7 Liter Flüssigkeit in zwei Tagen zu sich nehmen.“ Jede Suppe, jedes Eis müsse gut überlegt sein. „Bestimmte Dinge darf man nicht. Zum Beispiel einen deftigen Eintopf. Der hat zu viel Kalium und Phosphat, das ist nicht gut. Oder Pflaumenkuchen. Das geht auch nicht.“ Es seien diese alltäglichen Dinge, über die ein gesunder Mensch sich gar keine Gedanken mache, nach denen er über die Jahre eine große Sehnsucht entwickelte.

Eine Transplantation sei keineswegs selbstverständlich, lernte der Patient. „Für so eine Operation muss man gesundheitlich einigermaßen fit sein.“ Ein Jahr lang sei er untersucht worden, „vom Zahnarzt bis zum Herzspezialisten“, bis festgestanden habe, dass der Eingriff bei ihm Sinn mache. Ende August schließlich sei es so weit gewesen. Die passende Niere war da. „Da habe ich großes Glück gehabt.“

Ärzte und Patienten stellen sich vor.

Seither gehe es ihm von Tag zu Tag besser. „Ich muss nicht mehr zur Dialyse“, sagt er und es klingt fast ein wenig ungläubig. Zum Essen konnte er Eintopf bestellen. „Seit sechs Jahren hatte ich das nicht gemacht. Da hab’ ich sofort zugeschlagen.“ Auch in Urlaub werde er bald wieder fahren können, zusammen mit seiner Frau habe er sich eine Kreuzfahrt ausgesucht. „das hab ich ihr versprochen.“ Ein neues Leben habe für ihn begonnen, es währt nun gut 14 Tage. Dank der neuen Niere. „Es ist eine Gnade, dass Ihnen jemand das schenkt“, meint Richter. Da hat jemand über seinen Tod hinaus gedacht. Dafür bin ich diesem Menschen dankbar. so dankbar. Das kann man gar nicht sagen.“

Ein Leben mit Sauerstoffgerät

Bei Gunda Heese (38) aus Schenefeld (Kreis Steinburg) liegt die Operation schon länger zurück. 2011 bekam sie eine neue Lunge. Dass es einmal so weit kommen würde, hatte sie immer weit von sich geschoben. Dabei war sie schon als kleines Kind ständig beim Arzt, vorsorglich. Denn die Lungenkrankheit lag in der Familie, die Symptome: blaue Lippen, blaue Fingernägel. durch Sauerstoffmangel. „Meine Schwester ist mit 13 daran gestorben, mein Bruder mit 17.“ Sie selbst habe sich gesund gefühlt, die ständigen Arztbesuche nervten sie. „Ich hab’ dann einfach ganz normal gelebt, geheiratet, zwei Kinder bekommen. Bis ich 26 war.“ Plötzlich, im Urlaub auf Rhodos, sei die Krankheit da gewesen. „Schon im Flugzeug ging es mir nicht gut. Ich bin dann dort gleich ins Krankenhaus gekommen und therapiert worden.“ Die Diagnose: Lungenhochdruck. Nach der Rückkehr war die ehemalige Verwaltungsfachangestellte erst in Hannover, dann im Hamburger Uniklinikum in Spezialbehandlung. „Ohne Sauerstoffgerät konnte ich nicht mehr“, erinnert sie sich. „Nach zwei Treppenstufen musste ich mich hinlegen.“ Das Sauerstoffgerät habe immer bei sich getragen, „mit einem Nasenschlauch. aber es reichte nicht länger als eine Stunde.“

Es war ein sehr eingeschränktes Leben, sagt sie, meist habe sie gelegen oder im Rollstuhl gesessen. Sie konnte nicht mehr arbeiten, ihr Mann trennte sich von ihr. „Das Schlimmste war, dass ich nicht für die Kinder da sein konnte. Im Gegenteil, sie mussten mir helfen. Wenn mir etwas heruntergefallen ist, mussten sie sich für mich bücken.“

„Jeder Tag ist lebenswert“

Zum Schluss sei sie auf die Hochdringlichkeitsliste für eine Lungentransplantion gekommen. „Mein Herz war schon so schlapp, dass die Ärzte überlegten, ob es ebenfalls transplantiert werden muss.“ In der Klinik habe sie einige Wochen auf ein Spenderorgan gewartet. Eine harte Zeit. „Wegen der Kinder wollte ich überleben.“ Schließlich sei es da gewesen. „Die Operation dauerte sechs Stunden.“ Schon während des Eingriffs habe ihr Herz besser geschlagen, sagten ihr die Ärzte. „Schon gleich nach dem aufwachen habe ich mich viel besser gefühlt. Es war unbeschreiblich.“ Bald konnte sie ohne Rollator laufen. Ihr Herz erholte sich vollständig. Arbeiten kann Gunda Heese zwar noch immer nicht und wenn die Kinder eine Erkältung mit nach Hause bringen, muss sie gleich zur Überwachung ins Krankenhaus. „Aber ich kann mich normal bewegen. Es ist einfach toll.“ Mit ihrem Ex-Mann habe sie heute ein freundschaftliches Verhältnis, vor allem könne sie für ihre Kinder da sein. „Jeder Tag ist lebenswert.“

Der Spahn-Vorschlag

Alle 8 Stunden stirbt laut Bundesgesundheitsministerium ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. 2017 stellten 797 Personen nach ihrem Tod Organe zur Verfügung, während mehr als 10 000 Menschen auf die Transplantation wartete. Jährlich sterben rund 1000 Menschen, weil für sie kein passendes Organ gefunden werden kann.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat nun einen neuen Gesetzentwurf vorgelegt, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Er spricht sich dabei für eine doppelte Widerspruchslösung aus: Jeder könne zu Lebzeiten ausdrücklich „nein“ sagen, wer das nicht tut, kommt als Organspender in Betracht. Bislang gilt die Entscheidungslösung, nur wer sich ausdrücklich als Organspender zur Berfügung stellt, kommt in Betracht.

So soll die Stellung des Transplantationsbeauftragten in den Kliniken gestärkt werden. so sollen sie ein uneingeschränktes Zugangsrecht zu Intensivstationen und uneingeschränkte Einsicht in Patientenakten erhalten. Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, soll für jede dieser Stationen mindestens ein Transplantationsbeauftragter bestellt werden. Es soll auch entsprechende Fortbildungen geben.

Darüber hinaus sollen die Pauschalen für Organentnahmen angehoben werden, dass der Gesamtaufwand der Kliniken für die Organspende angemessen vergütet wird.

Durch einen neurologischen Bereitschaftsdienst soll sichergestellt werden, dass qualifizierte Ärzte vor allem kleineren Entnahmekrankenhäusern bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls jederzeit auch regional zur Verfügung stehen.

Um potenzielle Organspender besser zu erkennen und zu melden soll ein flächendeckendes Berichtssystem eingeführt werden. Die Daten sollen von der Koordinierungsstelle ausgewertet, die Ergebnisse den jeweiligen Entnahmekrankenhäuser und den zuständigen Landesbehörden zur Verfügung gestellt und veröffentlicht werden.

Laut Kieler Gesundheitsministerium ist auch in Schleswig-Holstein die Zahl der Organspenden zurückgegangen und befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Aus dem Jahresbericht der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“ (DSO) geht hervor, dass im vergangenen Jahr 23 Menschen in Schleswig-Holstein Organspender waren. Im gleichen Zeitraum waren jedoch 438 Menschen auf ein solches Organ angewiesen.

Den Vorschlag des Gesundheitsministers finde sie übrigens „sehr gut“, merkt Heese an. Vielen falle es offenbar schwer, in Eigeninitiative einen Organspendeausweis auszufüllen. „Die wenigsten wissen, dass sie sowieso schon Organspender sind, wenn sie zum Beispiel nach Spanien reisen“, schmunzelt sie. „Da gilt die Widerspruchslösung nämlich längst.“

Marcus Stöcklin

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