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Norddeutschland Rehe verenden an Dänemarks Wildschweinzaun
Nachrichten Norddeutschland Rehe verenden an Dänemarks Wildschweinzaun
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17:10 16.10.2019
Ein Arbeiter geht auf der Baustelle des Wildschweinzaunes durch eine Tür in einer Absperrung. Dänemark startete hier den Bau des rund 70 Kilometer langen und rund 1,50 Meter hohen Wildschweinezauns entlang der dänisch-deutschen Grenze zur Abwehr der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Quelle: Carsten Rehder/dpa
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Lübeck/Flensburg

Laut eines dänischen Landwirts, der einen Hof entlang der deutsch-dänischen Grenze bei Frøslev betreibt, sollen die Tiere entweder im Zaun stecken geblieben sein oder sich beim Sprung über den Zaun so schwer verletzt haben, dass sie getötet werden mussten. Das berichtet die dänische Zeitung „Jydske Vestkysten“.

Dem Bauern seien demnach alleine drei Fälle aus dem letzten Monat bekannt. Die Dunkelziffer von schwer verletzten Tieren könnte deutlich höher liegen. Die Rehe hätten Angst vor den Autos und würden versuchen, über den Zaun zu springen, was sie aber nicht könnten, wird der Landwirt zitiert.

Günstiger als geplant

Das Gitter, das das Königreich vor der Afrikanischen Schweinepest schützen soll, ist 1,50 Meter hoch und ragt einen halben Meter tief in die Erde hinein. Damit kleinere Tiere den Zaun überwinden können, ist alle 100 Meter eine 20x20 Zentimeter große Öffnung vorgesehen.

Der Zaun soll insgesamt etwa 70 Kilometer lang werden und kostet etwa fünf Millionen Euro, nur etwa die Hälfte von dem, was ursprünglich einmal kalkuliert worden war. Baubeginn war im Januar dieses Jahres, im November soll er fertiggestellt werden.

EU-Komission soll eingreifen

Vor dem Hintergrund mehrerer verendeter Wildtiere haben der schleswig-holsteinische Europaabgeordnete Rasmus Andresen und die dänische Europaabgeordnete Margrete Auken aus der Fraktion Grüne/EFA jetzt eine Anfrage zum Umgang der EU-Kommission mit dem Wildschweinzaun gestellt.

Die beiden Abgeordneten bitten die Kommission ihre Erkenntnisse unter anderem über die schädlichen Auswirkungen auf Wildtiere wie Hirsche und ihre Bemühungen gegenüber der dänischen Regierung für eine Aufgabe des Projekts darzustellen.

EU-Abgeordneter: „Zaun verstößt gegen EU-Recht“

Andresen: „Dieser Wildschweinzaun verstößt gegen EU-Naturschutzrecht und gehört gestoppt. Die EU-Kommission hat bereits vor einiger Zeit erklärt, dass sie mit uns Grünen einer Meinung ist: Der Wildschweinzaun ist kein effektives Mittel, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern.“

Der Zaun habe bedeutende Auswirkungen auf die Tierwelt und stelle für viele Wildtiere eine bedeutende Gefahr dar. „Die Tiere werden am Grenzübertritt gehindert, finden nicht ausreichend Nahrung oder verletzen sich beim Versuch schwer.“

Angst vor der Schweinepest

Rund zwölf Millionen Schweine(ohne Ferkel) werden in Dänemark in mehr als 3000 Betrieben gehalten. Sollte der Schweinepest-Erreger auf dänische Bestände übertragen werden, müssten alle Ausfuhren in Nicht-EU-Länder gestoppt werden. Exporteinnahmen im Wert von rund vier Milliarden Euro (davon 1,5 Milliarden außerhalb der EU) pro Jahr drohten dann wegzufallen, warnt das dänische Umwelt- und Lebensmittelministerium. Im Ranking der wichtigsten Exportgüter liegen Schweinefleisch und der Export von Schweinen (Ferkel) auf Platz zwei der Statistik. Dänemark exportiert 14 Millionen Ferkel in EU-Länder (Deutschland, Polen und Niederlande).

Die Übertragung der Schweinepest geschieht laut Friedrich-Löffler Institut nicht nur durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Speiseabfälle oder Schweinefleischerzeugnisse sowie andere indirekte Übertragungswege (Fahrzeuge, kontaminierte Ausrüstungsgegenstände einschließlich Jagdausrüstung, landwirtschaftlich genutzte Geräte und Maschinen, Kleidung). Die stark infizierten Gebiete liegen in Osteuropa. Deutschland ist bislang schweinepestfrei, die Ausbreitung gilt jedoch als wahrscheinlich. Für den Menschen ist die ASP ungefährlich.

Nabu: Zaun hindert Wildschweine nicht

Der Naturschutzbund (Nabu) in Schleswig-Holstein hatte bereits zum Baustart kritisiert: „Der Zaun wird kein Wildschwein davon abhalten können, von Deutschland nach Dänemark zu gelangen. Da der Zaun nicht durchgängig geschlossen ist, etwa Straßen- und Gewässerquerungen der Grenze offen bleiben, und Wildschweine zudem sehr gut schwimmen können, werden sie die zahlreichen Lücken in diesem Bauwerk sicher zum Grenzübertritt nutzen können.“

Post aus Dänemark

Eine dieser Lücken liegt (noch) im Kollunder Wald. Ein etwa 130 Hektar großer Forst, der bis Anfang der 2000er Jahre zur Stadt Flensburg gehörte – aber auf dänischen Territorium liegt. Flensburg will den Zaunbau verhindern und beharrt darauf, bei Bauprojekten in dem Gebiet ein Vetorecht zu besitzen.

Dänemarks Regierung sieht das in dem Fall des Zauns anders. In einem Brief an die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat die Stadt noch einmal ihren Unmut ausgedrückt – und hofft auf eine Verlegung der Trasse, die im Wald schon mit Pflöcken und rotem Band vorempfunden wurde. Eine Antwort liegt inzwischen vor – was drin steht, ist allerdings noch unklar.

Die Stadt möchte das Schreiben erst nach der Rückkehr von Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) aus dem Urlaub politisch bewerten...

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Von Jan Wulf

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