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Nachrichten Norddeutschland Eine letzte Eurocity-Fahrt nach Kopenhagen
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16:48 16.12.2019
LN-Reporter Marcus Stöcklin fährt mit dem Zug vom Lübecker Hauptbahnhof nach Kopenhagen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Das Gefühl der großen weiten Welt kommt in Gestalt eines Zuges. Silbern, mit einer langen, schwarzen Fensterreihe, rollt er morgens um 10.06 Uhr in den Lübecker Bahnhof ein. „Koebenhavn“ steht auf der Anzeigetafel. „Über Oldenburg (Holstein) und Puttgarden.“

LübeckKopenhagen ohne Umsteigen. Eine Woche noch. Am 15. Dezember wird diese Eurocity-Strecke für die nächsten Jahre eingestellt, wegen der Bauarbeiten für die Fehmarnbelt-Querung.

„Oh, Mann“, sagt Jochen Horch (36). Er wird in Oldenburg schon wieder aussteigen. „Ich wollte immer mal wirklich bis Kopenhagen fahren. Hätte ich es mal gemacht.“

Passagiere finden DSB-Zug komfortabel

Zum Sparpreis gebe es gebe es die Fahrt schon ab 39,90 Euro, zitiert er die Bahn. Zudem seien die Wagen der Dänischen Staatsbahn (DSB) so komfortabel. „Wie ein Wohnzimmer.“ Und die Strecke sei so abwechslungsreich. Horch blickt aus dem Fenster, wo dunkle, aufgeweichte Stoppelfelder mit grüner Wiese wechseln. Nicht schlecht. Aber die wahren Highlights – Fehmarnbelt und Fähre – kommen noch.

„Deswegen haben wir extra gebucht“, sagen Katrin Hage (37) und Ramona Hupfer (30) aus Eutin. „Bevor diese Eurocity-Strecke eingestellt wird. Wir wollten noch einmal mitfahren.“

Impressionen und Meinungen aus dem Eurocity von Lübeck nach Kopenhagen.

„Fliegen kommt nicht in Frage“

Lone Deleuran (39), eine Dänin, die mit ihren Kindern in Lübeck den Weihnachtsmarkt besucht und zweimal übernachtet hat, freut sich schon auf die Fähre. Dann könnten ihre Kinder mal raus aus dem Zug. „Mit dem Auto könnten wir sowieso nicht fahren“, erzählt sie. „Da wird den Kindern immer schlecht.“

Es sind viele Dänen und Schweden im Zug. Karin Oeberg (19), Studentin aus Stockholm hat ihre beste Freundin in Lübeck besucht. Die Verbindung sei toll. „Und ich möchte auf keinen Fall fliegen. Aus Umweltgründen.“ Das ist auch für Marion Rolfs (62) aus dem schwedischen Kalmar wichtig, die in Lübeck ebenfalls häufig zu Besuch ist. „Wegen des Klimawandels kommt Fliegen nicht in Frage.“

Karin Hickmott (65) aus Stockholm würde genau deshalb auf jeden Fall auch weiterhin den Zug nehmen, dann eben über Flensburg und Padborg. Die Bauarbeiten für den Ausbau der Fehmarnbelt-Route stören sie nicht. „Meine Tochter lebt in England, ich besuche sie fünfmal im Jahr. Und vielleicht geht es durch den Tunnel in Zukunft sogar noch schneller.“

Das hofft auch Jörg Kietzmann (55), der in Hamburg lebt, aber von Fehmarn stammt. „Der Streckenausbau auf Fehmarn muss wohl sein“, glaubt der Berufsfeuerwehrmann. Der Verkehr werde in der Zukunft zunehmen. „Dafür muss man gerüstet sein.“

Besser arbeiten im Zug

Morten Stilling (42), ein Digitalisierungsberater aus Kopenhagen, musste ausnahmsweise nach Hamburg. Er hätte auch Bus fahren können, überlegt er. „Das ist noch billiger. Aber im Zug kann ich besser arbeiten.“

Der Zug überquert die Fehmarnsundbrücke. Es ist nicht mehr weit bis zum Fährterminal in Puttgarden, das um 11.05 Uhr erreicht ist. In zehn Minuten legt die Fähre ab. Das deutsche Personal verabschiedet sich – und der Zug rollt auf die Fähre. „Bitte verlassen Sie den Zug und suchen die oberen Decks auf“, tönt es aus dem Lautsprecher.

Spielen auf der Fähre

Die „Prinsesse Benedikte“ bietet Annehmlichkeiten wie Bordrestaurants, Shops und Spielecken. In letzterer treffe ich Lone Deleuran mit ihren Kindern wieder. Im Restaurant sitzt Hanna Hagemeier (21) aus Hamburg vor einem Salat. Sie mache eine Städtetour nach Kopenhagen: „Praktisch, dass man nicht umsteigen muss und hier ein Restaurant vorfindet.“ Als die Fähre in Rødby einläuft, setzen Katrin Hage und Ramona Hupfer bunte Mützen auf und gehen hinaus auf das Außendeck, um zu gucken.

Nachdem alle wieder im Zug sind, kontrollieren dänische Beamte die Ausweise. 15 Minuten steht der Eurocity. Dann geht die Fahrt weiter – durch eine flache, dänische Landschaft mit vereinzelten Gehöften, Wiesen und schwarzen Wäldchen.

Häufige Stopps in Dänemark

In Dänemark hält der Zug öfter, so Nykøbing, Naestved und Ringsted. Auch für Dänen sind die modernen Waggons offenbar nicht alltäglich: Eine Dame steigt zu und bleibt ratlos vor den gläsernen Schiebetüren zum Wageninneren stehen. „God rejse“ und „God dag“ steht darauf. Die Türen haben keinen Griff, sondern öffnen sich auf magische Weise durch das Bewegen der Hand entlang des Türspalts in der Mitte. Wenn man es weiß. Die Dame zuckt die Achseln und dreht um, bevor ihr jemand helfen kann.

Patrick Creaven (26) bekommt das nicht mit, vor ihm auf dem Tisch liegen Laptop und Handy. Er sei Schiffskaufmann, berichtet Creaven, der aus beruflichen Gründen lange Zeit zweimal im Monat zwischen Kopenhagen und Hamburg pendelte. Jetzt fahre er noch alle ein, zwei Monate. Von der Einstellung der Verbindung über Lübeck und Puttgarden ist er nicht begeistert. „Im Zug über Flensburg und Padborg wird man nichts zu Essen bekommen“, befürchtet er.

Scandlines: Busse statt Bahn?

Die Unterbrechung der Zugfahrt auf der Fähre habe er immer sehr genossen. „Auf der anderen Strecke sind die Züge auch viel voller, es gibt mehr Chancen für Verspätungen.“ Vielleicht ein Anlass, auf das Auto auszuweichen. „Es tut mir sehr leid, dass dieser Zug bald nicht mehr verkehrt.“

Nicht nur Zugreisende sind traurig. Anette Ustrup-Svendsen, Sprecherin der Reederei Scandlines, bedauert, dass die Reisenden nicht mehr kommen werden. „Sie essen an Bord, kaufen ein.“ Damit der Umsatz nicht sinke, müsse die Fährlinie Ersatz suchen. Dies könne durch mehr Lkw geschehen, vor allem aber durch Reisebusse. „Das müssen wir sehen.“

Das Bedauern ist groß

In Ostholstein, besonders auf Fehmarn, ist das Bedauern ebenfalls groß. „Eine ganze Menge Menschen sind auf diesen Zug angewiesen“, meint Brigitte Brill, Bürgervorsteherin aus dem Insel-Hauptort Burg. Man fühle sich abgehängt. „Für uns ist es bitter.“

Bei der Bahn aber rührt das niemanden so recht – und erst recht nicht in Kopenhagen, wo der Eurocity aus Lübeck an diesem Tag pünktlich um 14.26 Uhr eintrifft.

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Von Marcus Stöcklin