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Norddeutschland Fünf Prozent der Schleswig-Holsteiner Opfer von „Hasskriminalität“ – und viele gucken weg
Nachrichten Norddeutschland Fünf Prozent der Schleswig-Holsteiner Opfer von „Hasskriminalität“ – und viele gucken weg
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17:05 07.03.2019
Die Dunkelziffer für Hasskriminalität in Schleswig-Holstein dürfte weitaus höher liegen als in dem LKA-Sonderbericht aufgezeigt. Denn einige Personengruppen wurden durch die Umfrage gar nicht erreicht. Quelle: dpa
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Lübeck/Kiel

Wer in Schleswig-Holstein aufgrund seiner sozialen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung Opfer einer Straftat wird, fühlt sich häufig im Stich gelassen. Das geht aus einem Sonderbericht des Landeskriminalamts (LKA) zu vorteilsmotivierter Kriminalität hervor, der am Donnerstag veröffentlich wurde.

Oftmals fehlende Zivilcourage

40 Prozent der Opfer berichten demnach davon, dass Unbeteiligte bei einer Straftat bewusst weggesehen hätten, jedes achte Opfer gab sogar an, dass Unbeteiligte Partei für den Täter ergriffen hätten, indem sie sich ebenfalls abfällig über das Opfer äußerten. Bemerkenswert außerdem: Nicht einmal jede dritte Straftat wurde angezeigt – und Opfer von vorurteilsmotivierter Kriminalität haben deutlich weniger Vertrauen in die Polizei als rechtsstaatliche Institution als Nicht-Opfer und Opfer anders motivierter Taten.

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Fünf Prozent der Schleswig-Holsteiner betroffen

Für die sogenannte Dunkelfeldstudie wurden vor zwei Jahren 11 614 Schleswig-Holsteiner unter anderem zu vorurteilsmotivierter Kriminalität schriftlich befragt. 639 Bürger (5,1 Prozent) gaben dabei an, im Jahr zuvor betroffen gewesen zu sein. Sie glaubten Opfer von Beleidigungen, Drohungen im Internet, Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung oder sexueller Bedrängung aufgrund bestimmter persönlicher Merkmale geworden zu sein. Die Studie ist laut LKA repräsentativ. Aber: Beispielsweise Obdachlose und Personen, die keine deutschen Sprachkenntnisse haben, wurden nicht befragt. Die tatsächliche Quote dürfte also höher liegen.

Das ist „Hasskriminalität“

Defintion der LKA-Studie: „Strafrechtlich relevante Handlungen, in Zuge derer eine oder mehrere Person(en) oder deren Besitz Viktimisierung durch Einschüchterung, Bedrohung, physische oder psychische Gewalt erfährt/erfahren. Der oder die Täter ist/sind dabei teilweise oder gänzlich geleitet durch Vorurteile gegenüber bestimmten Merkmalen […], welche die gesamte Gruppe der/des Opfer(s) betreffen. Die Schädigung zielt daher nicht nur auf das direkte Opfer ab, sondern besitzt eine einschüchternde Botschaft, welche die Identität der Opfergruppe und damit die Grundfeste einer demokratischen Gesellschaft adressiert.“

Opfer von Hasskriminalität leiden besonders

„Die Studie hilft uns als Polizei vor allem für den zukünftigen Umgang mit den Opfern weiter“, sagt Carola Jeschke vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. Das Thema Hasskriminalität soll vor allem in der Aus- und Fortbildung eine stärkere Rolle einnehmen. „Wir müssen die Kollegen noch mehr dafür sensibilisieren, dass Opfer von vorteilsmotivierter Kriminalität besonders unter dieser Tat leiden.“ Denn, auch das zeigt der Sonderbericht: Opfer von Hasskriminalität haben im Vergleich zu anderen Opfern das geringste Vertrauen in die Polizei als rechtsstaatliche Institution – aber auch in deren Arbeit im Allgemeinen.

Misstrauen gegenüber der Polizei

So ist etwa die Hälfte der Opfer, die Taten anzeigten, der Meinung, dass die Polizei ihren Fall „nur schnell abgehandelt hat“ (50,2 Prozent). Rund ein Viertel glaubt, die Polizei habe sie ungerecht behandelt (26 Prozent) oder die Polizei habe sogar bewirkt, dass sie sich noch schlechter fühlten (25,7 Prozent). Ein Viertel gab gar an, dass die Polizei ihnen selbst mit Vorurteilen begegnet sei. „Die Opfer haben aufgrund ihrer individuellen Merkmale häufig bereits im Vorleben soziale Diskriminierung erlebt und sind dadurch häufiger mit Misstrauen behaftet als andere“, sagt Jeschke.

Jede dritte Tat wird nicht angezeigt

„Das Erleben von vorurteilsmotivierter Kriminalität ist deshalb besonders belastend und furchtauslösend, weil die Taten auf Merkmale abzielen, welche das Opfer nicht kontrollieren kann“, sagt Lars Riesner, Psychologe und Leiter der Kriminologischen Forschungsstelle am LKA Schleswig-Holstein. Dass nur jede dritte Hass-Tat auch zur Anzeige kommt, ist unterdessen nicht ungewöhnlich: Auch anders motivierte Taten werden nicht häufiger angezeigt.

Gründe für Hass-Taten

Gefragt nach den persönlichen Merkmalen, die eine Hass-Tat begründet haben, nannten die Betroffenen laut LKA am häufigsten den sozialen Status (17 Prozent), die finanzielle Situation (15 Prozent das Aussehen (14 Prozent) das Alter (12 Prozent) sowie das Geschlecht, bzw. die geschlechtliche Identität (10 Prozent). Am seltensten wurden chronische Erkrankungen/Behinderungen, die Hautfarbe und die sexuelle Orientierung als tatbegründendes Merkmal genannt.

Allerdings: Selten genannte Merkmale können in einzelnen sozialen Gruppen eine große Rolle spielen können: Im Vergleich der Nennungen von Opfern mit und ohne Migrationshintergrund wird dies deutlich. Opfer mit Migrationshintergrund gaben im Vergleich zu Opfern ohne Migrationshintergrund anteilig signifikant häufiger die Herkunft (34 Prozent vs. 9 Prozent), die Religion (14 Prozent vs. 3 Prozent) und die Hautfarbe (8 Prozent vs. 3 Prozent) als Grund für die erlebte Tat an.

Drei Viertel (75 Prozent) aller berichteten Fälle gehören zu den Ehr- und Drohungsdelikten, die zu einem großen Teil im Internet erfolgten. Seltener wurden Delikte wie Sachbeschädigung/Vandalismus (9 Prozent) und Diebstahl (7 Prozent) genannt. Noch kleiner sind die Anteile erlebter schwerer Delikte wie Körperverletzung (2 Prozent) sowie Sexueller Missbrauch/Vergewaltigung, Raub oder Brandanschlag auf das Wohnhaus, die unterhalb des einstelligen Bereiches liegen.

Jan Wulf