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Norddeutschland Prozess: Zeuginnen belasten Detlef H.
Nachrichten Norddeutschland Prozess: Zeuginnen belasten Detlef H.
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19:13 29.08.2019
Detlef H. vor Gericht: Gegen den 74-jährigen Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübecks wird wegen Exhibitionismus verhandelt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

„Es war doch wirklich so, Herr H.“ Am sechsten Verhandlungstag hat eine weitere Zeugin Detlef H., den 74-jährigen Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck, schwer belastet. Er habe sie gestalkt und sexuell belästigt, sagte die gleichaltrige Laden-Besitzerin aus Ratekau im Saal C 15 des Lübecker Amtsgerichts aus.

Auch die 74-Jährige hatte beim Weißen Ring Hilfe gesucht

Die 74-Jährige war wie andere Zeuginnen auch mit H. in Kontakt gekommen, nachdem sie Opfer einer Straftat geworden war. Einbrecher hatten 2011 ihren Laden komplett leer geräumt. Alles weg. Der eigene Mann war nach einem schweren Schlaganfall in einem Pflegeheim. Sie wandte sich an den Weißen Ring. H. kam, brachte sofort Geld mit, damit sie neue Ware kaufen konnte. „Ich war sehr, sehr dankbar“, sagt die 74-Jährige – aber eben dem Weißen Ring, nicht H. persönlich, auch wenn der zunächst immer sehr nett und zuvorkommend gewesen sei.

„Das schlug dann irgendwann um“, sagte die 74-Jährige. H. kam „drei- bis viermal die Woche“ in ihren Laden, brachte Wein mit, den er selber trank. Irgendwann habe er gefragt, ob er ihre Brüste anfassen dürfe, sagt die Zeugin. „Das müssen wir nicht haben, habe ich ihm gesagt.“ So was wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Von ihr aus nicht, und weil er ihr doch sogar einmal seine kranke Frau und seine Tochter vorgestellt hatte, für die er zuvor Gutscheine in ihrem Laden gekauft hatte.

Sie habe das abgetan. Kurz darauf aber bot H. ihr an, sie nach Neustadt in das Pflegeheim zu ihrem Mann mitzunehmen. Auf der Rückfahrt über die Landstraße plötzlich ein Stopp auf einem abgelegenen Parkplatz. Man könne doch mal Pause machen – seine Hand sei auf ein Mal ihren Oberschenkel hochgefahren. „Das lassen sie sofort sein“, habe sie H. gesagt und die Beifahrertür geöffnet. Zum Glück hätten zwei Männer an einem anderen Auto gestanden und Zigarettenpause gemacht. H. bat sie, die Tür zu schließen, er werde sie nach Hause fahren.

Immer mehr ungebetene Besuche durch Detlef H.

Sie habe gedacht, jetzt sei die Sache erledigt, sagt die 74-Jährige. Doch H.s ungebetene Besuche im Laden wurden nicht weniger. Er klingelte auch spät abends noch an ihrer Wohnungstür. Eine Kundin und Bekannte, die bei der Polizei arbeitet, kam jetzt immer öfter kurz vor Feierabend in den Laden, um H. hinaus zu komplimentieren. Warum sie ihn nicht direkt selber des Ladens verwiesen habe, will H.s Verteidiger Oliver Dedow wissen. Das habe sie ja immer wieder getan. „Aber stehen sie mal als Frau da, und dieser Mann bewegt sich trotz Aufforderung einfach nicht.“

Dann das: Im August 2011 war ihr Mann gestorben. Sie habe deswegen bei der Bank noch Dinge zu erledigen gehabt, habe gerade am Schalter gestanden. Plötzlich habe H. sie von hinten an den Schultern gefasst und ihr leicht in den Nacken gepustet, als wären sie ganz vertraut miteinander. „Ich habe mich total gedemütigt gefühlt.“ Die Bekannte, der sie das erzählte, wollte einen Bericht schreiben. Sie habe da sowieso schon mehrere Sachen von H. gehört. Doch sie habe das dann doch nicht gewollt, sagt die 74-Jährige. H. nämlich habe ihr gedroht: Wer werde ihr schon glauben, wenn sie ihn beschuldige. Er habe schließlich beste Beziehungen, ob ins Lübecker Rathaus oder zum Polizeidirektor.

Staatsanwaltschaft wollte die Zeugin hören

Immerhin: H. tauchte nach dem Bank-Vorfall nicht mehr bei ihr in Ratekau auf. Erst als „Spiegel“ und Lübecker Nachrichten im März 2018 über den Weißer-Ring-Skandal berichteten, wurden die Berichte der Bekannten öffentlich. Die Kripo Kiel ermittelte, vernahm auch die Laden-Besitzerin. Zu einem Gerichtsverfahren in dieser Sache aber kam es nicht. Zu wenig juristisch greifbar waren die Vorwürfe offenbar. Die Staatsanwaltschaft Lübeck wollte die 74-Jährige jetzt aber wenigstens als Zeugin im Verfahren hören, das Dora M. wegen sexueller Belästigung gegen H. führt. Sie wirft ihm vor, während einer Beratung seinen Penis aus der Hose geholt zu haben.

H. stellte das Verhältnis zur 74-Jährigen am Donnerstag vor Gericht als rein professionell und freundschaftlich dar. Ja, auch in der Bank sei er gewesen. Aber er habe der 74-Jährigen dort in der Schlange vor dem Schalter doch nur auf die Schulter getippt. Staatsanwältin Magdalena Salska hingegen bleibt dabei: Auch diese Zeugenaussage würde ein Muster aufzeigen, wie H. mit Frauen umgegangen sei. Das Kalkül der Anklägerin: Genau das würde auch die Aussagen von Nebenklägerin Dora M. glaubwürdig machen.

Am Donnerstag wurde noch eine weitere Zeugin gehört – eine 56-Jährige. Auch sie wirft H. vor, eine Beratungssituation ausgenutzt zu haben. Am 9. September wird weiter verhandelt.

Von Wolfram Hammer

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