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Norddeutschland Staatsanwältin will weitere Frauen hören
Nachrichten Norddeutschland Staatsanwältin will weitere Frauen hören
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21:11 04.07.2019
Prozess gegen Detlef H. (74), den Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings in Lübeck. Er soll laut Anklage bei einem Beratungsgespräch mit einer von ihm betreuten Frau unaufgefordert sein Geschlechtsteil entblößt haben. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Lübeck

Dritter Verhandlungstag im Prozess gegen Detlef H. vor dem Lübecker Amtsgericht. In Saal C 15 ist der 74-jährige Ex-Polizist und Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck dabei am Donnerstag arg in die Defensive geraten. Zwei weitere Frauen bestätigten dem Gericht, dass H. auch sie massiv sexuell belästigt habe. Und es sollen womöglich noch mehr Zeuginnen gehört werden. H. weist weiterhin alle Vorwürfe zurück.

„Ein bisschen nett sein“

So belastete eine heute 57-jährige Verwaltungsangestellte der Polizei H. erneut schwer. Im Juli 2017 habe H. sie aufgefordert, ihn Fotos von ihrem Dekolleté machen zu lassen – zuvor war er mit ihr in sein Büro im Gewerkschaftshaus gefahren, um Werbematerial abzuholen, das bei der Polizei ausgelegt werden sollte. Sie würde das mit den Fotos nicht wollen, habe sie ihm mehrfach erklären müssen. Auf der Rückfahrt habe H. dann angeboten, ihr eine Boutique zu kaufen, wenn sie „ein bisschen nett“ zu ihm sei. Wieder im Büro habe sie geweint, sie sei sehr angegriffen gewesen. Ihr Sohn sei kurz zuvor gestorben. Ihre Ehe war in Scheidung.

Auf Drängen von Lübecks Polizeichef Norbert Trabs wurde der Vorfall, wie von „Spiegel“ und Lübecker Nachrichten berichtet, kurz darauf an die Staatsanwaltschaft Lübeck gemeldet – nicht zuletzt, weil es schon zuvor Gerüchte über H. gegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft leitete damals zwar kein Ermittlungsverfahren ein. Dennoch forderte Trabs von Weißer-Ring-Landeschef Uwe Döring, H. abzuberufen. Die Lübecker Kripo hatte schon zuvor Anweisung, Opfer von Sexualstraftaten nicht mehr zum Weißen Ring zu vermitteln. Doch Döring zögerte, wollte die Sache offenbar „geräuschlos“ bereinigen, wie Trabs es in einer Geheim-Mail ans Innenministerium schilderte.

Staatsanwältin sieht Verhaltensmuster

Tatsächlich wurde H. trotz der massiven Vorwürfe nach LN-Informationen zunächst noch der Wechsel auf den Posten des Pressesprechers des Opferhilfevereins angeboten. Erst im November 2017 trat er schließlich zurück. Eine weitere Zeugin, die sich 2006 an den Weißen Ring gewandt hatte, berichtete dem Gericht am Donnerstag zudem in nicht-öffentlicher Sitzung von einem Besuch H.s in ihrer Wohnung: H. habe sie dabei immer wieder Details eines zurückliegenden sexuellen Missbrauchs schildern lassen – und habe sich dabei mit den Händen in den Hosentaschen befriedigt.

H.s Anwalt Oliver Dedow protestierte gegen diese Zeugenvernehmungen. Staatsanwältin Magdalena Salska hingegen wertete die Aussagen als wichtiges „Indiz für ein Verhaltensmuster“. Und sie will noch weitere Zeuginnen hören. Frauen, die berichten würden, dass H. auch „ihnen gegenüber sexuell übergriffig geworden ist“, sagt die Staatsanwältin. Er sei „Frauen-süchtig“ gewesen. Die Intensität seiner sexuellen Übergriffe habe immer weiter zugenommen. Und diese Verhaltensweise habe H. auch bei Dora M. an den Tag gelegt, über deren Fall das Amtsgericht derzeit verhandelt. H. soll bei einer Beratung im April 2016 plötzlich vor ihr seinen Penis aus der Hose geholt und sie aufgefordert haben, ihm ihre Brüste und ihre Klitoris zu zeigen. Er soll ihr zudem vorgeschlagen haben, als Prostituierte zu arbeiten. Sie hatte sich kurz zuvor hilfesuchend an den Weißen Ring gewandt, ihr Mann habe sie geschlagen, verlassen und ihr Geld mitgenommen.

29 Anzeigen gegen den Außenstellenleiter des Weißen Rings

Dora M. hat H. schließlich im März 2018 angezeigt. Nach den Berichten von „Spiegel“ und Lübecker Nachrichten darüber häuften sich kurz darauf Anzeigen von 29 Frauen bei der Staatsanwaltschaft Lübeck. Die meisten Verfahren seien eingestellt worden, monierte Dedow. Viele davon aber nur aufgrund von Verjährung, hält die Staatsanwaltschaft dagegen. Dedow will im Gegenzug noch Zeugen hören, die Dora M.s Glaubwürdigkeit untergraben sollen, so kündigte er es an – Ex-Vermieter etwa, die sie um die Miete geprellt, oder einen Stadtwerke-Mitarbeiter, den sie im Streit um Stromzahlungen fälschlicherweise der Nötigung bezichtigt haben soll.

Kripo-Beamtinnen: Dora M. machte einen glaubwürdigen Eindruck

Am Donnerstag sagten im Prozess gegen Detlef H. auch zwei Kieler Kripo-Beamtinnen aus. Sie hatten Dora M. im April 2018 zu ihrer Anzeige gegen H. wegen Exhibitionismus vernommen, nachdem das LKA von CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote mit den Ermittlungen betraut worden war. Dora M. habe bei ihnen einen glaubwürdigen Eindruck gemacht, berichteten die Polizistinnen. Es habe keinen Anhaltspunkt für den Verdacht gegeben, dass sie nicht die Wahrheit sage.

Die „Kieler Nachrichten“ berichten derweil, dass die Kripo Kiel auch H.s Wohnungen, seinen Computer und sein Handy durchsuchen wollten. Die Staatsanwaltschaft Lübeck habe das allerdings abgelehnt. Viele der angezeigten Fälle lägen schon so lange zurück, dass verfahrensrelevante Daten ohnehin nicht mehr zu finden gewesen wären, heißt es dort. Bei der Kripo Kiel spricht man laut KN hingegen von einer Blockadehaltung der Staatsanwaltschaft. Es hätte sich um bei solchen Delikten übliche Maßnahmen gehandelt.

Richterin Andrea Schulz kürzte das Scharmützel von Anklägerin und Verteidiger schließlich ab. Sie will am nächsten Verhandlungstag am 15. Juli jetzt erst mal die Psychologin hören, die den Prozess beobachtet und ein Gutachten über Dora M.s Glaubwürdigkeit abgeben soll. Nur wenn die Psychologin dann noch weitere Aussagen für notwendig halte, wolle sie entscheiden, ob und welche Zeugen zusätzlich geladen werden. Ansonsten dürften noch im Juli Plädoyers und Urteil folgen.

Detlef H.s Ehefrau wird nicht vernommen

Definitiv vom Tisch ist derweil bereits die Vernehmung von H.s Ehefrau. H.s Anwalt Oliver Dedow zog einen entsprechenden Antrag zurück. Er wolle sie nach den jüngsten kritischen Medienberichten auf keinen Fall „der Presse zur Schau stellen“. Allerdings: Der Anwalt selber hatte die Idee am ersten Tag der Gerichtsverhandlung aufgebracht. Dora M. habe in einer früheren Vernehmung bei der Polizei ausgesagt, H. habe bei dem Vorfall im Gewerkschaftshaus eine weiße Feinripp-Unterhose getragen. Seine Ehefrau könne nach Angaben des Anwalts hingegen bezeugen, dass H. so eine Unterhose nie besessen habe.

Wolfram Hammer