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Norddeutschland Roboter sollen Munition bergen
Nachrichten Norddeutschland Roboter sollen Munition bergen
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17:07 25.03.2019
Ein versenkter Munitionsrest liegt in der Ostsee. Können Roboter die Sprengköpfe bergen? Quelle: dpa/CAU Kiel
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Berlin

Im Video sieht alles ganz einfach aus. Ein Unterwasser-Bagger-Roboter greift vorsichtig eine stark verrostete Wasserbombe vom Grund der Ostsee auf, transportiert die brisante Fracht aus dem Zweiten Weltkrieg in einen Container. Dort wird die Munition zerlegt, der Zünder entnommen, der Sprengstoff TNT vom Metall getrennt und unschädlich gemacht.

Noch immer droht Gefahr

Doch was in der Videoanimation so leicht und spielerisch aussieht, hat es in sich. Das Zeug könne immer noch jederzeit hochgehen, warnte Siegmund Schlie, technischer Leiter beim Unternehmen Boskalis Hirdes, dem deutschen Tochterunternehmen des internationalen Wasserbaukonzerns Boskalis, jetzt auf einem Symposium in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin.

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Deshalb steuern die Spezialisten seines Unternehmens die gefährliche Bergung der Munition aus dem Meer aus sicherer Entfernung. Die Hightech-Entwicklung, derer sich die Munitionsexperten bedienen, heißt Robotisches Unterwasser Bergungs- und Entsorgungsverfahren im Meer (Robemm). Gerade für die Errichtung von Offshore-Windparks weit draußen im Meer, für die Verlegung von Stromkabeltrassen oder Pipeline-Rohren ist die vorherige Beseitigung der Munition eine unabdingbare Voraussetzung. Aber nicht immer und überall können Bergungs-Roboter menschliche Taucher ersetzen.

300 000 Tonnen auf dem Grund der Ostsee

Die Herausforderung ist riesig. Allein auf dem Grund der Ostsee sollen rund 300 000 Tonnen Weltkriegsmunition lagern, von 300-Kilogramm-Ankertauminen, Wasserbomben, Granaten mit Nervenkampfstoffen wie Tabun oder Senfgas sowie Phosphor bis hin zu konventioneller Munition. Fast überall enthalten ist der Sprengstoff TNT. Allein vor Bornholm seien rund 40 000 Tonnen verklappt worden, im Seegebiet Kolberger Heide vor Kiel etwa 30 000 Tonnen konventioneller Munition. Für die Nordsee werden sogar 1,3 Millionen Tonnen geschätzt.

Würde man diese Hinterlassenschaften des Krieges auf einen Güterzug laden, er würde von Kiel bis nach Rom reichen. „Wir wollen nachfolgenden Generationen nicht Müll und Gift am Meeresgrund hinterlassen“, formuliert Schlie einen großen Anspruch. Viel Arbeit ist bereits vor der eigentlichen Bergung notwendig. Die Altmunition muss genau lokalisiert und eingeschätzt werden, worum es sich handelt.

Experten: Lage ist schlimmer als gedacht

Jens Sternheim aus dem Kieler Umweltministerium und als Chef der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Munition im Meer“ sozusagen der „Altlasten-Papst“ befasst sich seit über 15 Jahren mit dem brisanten Thema, sitzt in diversen internationalen Gremien und hält Kontakt zu Forschungsgruppen. Erst vor kurzem hatte ein internationales Wissenschaftlerteam Ergebnisse des Projekts „Daimon“ vorgestellt.

„Leider ist es schlimmer als gedacht“, lautete Sternheims ernüchterndes Fazit. Seit 2005 seien rund 23 Millionen Euro in Forschungsarbeiten investiert worden, aber man sei „noch lange nicht am Ende“. Die Sprengkörper am Meeresgrund sind heute sogar gefährlicher als vor Jahrzehnten, als man sie versenkte. Von einer „schleichenden Gefahr“ sprach der Kieler Toxikologe Edmund Maser.

Gefahr für Meerestiere steigt

Weil die metallenen Munitionskörper nach über siebzig Jahren im Salzwasser immer mehr verrosteten und Sprengstoff sowie Kampfmittel an das Meerwasser und den Grund abgäben, steige die Gefahr für die Meeresbewohner, für Muscheln, Fische oder Säuger. An Untersuchungen von Muscheln in der Nähe der alten Kampfstoffe konnten Abbauprodukte im Muskelfleisch nachgewiesen werden.

Dennoch sah der Chef des Kieler Instituts für Toxikologie, das um seinen Fortbestand kämpft, „keinen Grund für Panik“. Mögliche Belastungen, etwa von Fischen, müssten im Rahmen eines Monitoring untersucht werden. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) verlangte indes ein Fischereiverbot in besonders betroffenen Meeresgebieten.

Sprengung löst Problem nicht

Einig waren sich die Experten weitgehend darin, dass die Sprengung der brisanten Altlasten „nicht das Optimum“ sei, wie es Siegmund Schlie formulierte. Am Grund der See sei einfach zu wenig Sauerstoff vorhanden, damit Spreng- und Kampfstoffe vollständig vernichtet werden könnten. Und Sternheim plädierte für eine systematische Überwachung der Munitionsaltlasten. Während Kiel bereits viel tue, stehe auch der Bund in der Pflicht. „Wir brauchen von der Politik ein proaktives Verhalten, kein Abwarten mehr wie in den letzten 70 Jahren“, forderte er. Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) hat das brisante Altlastenthema auf die Tagesordnung der nächsten Innenministerkonferenz gesetzt.

Reinhard Zweigler

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