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Norddeutschland Prozess um unhaltbare Zustände in Pflegeheimen
Nachrichten Norddeutschland Prozess um unhaltbare Zustände in Pflegeheimen
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16:03 27.03.2019
Die Angeklagte Ani S. (l) steht wegen Freiheitsberaubung, Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Betrugs seit gestern in Güstrow vor Gericht. Quelle: Gohlke/dpa
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Güstrow/Krakow

Eine ehemalige Pflegeheimbetreiberin aus Krakow (Landkreis Rostock) muss sich seit Mittwoch im Güstrower Amtsgericht für unhaltbare Zustände in ihren Einrichtungen verantworten. Die Anklage wirft der heute 33 Jahre alten Frau in mehreren Fällen Freiheitsberaubung, Misshandlung Schutzbefohlener, Misshandlung durch Unterlassen sowie Betrug vor, wie die Staatsanwältin zum Prozessauftakt sagte. Einrichtungen der Beschuldigten in Krakow waren im April 2016 durchsucht und geschlossen worden. Zu den Vorwürfen werde sie schweigen, kündigte sie vor rund 50 Besuchern im Gerichtssaal an. Fragen an die Zeugen stellte sie jedoch.

Patienten waren verwahrlost und dehydriert

Diese berichteten von unhaltbaren Zuständen: Eine Mitarbeiterin der Heimaufsicht sagte, sie habe eine Bewohnerin abgemagert im Dachgeschoss gefunden, die hilflos in einem vergitterten Bett gelegen habe und schwer dehydriert gewesen sei. „Wie ein Häufchen Elend“ habe sie dagelegen. Ein Kriminalpolizist berichtete, er habe die Frau für tot gehalten, bis sie „Durst, Durst“ gesagt habe. „Wir waren schon sehr schockiert von dem Gesamtbild dort“, sagte ein anderer Polizist. Die Tochter der Frau tritt als Nebenklägerin im Prozess auf und verließ bei den Schilderungen weinend den Gerichtssaal.

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Auch im Keller des Hauses sei ein verwahrloster, dehydrierter Mann gefunden worden, der offene Wunden am Fuß gehabt habe, sagte die Zeugen übereinstimmend. Beide Pflegebedürftigen hatten damals wegen ihres Zustandes von Notärzten versorgt werden müssen.

Unqualifizierte Mitarbeiter und nachts manchmal gar kein Personal

Auch die weiteren Vorwürfe gegen die Angeklagte wiegen schwer: So sollen in anderen Einrichtungen drei Menschen auf 15 Quadratmetern eingepfercht und nachts die Türen verschlossen gewesen sein. Personal sei dann keines mehr im Haus gewesen. Unangemeldeter Besuch habe die Frau untersagt, sie soll außerdem selbst entschieden haben, ob Bewohner ärztliche Behandlung erhalten. Eine Mitarbeiterin sei etwa als Köchin eingestellt, dann aber als Pflegerin eingesetzt worden.

Versicherungsmaklerin statt Pflegefachkraft

Die Angeklagte selbst habe sich gegenüber den Angehörigen der Pflegebedürftigen unter anderem als Pflegefachkraft mit Qualifizierungen für Palliativpflege und Beatmung präsentiert. Nichts davon stimmte laut Staatsanwaltschaft, die Frau hat demnach früher als Versicherungsmaklerin gearbeitet. In einem anderen Verfahren hatten zwei frühere Angestellte gegen ihre Ex-Chefin geklagt, weil sie ihnen Lohn vorenthalten habe. Die Verfahren vor dem Arbeitsgericht endeten beide mit einem Vergleich, doch die vereinbarten Summen habe die Angeklagte nicht gezahlt, sagte die Staatsanwältin.

Berufsverbot möglich

Zum Schluss des Verhandlungstags sagte der Richter zur Angeklagten, dass nach dem derzeitigen Stand ein Berufsverbot gegen sie verhängt werden könnte. Der Prozess soll am 16. April fortgesetzt werden, die nächsten Zeugen sollen jedoch erst am 8. Mai aussagen.

Hannes Stepputat