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Norddeutschland Rauschtrinken unter Senioren nimmt zu
Nachrichten Norddeutschland Rauschtrinken unter Senioren nimmt zu
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18:26 16.05.2019
Die Zahl der Senioren, die zu viel Alkohol trinken, steigt. Das hat das Robert-Koch-Institut ermittelt. Quelle: Axel Heimken/dpa
Lübeck

Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) hat die Zahlen vorgelegt und beruft sich dabei auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Deutschlandweit seien demnach mehr als 355 500 der über 65-Jährigen betroffen, vor allem Männer. Laut der Studie weisen 34 Prozent der männlichen Senioren und 18 Prozent der Frauen zwischen 65 und 79 Jahren einen riskanten Alkoholkonsum auf.

Landesstelle für Suchtfragen sieht Trend mit Sorge

Die Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein beobachtet seit längerem den Anstieg des Alkoholmissbrauchs unter Senioren mit großer Sorge, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Björn Malchow. „Nach dem Eintritt ins Rentenalter entsteht eine Lücke, die einige mit Alkohol kompensieren.“ Das Problem für die Suchthilfen sei, dass sie ältere Menschen nur schwer durch vorbeugende Konzepte erreichen. „Die Jugendlichen erreichen wir über die Schulen, die Erwachsenen über die Betriebe. Doch für Senioren gibt es leider ziemlich wenig Angebote und Ansätze“, sagt Malchow und fügt an: „Wir haben noch einiges an Arbeit vor uns.“

Auch Erwerbstätige betroffen

Auch immer mehr Erwerbstätige in Schleswig-Holstein haben Alkoholprobleme. Aktuelle Auswertungen der Krankenkasse Barmer ergaben, dass der Anteil Betroffener von 1,32 Prozent im Jahr 2010 auf 1,52 Prozent im Jahr 2017 angestiegen ist. Dies entspricht einer Zunahme von 15,2 Prozent. Zugleich fällt der Anteil Betroffener in Schleswig-Holstein elf Prozent höher aus im Bundesdurchschnitt. Bei Männern liegen 2,6-mal häufiger Alkoholprobleme vor als bei Frauen. Erwerbstätige mit Alkoholproblemen haben insgesamt deutlich höhere Fehlzeiten, teilte die Barmer mit.

Fatal sei, dass der ältere Körper den Alkohol immer schlechter über die Leber abbaue. „Hinzu kommen Wechselwirkungen mit Medikamenten“, berichtet Malchow. Alkoholabhängige Senioren tauchen selten in Suchtberatungsstellen auf – oft meiden sie diese aus Scham: „Alkoholiker mittleren Alters oder Jugendliche kommen häufig mit ihren Angehörigen und suchen Hilfe, Senioren sind hingegen viel alleine“, sagt Malchow.

Schädliches Trinkverhalten bleibt oft unerkannt

Schädliches Trinkverhalten bei Senioren sei nicht leicht festzustellen, sagt der Sprecher der Kaufmännischen Krankenkasse, Hannes Dietrich. „Das Thema ist in Arztpraxen und beim Pflegepersonal oft nicht präsent.“ Häufig würden Folgen von Alkoholproblemen mit Alterserscheinungen wie Schlafstörungen, Orientierungslosigkeit, undeutlichem Sprechen oder Nachlässigkeit bei der Hygiene verwechselt. Weil Menschen im Alter weniger Körperflüssigkeit haben, wirke der Alkohol zudem stärker als bei jungen Menschen, fügt Dietrich an.

Beim Hausärzteverband Schleswig-Holstein sei das Rauschtrinken unter Senioren bisher noch kein Thema gewesen, sagt der Vizevorsitzende Michael Sturm. Unter Sturms Patienten gebe es zwar viele Gewohnheitstrinker, richtige Alkoholiker mit schwerster Suchtproblematik aber nicht allzu viele. „Die Grenzen sind jedoch oft fließend.“ Ähnlich wie Analphabeten seien Alkoholiker in der Lage, ihre Problematik geschickt zu übertünchen, so dass man ihnen ihre Sucht oft jahrelang nicht anmerke, sagt Sturm.

Psychische Ursachen fürs Trinken

Vor allem psychische Ursachen macht der Facharzt für Allgemeinmedizin für den jetzt erhobenen dramatischen Anstieg des Rauschtrinkens unter Senioren verantwortlich: „Sie wissen teils nichts mehr mit sich anzufangen, erhalten oft keine Aufmerksamkeit. Sie haben das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und vereinsamen zunehmend. Dies geht bei vielen an die Psyche, als Folge greifen sie zur Flasche.“ Dieses Problem sei in Städten stärker ausgeprägt als auf dem Land, sagt Sturm.

Die ambulante Seniorenpflege der Vorwerker Diakonie betreut rund 900 ältere Menschen in ihrem zu Hause in Lübeck und Umgebung. „Tatsächlich trinken Senioren hin und wieder übermäßig Alkohol, das ist aber durchaus selten“, sagt Pressesprecher Lutz Regenberg.

Kliniken sehen keine erhöhten Fallzahlen

Den drastischen Trend der Studie kann Regenberg ebenso wenig bestätigen wie Kliniken im Norden: „In der Notaufnahme des Campus Lübeck sehen wir wenig alte Menschen mit akuter Alkoholvergiftung und auch nicht zunehmend Patienten über 65 Jahre mit chronischem Alkoholmissbrauch“, sagt der Sprecher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Oliver Grieve. Und Dr. Kai Wendt, leitender Arzt der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen des Ameos-Klinikums Heiligenhafen, berichtet: „Wir haben immer mal wieder ältere Patienten mit einer Suchterkrankung. Einige kommen immer wieder. Aber es sind nicht viele, eher Einzelfälle.“

Sebastian Musolf

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