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Norddeutschland Safe-Shorts: Sinnvoller Schutz oder trügerische Sicherheit?
Nachrichten Norddeutschland Safe-Shorts: Sinnvoller Schutz oder trügerische Sicherheit?
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18:10 17.02.2018
Die Schutzhose ist durch Schnüre und ein Schloss mit Alarm gesichert.
Die Schutzhose ist durch Schnüre und ein Schloss mit Alarm gesichert. Quelle: Fotos: Tecos
Oberhausen/Lübeck

Der Anlass für die Erfindung ist ein trauriger. „Vor etwa zwei Jahren bin ich Opfer eines Überfalls geworden“, erzählt Sandra Seilz. Beim Joggen hätten drei angetrunkene Männer sie geschnappt, festgehalten und versucht, ihr die Hose herunterzuziehen. Ein Passant kam ihr zur Hilfe, Seilz konnte fliehen. „Das gab den Anstoß. Ich wollte eigentlich nur einen Schutz für mich“, erzählt die Geschäftsführerin der Tecos GmbH in Bottrop, die Erfindungen vermarktet. Über die dortige Hochschule kam sie mit einem Designer in Kontakt. Gemeinsam entwickelten sie in sieben Monaten ein Modell, das es männlichen Angreifern schwer machen soll.

Die Schutzhose „Safe Shorts“ ist durch Schnüre und ein Schloss mit Alarm gesichert. Quelle: Fotos: Tecos
„Die einzelnen Komponenten sind alle nicht neu, im Zusammenspiel aber sehr effektiv.“ Sandra Seilz, Erfinderin

Die Safe-Shorts ist nach Angaben des Herstellers aus reiß- und schneidefestem Material gefertigt, das auch für kugelsichere Westen und im Gebäudeschutz verwendet wird. Zusätzlich sollen Schnüre entlang der Taille, die sich im Schritt kreuzen und mit einem Schließmechanismus fixiert werden können, dafür sorgen, dass die Hose nicht mal einfach ausgezogen oder heruntergezogen werden kann.

Zerrt jemand an der Hose, wird ein 130 Dezibel lauter Alarm ausgelöst. „Das ist so laut wie der Start eines Düsenjets“, erläutert Seilz. „Die einzelnen Komponenten sind alle nicht neu, im Zusammenspiel aber sehr effektiv.“

Catharina Strutz-Hauch vom Frauen-Notruf Lübeck ist skeptisch. „Das ist doch ein vermeintlicher Schutz. Die Hose bietet keine Gewähr dafür, dass keine Gewalt ausgeübt wird“, kritisiert sie. Auch könne die Gewalt durch die Safe-Shorts eskalieren: „Wie reagiert der Angreifer?“ Strutz-Hauch sieht überdies nicht die Frauen in der Verantwortung, sich zu schützen. „Männer sind in der Verantwortung, sich nicht grenzverletzend zu verhalten.“ Beim Landespolizeiamt in Kiel geht man nicht davon aus, dass die Safe-Shorts Sexualstraftaten verhindern kann. Sprecher Torge Stelck fürchtet eher, dass das Produkt falsche Sicherheit suggeriert. Es gehöre zudem zu den „Vergewaltigungsmythen“, dass sexuelle Übergriffe überfallartig und von Fremden kämen. Dabei werde die tatsächliche Kriminalitätslage, insbesondere vor dem Hintergrund sexueller Gewalt im sozialen Umfeld, völlig verkannt. Aminata Touré, frauenpolitische Sprecherin der Grünen nannte es „traurig und bedauerlich, dass es solche Erfindungen gibt, weil Frauen sich nicht sicher fühlen“. Das zeige eigentlich nur das Ausmaß der Angst. „Ich möchte keiner Frau vorschreiben, was sie machen soll.“ Touré mahnte gesellschaftliches Umdenken an. „Die Safe-Shorts löst das Problem ja nicht.“

Trotz der Kritik, die Safe-Shorts verkauft sich: „Wir haben über unseren Online-Shop in mehr als 35 Länder geliefert“, berichtet die Erfinderin. Und dabei habe man bisher kaum Werbung gemacht. Ein erster Flyer liegt inzwischen in einigen Lübecker Arztpraxen aus. Die Kundinnen seien meist 20 bis 40 Jahre alt, so Seilz, die jetzt auch jüngere Kundinnen gewinnen will. „Wir wollen eine Werbekampagne in Discos starten.“ Auch dort bestehe die Gefahr von Übergriffen – nach Einsatz von K.o.-Tropfen.

Einen hundertprozentigen Schutz vor Vergewaltigung allerdings könne auch die Sicherheitshose nicht bieten, räumt Seilz ein. Man habe aber Zeit, den Überraschungseffekt zu nutzen. Weitere Informationen zur Prävention gibt es auf der Internetseite der Polizei unter www.polizei-beratung.de

Von Julia Paulat