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Norddeutschland Roboter im Klinik-Alltag: So fortschrittlich sind Krankenhäuser im Norden
Nachrichten Norddeutschland Roboter im Klinik-Alltag: So fortschrittlich sind Krankenhäuser im Norden
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09:00 17.11.2019
Noch ist Mirana ein Prototyp, doch schon im Winter 2020 soll der Service-Roboter Sehbehinderte durch UKSH-Gebäude führen. Es ist nicht der einzige Roboter, der künftig in der Klink arbeitet. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck/Kiel

„Hey, Mirana?“, fragt Nils Rottmann den kleinen Roboter vor ihm. Ein Glockenton erklingt. „Führe mich zum Notausgang.“ Kurze Pause – dann antwortet eine elektronische Frauenstimme: „Okay, ich bringe dich zum Notausgang.“ Zügig dreht sich der Roboter um 180 Grad und fährt im Schritttempo auf seinen zwei Rollen den Flur des Instituts für Robotertechnik der Universität zu Lübeck entlang – in Richtung Notausgang.

Mirana ist ein Segway-Roboter, der über Sensoren Personen und Objekte erkennt und mit ihnen über Lautsprecher interagiert. Er ist so groß wie ein Kleinkind und sieht aus wie ein rollender Droid der Star-Wars-Saga. Als Service-Roboter soll er per Sprachbefehl Personen durch Krankenhäuser wie das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) führen – und das völlig autonom.

Roboter im Nachtdienst: Räume kartografieren und WLan prüfen

Aber Mirana kann mehr. Sofern der Akku aufgeladen ist, steht der Roboter rund um die Uhr zur Verfügung. Ziel ist es, dass Mirana des Nachts durch die Gänge fährt, das Gebäude kartografiert und die Netzabdeckung prüft. Das wird zurzeit händisch gemacht. Mirana könnte diesen Prozess erleichtern.

Noch ist es ein Prototyp: Der Service-Roboter Mirana ist sprachgesteuert und soll Ende 2020 sehbehinderte Patienten durch die Gebäude des UKSH führen. Die Studenten Rabia Demirci (22), Robin Denz (21), Projektleiter Nils Rottmann und Emre Ergün (22, v.l.) tüfteln an der Software des Roboters. Quelle: Lutz Roeßler

„Im Grunde funktioniert der Roboter wie ein schlaues Handy“, sagt Nils Rottmann. Er ist gemeinsam mit Professor Floris Ernst Leiter des Mirana-Projekts an der Universität zu Lübeck. Seit einem Jahr forschen sie und ein Team aus vier Studenten an der künstlichen Intelligenz von Mirana. Die Hardware, also der Roboter an sich, ist gekauft. Die Wissenschaftler programmieren die Software des Roboters.

Den Klinik-Alltag, in dem Mirana ab Winter 2020 tätig sein soll, kennt er nicht. Mit Pflegern und Ärzten, die über die Gänge huschen, kommt er noch nicht klar. „Wir arbeiten noch an der Intelligenz und den Algorithmen des Prototypen, um ihn im Anschluss an den Klinik-Alltag anzupassen“, sagt der Projektleiter. Finanziert wird das Projekt mit 80 000 Euro von Sponsoren und dem UKSH.

Viele Roboter schon seit Jahren im Einsatz

Es ist nicht der einzige Roboter am UKSH: Schon jetzt sind in unterschiedlichen Bereichen Roboter Teil des Klinik-Alltags. Im Bereich der Physiotherapie am Standort in Kiel als auch in Lübeck unterstützt Zora das Pflegepersonal. Die Maschine in Menschengestalt mit dem freundlichen Gesicht ist zierliche 59 Zentimeter groß und soll helfen, Kindern therapeutische Übungen nahezubringen und sie zu motivieren.

Mehr zum Thema: Eine Bildergalerie zu den Robotern auf der CES

Seit mehr als fünf Jahren unterstützen drei OP-Roboter in Kiel und einer in Lübeck Ärzte bei schwierigen Eingriffen. Der Chirurg steuert die Roboterarme des „Da Vinci“-Roboters über eine Konsole, über die er sich während der OP beugt. Bewegungen des Arztes werden millimetergenau auf die Arme übersetzt. So kann etwa Zittern des Arztes unterbunden oder kleinste Strukturen im Körper durch hochauflösende Kameras auf das Zehnfache vergrößert werden.

Roboter in Kliniken ja, aber nur in Teilen

Laut einer aktuellen Studie der pronova-Betriebskrankenkasse ist die Bevölkerung nur zum Teil dem Einsatz von Robotern im Klinik-Alltag aufgeschlossen. Vor allem bei administrativen Aufgaben und Priorisierung von Notfällen halten sie digitale Assistenten für sinnvoll. Im OP hätten Roboter jedoch nichts zu suchen.

Ein Drittel der Befragten würde eine 24 Stunden erreichbare Erstberatung nutzen. 55 Prozent würden administrative Dinge von einem digitalen Helfer erledigen lassen, und 36 Prozent würden die Dringlichkeit ihres Notfalls über einen virtuellen Arzt im Anmeldebereich einschätzen lassen.

Bei medizinischen Eingriffen vertrauen die Befragten hingegen dem menschlichen Urteilsvermögen. Drei Viertel lehnen Operationen, die komplett von Robotern geführt werden, ab. Verbandswechsel, Wundversorgung und Vergabe von Medikamenten würden vier von zehn Befragten akzeptieren.

Vor allem jüngere Menschen stehen der Robotertechnik offen gegenüber. Die 18- bis 29-Jährigen liegen bei der Umfrage mindestens fünf Prozent über dem Durchschnitt.

Mit dem Bestand an Robotern steht das UKSH im Norden recht alleine da. Die Ameos-Kliniken sowie die Segeberger Kliniken verzichten auf den Einsatz von Robotern. Da Roboter meist im Pflege- oder OP-Bereich eingesetzt würden, gibt es in den Ameos-Kliniken im Norden keine Roboter, teilte eine Sprecherin mit. Beide Einrichtungen sagten, dass auch in absehbarer Zukunft Roboter für sie kein Thema seien.

Weltneuheit: Automatische Zentralsterilisation für Lübeck

Neben den Robotern im OP-Saal oder im Service-Bereich sollen am UKSH Roboter künftig auch in der Aufbereitung von Medizinprodukten (AEMP) genutzt werden. Ab dem Frühjahr 2020 soll die Zentralsterilisation voll automatisiert werden. Roboter kümmern sich um die Logistik, bereiten Instrumente steril auf, stellen OP-Besteck zusammen und beladen Wagen für die Stationen. In der Logistik gibt es solche vollautomatisierten Lager bereits – im medizinischen Bereich nicht.

Lesen Sie hier: Uni setzt voll und ganz auf KI-Region Lübeck

Der dänische Hersteller hat 2012/2013 dieses Konzept erstmals in der Nähe Kopenhagens getestet und versorge mittlerweile voll automatisiert das Krankenhaus aus dem Lager, sagt der AEMP-Projektleiter und OP-Manager des Kieler UKSH, Joß Giese. Dieses automatisierte AEMP werde im Frühjahr an den UKSH-Standorten in Betrieb genommen. Damit sind sie nach Dänemark weltweit einer der Vorreiter.

„Wir nutzen die Chance des Umbaus, um uns mit neuster Technik auszustatten“, sagt Rudolf Dück, IT-Chef des UKSH. Quelle: LN-Archiv

Ziel ist es, dass neben der Logistik auch die Funktionsprüfung von Geräten vom automatisierten AEMP übernommen wird. „Wir erhalten durch das AEMP mehr Prozesssicherheit“, sagt Giese. Die richtigen Materialien können zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und der menschliche Fehler werde durch die Roboter minimiert.

 Möglich ist diese Neuanschaffung wegen der Umbaumaßnahmen an beiden UKSH-Standorten. „Wir nutzten die Chance, uns mit neuester Technik auszustatten“, sagt UKSH-IT-Chef, Rudolf Dück.

Roboter im Klinik-Alltag: Eine Gefahr oder eine Chance?

Robotertechnik im Klinik-Alltag bietet eine große Chance: In diesem Punkt sind sich viele Experten einig. „Vor allem dann, wenn Ärzte, Pflegende und weiteres Klinik-Personal sinnvoll entlastet werden“, sagt Dr. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Der Versorgungsbereich in Krankenhäuser, der etwa den Service und die Logistik organisiert, ist ein mögliches Feld.

„Das ist ein großer Wurf in die Zukunft. Die Robotik birgt eine große Chance, weil wir durch sie ein neues Qualitätslevel erreichen und gleichzeitig Fachkräfte entlasten“, sagt OP-Manager Giese. Mitarbeiter würden durch die Technik entlastet, Prozesse durch Roboter unterstützt. „Mitarbeiter werden aber nicht ersetzt“, sagt IT-Chef Dück.

Krankenhäuser werden immer digitaler. Dazu gehören Roboter, die den Alltag der Mitarbeiter erleichtern sollen.

Eine weitere Chance bietet die Robotik beim Ausbau der Telemedizin. Die medizinische Beratung per Videokonferenz bietet sich in Flächenländern wie Schleswig-Holstein besonders an. Ärzte könnten über einen Roboter Patienten operieren, die sich nicht im selben Raum befinden, sagt Herrmann. Entfernungen würden mithilfe der Roboter überwunden und Experten könnten in den OP zugeschaltet werden.

Nicht immer sind Roboter einsetzbar

Nicht immer sind Roboter eine Hilfe. In einigen Fällen tun sich Patienten schwer, wenn digitale Helfer das menschliche Gegenüber ersetzen. „Immer dann, wenn Erfahrungswerte, Empathie und soziale Kompetenzen gefragt sind, ist der Einsatz von Robotern auszuschließen“, sagt Ärztekammer-Präsident Henrik Herrmann. Das ist in etwa bei Beratungs- und Aufklärungsgesprächen der Fall – überall dort, wo emphatische und kommunikative Fähigkeiten gefragt sind.

Bis sich Roboter im OP, dem Servicebereich oder in administrativen Feldern wirklich etabliert haben, wird es noch eine Weile dauern. Viele der Roboter-Projekte sind momentan in der Entwicklungszeit und nicht bereit, problemlos am Alltag des Menschen teilzuhaben. Allerdings sollten Patienten nicht überrascht sein, wenn schon im nächsten Jahr, die ersten Roboter über die Flure des UKSH wuseln, verrät IT-Chef Dück.

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Von Fabian Boerger

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