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Norddeutschland Blasen, Dellen, Löcher: Autobahnbau im Norden ist eine Serie von Pannen
Nachrichten Norddeutschland Blasen, Dellen, Löcher: Autobahnbau im Norden ist eine Serie von Pannen
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20:10 06.03.2019
Auf der A 21 bei Bornhöved muss die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer gedrosselt werden. Das Tempolimit gilt in beiden Fahrtrichtungen auf einer Länge von zehn Kilometern.
Auf der A 21 bei Bornhöved muss die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer gedrosselt werden. Das Tempolimit gilt in beiden Fahrtrichtungen auf einer Länge von zehn Kilometern. Quelle: Irene Burow
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Bornhöved/Kiel

Erst im Dezember hatte es wieder freie Fahrt in Richtung Kiel gegeben. Doch der Streckenabschnitt zwischen Trappenkamp und Stolpe bröckelt. In beiden Richtungen sind bis zu 15 Zentimeter große Löcher im Asphalt gefunden worden. Diese sind bereits versiegelt. Kopfzerbrechen bereiten den Fachleuten zudem jede Menge kleine, bis zu zwei Zentimeter große Löcher, die sich auf dem gesamten Abschnitt immer weiter ausbreiten.

„Es ist eine erhebliche Gefährdung für den Verkehr, die wir nicht vertreten können“, sagte Torsten Conradt, Direktor des Landesbetriebes für Straßenbau und Verkehr (LBV). Daher ist die Geschwindigkeit für Autofahrer nun auf 80 Kilometer pro Stunde gedrosselt worden. In Richtung Bad Segeberg war das Tempo aus Sicherheitsgründen schon vor vier Wochen reduziert worden.

Vermehrt Mängel bei öffentlichen Baumaßnahmen

„Das ist ein Armutszeugnis für die ausführende Baufirma, aber auch für die Bauüberwachung“, sagt Rainer Kersten, Landesgeschäftsführer des Bundes der Steuerzahler. Seiner Einschätzung nach fehlt es in den Baubehörden oft an Personal, teils aber auch an der notwendigen Qualifikation. „Und manchmal fehlt es an dem unbedingten Willen, die Bauherrenfunktion tatsächlich wahrzunehmen“. Es sei offenkundig, dass bei öffentlichen Baumaßnahmen vermehrt Mängel auftreten, so Kersten.

„Das ist ärgerlich und darf so nicht weitergehen“, kritisiert Thomas Rackow, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Logistik in Neumünster. Er lobt die Arbeiten an der A 7, die von einem privaten Bauträger geplant, gebaut und finanziert werden. „Ich würde es befürworten, wenn wir mehr Infrastrukturprojekte in öffentlich-privater Partnerschaft entwickeln würden.“

Für Autofahrer frustrierend

„Es ist schon auffällig, dass es immer wieder Probleme bei Planung und Bau von Straßen in Schleswig-Holstein gibt“, sagt Hans Pieper, ein Sprecher des ADAC Hansa. Für Autofahrer sei die Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem frisch sanierten Abschnitt frustrierend. Die Sicherheit müsse aber an erster Stelle stehen.

Es ist nur der jüngste Fall in einer langen Pannenserie. Die A 20 zwischen Lübeck und Geschendorf (Kreis Segeberg) war verspätet freigegegen worden, weil die nagelneue Fahrbahn Blasen warf. Gleich hinter der Landesgrenze verursachte das Betonmuster „Besenstrich quer“ bei Schönberg laute Rollgeräusche. Kurz darauf sackte die Travebrücke im Süden Lübecks ab. Im Oktober 2017 brach die Fahrbahn bei Tribsees (Vorpommern) ein. Auf der A 1 war 2011 zwischen Bad Oldesloe und dem Autobahnkreuz Bargteheide (Kreis Stormarn) eine zu weiche Betonmischung verarbeitet worden – der Abschnitt musste gleich noch einmal saniert werden.

Die Baubedingungen sollen optimal gewesen sein

Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP), der selbst regelmäßig über die A 21 ins Ministerium nach Kiel pendelt, bezeichnet die neuerliche Bau-Panne als „extrem bedauerlich“. Eine grundlegende Sanierung dürfte erneut eine monatelange Baustelle bedeuten. Nun gehe es vor allem darum, die Ursache genau zu klären. Nach bisheriger Analyse sei weder dem LBV noch den beteiligten Baufirmen ein Vorwurf zu machen. „Die gesamte Baustelle ist von Fachleuten der Universität Braunschweig wissenschaftlich auf Schritt und Tritt begleitet worden. Mehr kann man eigentlich kaum tun.“

Langer Ausbau

Fast fünf Jahrzehnte lang wird die B 404 nun schon zur Autobahn 21 ausgebaut. Der erste Autobahnabschnitt bei Bornhöved wurde nach Auskunft des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr (LBV) bereits im Olympia-Jahr 1972 freigegeben. Der Anschluss an die Autobahn 1 bei Bargteheide erfolgte schließlich in den 90er Jahren. Aktuell wird zwischen Nettelsee und Kleinbarkau (Kreis Plön) gebaut. Dann fehlt nur noch das letzte Stück Richtung Kiel.

Fachleute stehen bisher vor einem Rätsel. Denn die Schäden stehen laut LBV nicht still, sie entwickeln sich weiter. Alle Vorgaben seien eingehalten worden, die Baubedingungen optimal gewesen. Bundesweit sei kein vergleichbarer Fall bekannt. Kurios ist auch: Die Streckenabschnitte wurden zu unterschiedlichen Zeiten saniert. Mehrere Mischwerke lieferten das Material. Dennoch ist die gesamte Strecke betroffen – auf einer Länge von zehn Kilometern. In den vergangenen Tagen sind neue Bohrkerne gezogen worden. Auch ein unabhängiger Gutachter soll bei der Ursachenfindung helfen.

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Irene Burow und Julia Paulat