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Norddeutschland Profis im Hintergrund: Der Sound der Manege
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21:10 12.08.2015
Seit März spielt sich das Leben für Philipp Reinsch (26) aus Düsseldorf vor allem zwischen Zirkuswagen ab. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Um Punkt 15 Uhr geht die Pforte auf. Die Vorstellung beginnt in einer halben Stunde, aber der Zirkus beginnt jetzt. Der Jongleur jongliert. Schrill gekleidete Frauen gehen mit Eimern voller Bonbons los. Der Konfettiwerfer steht bereit. Im gleichen Augenblick gibt der Leiter der Band den Einsatz, und während die Zuschauer hereinströmen, spielt das Roncalli Royal Orchestra vor dem Zelt Rock und Blues. Die acht Musiker werden die nächsten drei Stunden im Dauereinsatz sein — und dann noch einmal am Abend. Einer von ihnen spielt hier seine erste Zirkus-Saison: der Trompeter Philipp Reinsch (26).

Seit März wohnt Reinsch auf vielleicht sechs Quadratmetern in einem Zirkuswagen. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kühlschrank. „Es kann sich nichts ansammeln, was man nicht braucht“, sagt er lächelnd. Sein Wochenende sind Montag und Dienstag, die vorstellungsfreien Tage. Die Arbeit ist anstrengend, aber er ist glücklich. „Ich kann hier unglaublich viel Spielerfahrung sammeln. Man muss jede Stilistik spielen bei jedem Wetter und jeder Luftfeuchtigkeit. Und es ist schön zu wissen, dass man das ganze Jahr ausgebucht ist“, sagt er. Als Musiker steht man im Zirkus nicht in der ersten Reihe. „Es geht darum, die Artisten zu unterstützen“, sagt Reinsch. Er fühlt sich wohl in dieser Rolle. „Ich identifiziere mich nicht mit diesem Macho-Trompetengehabe. Ich mag nicht, wenn man sich in den Vordergrund spielt.“

Die Vorstellung läuft. Alle Augen sind auf die Artistentruppe „Bingo“ gerichtet. Männer und Frauen wirbeln mit waghalsigen Sprüngen umher. Die Band spielt dazu eine Rocknummer. Die Musik wird den Zuschauern kaum im Gedächtnis bleiben, aber ohne sie wäre alles anders. Sie schmiegt sich an die Choreografie der Artisten, und zugleich gibt sie die Choreografie für den Applaus vor. Die Clowns führen eine Slapstick-Nummer mit einem lebenden Sessel auf. Die Band spielt dazu ein wehmütiges Lied, und dadurch bekommt der ganze Klamauk eine leise Melancholie.

„Ich mag es, wenn Musik etwas auslöst, was der Zuhörer in dem Augenblick gar nicht merkt“, sagt Reinsch. Als Jugendlicher war er Bassist einer Metal-Band. Dann entdeckte er die improvisierte Musik und studierte Jazztrompete. Für Improvisation ist in der Zirkusband wenig Raum, aber von reiner Routine ist die Arbeit weit entfernt. Georg Pommer (57), musikalischer Direktor bei Roncalli, hält die Zügel in der Hand. Er wählt die Musiker aus, er schreibt die Arrangements, und die meisten Stücke hat er komponiert.

Pommer hat Jazz, Musikwissenschaft und Musikinformatik studiert. Seit 36 Jahren ist er bei Roncalli, aber Überdruss, sagt er, habe er nie empfunden. „Keine Show ist wie die andere“, sagt er.

„Dazu gibt es zu viele Unbekannte — ob das die Bälle des Jongleurs sind oder die Witterung.“ Jedes Stück muss so arrangiert sein, dass es unterbrochen und wieder aufgenommen werden kann. Wenn etwas Unvorhergesehens passiert, dann muss Pommer sofort reagieren und seinen Leuten ein Zeichen geben — und die müssen jederzeit konzentriert sein. „Es ist nicht so, dass ich die Musik im Schlaf spielen könnte“, sagt Philipp Reinsch. „Sobald man sich nicht konzentriert, passieren einem Fehler. Solange das so ist, wird mir auch nicht langweilig.“

Gastspiel bis Sonntag
Der Circus Roncalli gastiert mit seinem Programm „Good Times“ noch bis Sonntag, 16. August, am Holstentorplatz in Lübeck. Die Vorstellungen beginnen von Mittwoch bis Freitag um 15.30 und 20 Uhr, am Sonnabend um 15 und 20 Uhr und am Sonntag um 14 und 18 Uhr. Einlass ist eine halbe Stunde vor Beginn. Eine Vorstellung dauert mit Pause etwa zweieinhalb Stunden.
Karten gibt es unter der Telefonnummer 0451/88079900, unter www.roncalli.de oder von 10 bis 20 Uhr an der Zirkuskasse.

Hanno Kabel

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