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Norddeutschland Personalnot: Bei der Feuerwehr brennt’s
Nachrichten Norddeutschland Personalnot: Bei der Feuerwehr brennt’s
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20:41 07.04.2018
Werben für die Warnsdorfer Wehr: Sabine Maaß (49), Guido Krippgans (49), Alexander Schulz (26) und Frank Wachtel (43, v. l.). Quelle: Lutz Roessler
Warnsdorf/Scharbeutz

„Es wird langsam existenzbedrohlich“, sagt der amtierende Wehrführer Frank Wachtel (43). Seine Feuerwehr kämpft um ihr Überleben: Die kleinen Plastikflaschen mit der Aufschrift „Löschwasser“, die im Ort verteilt wurden, sind nur ein Teil des Plans zur Anwerbung neuer Mitglieder. „Höhepunkt wird ein Mitmach-Tag am 21. April“, kündigt Wachtel an. „Da kleiden wir die Interessierten in eine Feuerwehr-Uniform und üben mit ihnen.“ Zum Beispiel einen Löschangriff, aber auch das „Aufspreizen“ eines Autos. Ein großer Aufwand für die Ehrenamtler, der ohne Sponsoren nicht denkbar wäre. Allzu große Hoffnungen indes haben die Brandbekämpfer nicht, was die Zahl der Neuzugänge angeht. Wachtel: „Wir wären schon mit einem zufrieden.“

91 Jahre alt ist die Feuerwehr von Warnsdorf/Häven (Kreis Ostholstein). Ob sie ihren 100 Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich: Seit Jahren fehlt der Nachwuchs. Eine ungewöhnliche Werbeaktion soll nun helfen. Schlimmstenfalls droht sonst das Ende der traditionsreichen Wehr.

Als Wachtel vor 27 Jahren zur 1927 gegründeten Dorf-Feuerwehr stieß, zählte sie noch 32 Aktive. Heute sind es 17. „Laut Gesetz müssten wir mindestens 27 sein“, stellt Wachtel fest.

Die Gründe des Dilemmas liegen für Gruppenführer Alexander Schulz (26) auf der Hand: „Viele Junge ziehen weg, es wohnen zu wenig Familien mit Kindern im Ort.“ Dies liege auch daran, dass die Lage in zweiter Reihe hinter den Ostsee-Badeorten Warnsdorf als Altersruhesitz für Senioren attraktiv mache. „Und das treibt die Grundstückspreise nach oben.“

Insgesamt gehe die Bereitschaft zum Engagement für ein zeitaufwendiges Ehrenamt zurück, bedauern die Feuerwehrleute. Dabei sei der Freizeit-Job sehr spannend. Es gebe zudem attraktive Lehrgänge, wie den Lkw-Führerschein. Wobei die jeweiligen Möglichkeiten jeweils stark vom Wohlwollen der Gemeinde abhängig seien.

Das weiß auch der stellvertretende Scharbeutzer Wehrführer Malte Levgrün (40). „Manche müssen sogar um ihren Helm kämpfen“, hat er gehört. In Scharbeutz dagegen laufe es vergleichsweise gut, findet Levgrün. Auch wenn die Wehr mit 53 Frauen und Männern bei vier Fahrzeugen personell ebenfalls unterbesetzt sei. „Wir müssten 63 Leute sein.“ Über die Kinder- und Jugendfeuerwehr jedoch komme immer wieder Personal nach.

Wie Sarah Schimanski (21). „Ich finde, dass es gut zu meinem Beruf passt, wenn ich bei der Feuerwehr mitmache“, sagt die junge Frau. Sie macht eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. „Für mich ist das Schöne, dass ich anderen in einer Notsituation helfen kann.“

So lernt sie seit September vorigen Jahres alle zwei Wochen abends ab 19.30 Uhr zwei bis drei Stunden lang die Geräte der Feuerwehr und ihre Bedienung sowie die theoretischen Grundlagen der Brandbekämpfung kennen. „Man lernt auch am Beispiel der Kollegen“, sagt Sarah Schimanski, die den guten Teamgeist schätzt. Bei Verkehrsunfällen und Bränden war sie schon vor Ort. So sperrte sie eine Straße, als nach einem Unwetter ein Baum auf ein Haus zu fallen drohte. Nach Abschluss ihrer Grundausbildung Mitte des Jahres will sie möglichst „alles an Lehrgängen mitnehmen, was geht“. Zum Beispiel die Ausbildung für das Atemschutzgerät, den Motorsägenführerschein und die Fortbildung zur Truppführerin.

Feuerwehr-Kollege Bo Anderson (21) ist schon etwas länger dabei. Im Sommer lässt sich der Industriemechaniker zum Feuerwehr-Maschinisten ausbilden. „Vieles, was ich hier lerne, kann ich auch im Alltag gebrauchen.“ Darüber hinaus schätzt auch er den Zusammenhalt der Kameradinnen und Kameraden. „Das ist hier wie eine große Familie. “

Svea Banderob (27) hat bei der Feuerwehr sogar ihren Lebensgefährten kennengelernt. Seit 2005 macht die Zollsachbearbeiterin mit, inzwischen ist sie Truppführerin. Sie war bei verschiedenen Löschangriffen eingesetzt, unter anderem bei einem Großfeuer in einem Einfamilienhaus.

Malte Levgrün ist stolz auf seine Mannschaft. Es gelte, auf 53 verschiedene Charaktere einzugehen, sagt er. „Nach einem harten Arbeitstag muss der eine oder andere auch mal ein bisschen motiviert werden.“ Die Tätigkeit bei der Feuerwehr, das ist für ihn weit mehr als ein Ehrenamt. „Das ist schon eine Berufung.“

Brände und mehr

1350 Freiwillige Feuerwehren gibt es in Schleswig-Holstein. Sie haben 48650 Mitglieder, 4200 sind weiblich. Dazu bestehen vier Berufs-, 23 Werk- und Betriebsfeuerwehren sowie 435 Jugendfeuerwehren. Insgesamt gibt es 60400 Feuerwehrleute.

In einem Jahr rücken die Feuerwehren etwa 20000 Mal aus. Rund 10000 Einsätze sind Brände, 6000 Fehlalarmierungen. Der Landesfeuerwehrverband mit Sitz in Kiel wurde 1873 gegründet (www.lfv-sh.de).

 Marcus Stöcklin