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Norddeutschland Jetzt sagen weitere mutmaßliche Opfer aus
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19:10 29.07.2019
Hat er eine hilfesuchende Frau in einer Beratung sexuell bedrängt? Der Prozess gegen Lübecks „Weißer Ring“-Ex-Chef Detlef H. vor dem Amtsgericht Lübeck läuft weiter. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Hat der 74-jährige Detlef H. als Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck die rat- und hilfesuchende Dora M. 2016 während einer Beratung in seinem Büro sexuell belästigt? Hat er vor ihr sein Glied entblößt und wollte ihre „Brüste und den Kitzler“ sehen? Oder hat die 41-Jährige die Geschichte nur aufgebauscht? Vor dem Amtsgericht Lübeck geht der Schlagabtausch von Anklägerin und Verteidiger um die Glaubwürdigkeit von Angeklagtem und Zeugin weiter.

H. lehnt eine Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage ab

Montag früh, Verhandlungstag fünf in Saal C 15 des Amtsgerichts. Nur für einen kurzen Moment sieht es so aus, als könnte der Prozess abgekürzt werden. Gleich zum Auftakt bietet Staatsanwältin Magdalena Salska Detlef H. und seinem Anwalt Oliver Dedow hinter verschlossen Türen einen Deal an. Sie will das Verfahren gegen eine Zahlungsauflage einstellen lassen. Damit würde H. milde davon kommen. Aber: Er müsste seine Schuld eingestehen.

Auch Dora M.s Anwalt Robert Nieporte und Richterin Andrea Schulz sind einverstanden. Doch H. und sein Verteidiger lehnen ab. Sie setzen offenbar auf einen Freispruch. H. weist von Anfang an alle Vorwürfe zurück. Noch einmal versuchen sie, dazu Dora M.s Glaubwürdigkeit zu untergraben. Sie rufen den Leiter des Forderungsmangements der Stadtwerke als Zeugen auf. Der berichtet, wie Dora M. im Jahr 2016 mehrfach Rechnungen nicht beglichen habe. Strom und Wasser wurden schließlich abgestellt. Die 41-Jährige habe ihn wegen der Sache sogar angezeigt und gedroht, damit an die Presse zu gehen. Seine Ursprungsaussage, Dora M. habe auch „nie Miete gezahlt“, muss er auf Nachfrage von Nieporte aber schließlich zurücknehmen. Das wisse er nur vom Hörensagen.

Staatsanwältin: Detlef H. handelte nach einem Muster

Für Nieporte und Staatsanwältin Magdalena Salska hat das alles aber sowieso nichts mit der sexuellen Belästigung durch Detlef H. zu tun. Dora M.s Aussagen dazu seien absolut glaubhaft. Sie sei kurz zuvor von ihrem Mann verlassen worden. Er nahm alles Geld mit. Sie wandte sich an den Weißen Ring. Und: Das Vorgehen H.s, mit dem sie dort in Kontakt kam, entspreche einem Muster. Um das aufzuzeigen, will die Staatsanwältin jetzt fünf Frauen als Zeugen hören, die ebenfalls von H. belästigt worden seien.

Tatsächlich hatten nach einem Bericht von „Spiegel“ und Lübecker Nachrichten über den Fall im März 2018 insgesamt 29 Frauen Anzeige gegen Detlef H. erstattet. Demnach hat der Ex-Weiße-Ring-Mitarbeiter und Ex-Polizist über Jahre hinweg immer wieder Frauen sexuell bedrängt – darunter viele, die beim Weißen Ring Rat suchten und die bereits zuvor Opfer von Sexualstraftaten geworden waren. 19 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, viele davon wurden nur wegen Verjährung eingestellt.

Am Ende kam nur der Fall von Dora M. zur Anklage. Die 41-Jährige ist auch Nebenklägerin. Fünf der anderen Frauen sollen nun aber trotzdem vor Gericht berichten dürfen, was ihnen widerfahren sei. Darunter ist auch eine Kollegin H.s vom Weißen Ring Rendsburg-Eckernförde. H. soll ihr einen Kuss aufgenötigt haben. Erst als er die Zunge in ihren Mund stecken wollte, habe sie ihn zurückgewiesen, so hat es Anklägerin Magdalena Salska vor Gericht ausgeführt.

H. soll laut Staatsanwältin auch seine Kollegin bedrängt haben

Die Weiße-Ring-Mitarbeiterin hätte eigentlich schon am Montag aussagen sollen, meldete sich aber kurzfristig krank. Derweil wird von Salska und Nieporte auch ein Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Aussage von Dora M. in Zweifel gezogen, das eine Psychologin nach den ersten drei Prozesstagen abgegeben hatte.

Darin kommt sie zu dem Schluss, dass man nicht ausschließen könne, dass die 41-Jährige ein „Kerngeschehen“ aufgebauscht haben könnte. Das aber fußt nur auf einer einzigen Hypothese: dass Dora M. ihrem Ex-Mann und Vater einer ihrer Töchter gegenüber unter Rechtfertigungsdruck gekommen sei. Diesen Ex-Mann hatte sie wenige Tage nach dem Vorfall mit H. um Hilfe bei einem Umzug gebeten, als dort auch H. noch auftauchte und Hilfe anbot. Nachdem H. wieder gegangen war, soll Dora M. ihrem Ex-Mann als Erstem von dem Vorfall erzählt haben.

Nieporte hält die Schlussfolgerung der Psychologin daraus für völlig konstruiert und das Gutachten schlichtweg für untauglich. Anklägerin Magdalena Salska betonte: „Wir, die Staatsanwaltschaft und das Gericht, sind an das Gutachten nicht gebunden.“ Am Donnerstag, 29. August, wird weiter verhandelt.

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Wolfram Hammer

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