Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Satellitenbilder zeigen riesige Blaualgen-Teppiche auf der Ostsee
Nachrichten Norddeutschland Satellitenbilder zeigen riesige Blaualgen-Teppiche auf der Ostsee
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:31 26.07.2019
Satellitenbild zeigt riesigen Blaualgen-Teppich in der Ostsee. Quelle: Sveriges meteorologiska och hydrologiska institut/Grafik Benjamin Barz
Norrköping

Während das Landesumweltministerium Anfang der Woche schon Alarm geschlagen und vor einem Blaualgen-Teppich in der zentralen Ostsee vor Schweden und Dänemark gewarnt hat, zeigen Satellitenbilder des Schwedischen Meteorologischen und Hydrografischen Instituts (SMHI) nun riesigen Blaualgenteppiche auf großen Teilen der Ostsee. Demzufolge besteht auch an der deutschen Küste das Risiko von Oberflächenansammlungen der Cyanobakterien.

„Ja, im Moment gibt es in den meisten Teilen der gesamten Ostsee Cyanobakterien, die meisten Küsten weisen mehr oder weniger Anschwemmungen vor. Auch an der deutschen Ostseeküste gibt es Ansammlungen in der südlichen Ostsee bis nach Rügen“, sagt der schwedische Ozeanograf Dr. Jörgen Öberg. „Das scheint jedoch nicht so stark westlich von Rügen der Fall zu sein, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch dort vereinzelt Cyanobakterien im Wasser sind.“

Satellitenbild zeigt riesigen Blaualgen-Teppich in der Ostsee. Quelle: Sveriges meteorologiska och hydrologiska institut/Grafik Benjamin Barz

Institut überwacht Ostseeraum

Das Institut wertet Satellitenbilder aus und erhält Hinweise, ob und wo sich Blaualgenblüten auf oder unter dem Wasser befinden. Monatlich werden Proben entnommen – in der vergangenen Woche konnte so alle drei Blaualgenarten festgestellt werden.

Aktuelle Satellitenbilder zeigen tatsächlich Anschwemmungen vor der Küste Rügens. Bereits am Donnerstag sorgten diese Bilder aus der Lübecker Bucht für Aufregung. Darauf zu sehen: gelb-grüne Schlieren auf der Wasseroberfläche. Auch vor Rügen wurde ein großer Algenteppich beobachtet. Norbert Wasmund vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde sprach vor Blaualgen vor Rügens Küste. „Auf jeden Fall kann ich sagen, dass das Gelbe ein Blaualgenteppich ist, der vom Wind an die Küste getrieben wurde.“

Die Satellitenbilder zeigen die Verbreitung der Blaualgen auf der Ostsee. Orange: Starke Ansammlung von Cyanobakterien. Gelb: Risiko für Ansammlung von Cyanobakterien. Quelle: Sveriges meteorologiska och hydrologiska

Landesamt in Mecklenburg-Vorpommern kann Gefahr nicht feststellen

Bei den Landesämtern in Mecklenburg-Vorpommern gibt es aktuell jedoch keine Informationen über eine kritische Belastung der Ostseeküste. „Sollte dies festgestellt werden, sprechen die jeweiligen Gesundheitsämter Warnhinweise, bzw. Badeverbote aus“, sagt Eva Klaußner-Ziebarth, Referentin für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt. Die Informationen über die Dicke und Vielfalt des vermeintlichen Blaualgenteppiches erhalte das Ministerium vom Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg.

Nachdem Anfang der Woche ein großer Blaualgenteppich auf der zentralen Ostsee vor den Küsten von Dänemark und Schweden entdeckt wurde, haben Augenzeugen Algen vor Rügen fotografiert.

Katrin Brenner, Pressesprecherin des BSH, sagt jedoch, dass die genaue Zusammensetzung des Teppiches auf der Ostsee immer noch unklar sei. Für die direkte Beprobung der Badestrände von MV wären die jeweiligen Gesundheitsämter der Landkreise zuständig, für die der zentralen Ostsee hingegen das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung). Auf Nachfrage sagt Meeresbiologe Mario Weber vom Lung jedoch, dass das Schiff, mit dem die Beprobungen durchgeführt werden, im Moment nicht genutzt werden kann: „Da gibt es einen Maschinenschaden.“ Somit kann man derzeit von Seiten der Landesämter nicht feststellen, welche Gefahr von dem Teppich auf der Ostsee wirklich ausgeht.

Das kann Urlauber Heiko Hanisch aus Aschersleben (Sachsen-Anhalt), der zurzeit in Sassnitz ist, nicht nachvollziehen. „Wir haben Algen gesehen und werden nicht ins Wasser gehen. Wir sind nicht aufgeklärt worden“, sagt er.

Hygieneinspektoren an Badestränden unterwegs

Friedhelm Lägel ist Hygieneinspektor beim Gesundheitsamt im Kreis Vorpommern-Rügen. Gemeinsam mit einem Kollegen war er am Freitag an den Badestränden zwischen Mönchgut und Lome unterwegs. „Wir konnten keine Massenvermehrung von Blaualgen feststellen“, sagt Lägel. Zwar habe man vorsorglich eine Probe im Badegewässer bei Prora genommen, jedoch sei es ihrer Einschätzung nach unwahrscheinlich, dass eine gefährliche Konzentration der Cyanobakterien ermittelt wird. „Sollten Menschen auf dem Königsstuhl Schlieren im Wasser sehen, sind das in der Regel Ansammlungen von Bakterien, die ganz natürlich in der Ostsee vorkommen.“

Blaualgen-Lage kann sich stündlich ändern

Blaualgen sind eine Form der Cyanobakterien, die im Wasser zu einer grünlichen oder blau-grünlichen Färbung führen. Sie gehören zu den ältesten Lebensformen überhaupt und können die Richtung des Lichteinfalls wahrnehmen. Sie sind in geringer Konzentration immer im Badewasser enthalten und dann ungefährlich. Bei hohen Temperaturen kann es aber zu einer massenhaften Vermehrung kommen. 

Regelrechte Blaualgenteppiche gebe es direkt an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns derzeit zwar noch nicht, sagt Dr. Martina Littmann vom Landesgesundheitsamt in Rostock. Die Konzentration der Cyanobakterien im Badegewässer sei jedoch „sehr wind- und wetterabhängig, innerhalb weniger Stunden kann sich die Situation verändern“. 

„Unter windarmen Wetterbedingungen reichern sich die fädigen Blaualgen mit der Zeit kontinuierlich unter und an der Wasseroberfläche an“, heißt es auch im Algenreport des Kieler Umweltministeriums. Strömungen könnten eine Verdriftung in die Uferbereiche verursachen. „Diese Prozesse können rasch und innerhalb weniger Tage ablaufen“, warnen die Experten.

Wie das Gesundheitsamt Vorpommern-Greifswald bestätigt, ist ein Blaualgen-Teppich am Strand von Bellin am Stettiner Haff in direkter Nähe von Ueckermünde festgestellt worden. Meeresbiologe Mario von Weber sagt jedoch, dass diese Belastung nicht von der Ostsee komme, sondern aus Nährstoffanreicherungen aus der Oder.

Wind und Wellen zerschlagen Teppiche

Nach Angaben von Michael Bauditz vom Deutschen Wetterdienst (DWD) herrscht aktuell ein schwacher bis mäßiger Wind aus östlicher bis nordöstlicher Richtung, was dafür spricht, dass die Algen aus der zentralen Ostsee Richtung Küste getrieben werden. Allerdings nehme ab Freitagabend der Nord-Ost-Wind zu, es kann zu frischen Winden mit teilweise starkem Wellengang kommen. In diesem Fall würden sich die Blaualgenteppiche ohnehin zerschlagen.

Mehr zum Thema:

An der Lübecker Bucht droht Blaualgen-Alarm

Moritz Naumann und Katharina Ahlers